24. September 2026, 11:04 Uhr | Emschergenossenschaft/Lippeverband
Parallel zum Holzbach hat die Emschergenossenschaft im Rahmen des Generationenprojektes Emscher-Umbau einen unterirdischen Abwasserkanal verlegt. Dieser ist nicht nur die Grundvoraussetzung für die Abwasserfreiheit des Gewässers und für seine spätere Renaturierung, sondern bringt einen weiteren erheblichen Mehrwert mit sich: Wärme für die Eichkampsiedlung! Abwasser ist konstant warm, weswegen es großes Potenzial für die Energiegewinnung besitzt. Im Rahmen eines Aquathermie-Projektes der Emschergenossenschaft, ihrer Tochtergesellschaft Betrem sowie der Energie Service Plus (eine 100-prozentige Tochter der LEG) werden nun zum Energieentzug aus dem Abwasser Wärmetauscher in den Holzbach-Kanal eingebaut.
In Gelsenkirchen-Resser Mark – zirka fünf Kilometer nordöstlich vom Gelsenkirchener Zentrum – betreibt das Wohnungsunternehmen LEG das Wohnquartier „Eichkamp“, für dessen Energieversorgung ihre Tochtergesellschaft Energie Service Plus GmbH (ESP) zuständig ist. Die ESP versorgt seit 2016 Mieter*innen der LEG mit Energie. Die Gebäude der LEG werden durch ESP mit moderner Energietechnik für eine effiziente Wärme- und Stromversorgung ausgestattet. Sie bieten Mieterstrom, innovative Quartierskonzepte mit E-Ladesäulen und die Sektorenkopplung von Strom und Wärme in Wohnquartieren der LEG als wichtige Faktoren in der Energiewende. Unmittelbar östlich der Eichkampsiedlung verläuft der unterirdische Holzbach-Abwasserkanal des Wasserwirtschaftsverbandes Emschergenossenschaft.
„Die Wärmewende beginnt nicht immer mit einer neuen Energiequelle, sondern oft mit einem neuen Blick auf vorhandene Infrastruktur. Mit der Nutzung der Wärme aus dem Abwasser erschließen wir für die Eichkampsiedlung eine lokale und verlässlich verfügbare Energiequelle. Gemeinsam mit der Emschergenossenschaft und Betrem bringen wir damit innovative Technik in die Praxis und schaffen eine wichtige Grundlage für eine klimafreundlichere Wärmeversorgung unserer Mieterinnen und Mieter“, so Joachim Ditzen, Geschäftsführer der ESP.
Im Rahmen des Abwasserwärme-Vorhabens wird von der Betrem GmbH, ihrerseits 100-prozentige Tochter der Emschergenossenschaft, in Kürze ein 109 Meter langer Wärmetauscher in den Holzbach-Kanal eingebaut. Der Wärmetauscher besitzt eine Soll-Entzugsleistung von 375 kW, geplant ist eine Wärmebereitstellung von ca. 1.400 MWh/a. Beginnen soll sie ab dem 1. März 2027.
Für Dagmar Dörtelmann, Sprecherin der Geschäftsführung der BETREM GmbH, ist das Kooperationsprojekt eine spannende und konsequente Ergänzung bereits umgesetzter und in Umsetzung befindlicher Vorhaben: „Die Aquathermie ist gerade für Bestandsquartiere eine sehr gute Option für eine moderne und nachhaltige Wärmeversorgung. Das Projekt soll der Ausgangspunkt für eine Reihe weiterer sein, mit denen wir die Abwasserwärme im Einzugsgebiet von Emschergenossenschaft und Lippeverband ausrollen.“
Duschen, Kochen, Putzen – alltägliche Vorgänge, bei denen jedes Mal Abwasser anfällt. Was dann in den unterirdischen Kanälen verschwindet und am Ende in der Kläranlage landet, ist weit mehr als ein Abfallprodukt: Der stetige Strom an Abwasser ist besonders aufgrund seiner konstant hohen Temperatur eine verlässliche Energiequelle. Bisher spielt Abwasser in der öffentlichen und politischen Debatte zur Energiewende leider immer noch eine untergeordnete Rolle. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Abwasser wird es immer geben. Es ist eine lokale, sichere, regenerative und langfristig verfügbare Energiequelle und unkompliziert nutzbar.
In Frankreich ist die Aquathermie bereits eine gängige Technologie. Der Elysée-Palast (Sitz des französischen Präsidenten), der Senat sowie das Gebäude der Assemblée Nationale (Nationalversammlung) werden unter anderem auch mit aus dem Pariser Abwasserkanalnetz gewonnener Wärme geheizt. In Deutschland fließt täglich eine gigantische Menge Abwasser durch hunderttausende Kilometer Kanalnetz, das bisher weitgehend ungenutzte Restwärme enthält. Mit dieser Restenergie könnten in Deutschland 4 bis 12 Millionen Menschen klimafreundlich heizen.
Das Ruhrgebiet ist mit seinen über fünf Millionen Einwohner*innen eines der größten Ballungsgebiete in Europa. Das bedeutet auch: Nirgendwo ist das unterirdische Kanalnetz so dicht wie direkt vor unserer Haustür. „Darin schlummert ein gewaltiges Potenzial an bisher ungenutzter Energie. Nicht nur ökologisch liegt hier ein Schatz, den es zu heben gilt. Auch ökonomisch ist die Abwasserwärmenutzung eine ernst zu nehmende Alternative zu fossilen Energieträgern und bietet ein hohes Maß an Versorgungssicherheit“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft. Vor allem die Kommunen stehen aktuell vor dem Hintergrund hoher Energiepreise vor der Herausforderung, eine Wärmeplanung aufzustellen. Abwasserwärme kann einen nachhaltigen und effizienten Baustein eines ganzheitlich betrachteten, kommunalen Wärmekonzepts bilden. Insbesondere für Abnehmer wie Seniorenwohnheime, Bäderbetriebe oder Kläranlagenbetreiber ist Abwasserwärme eine sinnvolle Möglichkeit, sich von fossilen Energieträgern unabhängig zu machen.
Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern wie Öl, Kohle und Gas – die nur endlich verfügbar sind und über ihre Verbrennung klimaschädliche Emissionen mit erheblichen Folgeschäden und -kosten erzeugen – ist Abwasser fast überall und dauerhaft verfügbar und hat selbst in den Wintermonaten relativ hohe und konstante Temperaturen. Die warme Dusche, das abgegossene Nudelwasser oder die Toilettenspülung – das alles mischt sich zu einem Abwasser, das die Haushalte mit einer Durchschnittstemperatur von 25 Grad verlässt. Fließt das Abwasser durch die unterirdischen Kanäle, hat es durch die gute Isolierung des Erdreichs eine Durchschnittstemperatur von rund 10 bis 15 Grad, je nach Jahreszeit. Wird ein Wärmetauscher im Kanalrohr oder idealerweise im Ablauf einer Kläranlage installiert, überträgt er die Wärme und macht diese in Kombination mit einer Wärmepumpe für den Heizkreislauf nutzbar – so wie künftig in der Eichkampsiedlung in Gelsenkirchen!
Erstklassige Infrastruktur: die Abwasserkanäle und Kläranlagen von EGLV
Mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und der daraus resultierenden Dichte des Kanalnetzes in Verbindung mit mehreren Großkläranlagen ist das Ruhrgebiet wie keine andere Region in Deutschland dafür geeignet, mit Abwasserwärme zu heizen und zu kühlen. Mehrere Hundert Kilometer dieses dichten Kanalnetzes gehören der Emschergenossenschaft und ihrer Schwesterorganisation Lippeverband (gemeinsam: EGLV) – und jeder dieser Kanäle ist eine potenzielle Wärme-Autobahn. „Wenn nur zehn Prozent der potenziellen Abwasserwärme genutzt würden, könnte das EGLV-Netz den Wärmebedarf einer mittelgroßen Stadt mit zirka 30.000 Einwohner*innen decken“, so Uli Paetzel.
Am 14. Dezember 1899 als erster deutscher Wasserwirtschaftsverband gegründet, ist die Emschergenossenschaft heute gemeinsam mit dem 1926 gegründeten Lippeverband Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen und Pumpwerken. Die Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Unternehmens sind die Abwasserentsorgung, der Hochwasserschutz sowie die Klimafolgenanpassung. Ihr bekanntestes Projekt ist der Emscher-Umbau (1992-2021), bei dem die Emschergenossenschaft im Herzen des Ruhrgebietes eine moderne Abwasserinfrastruktur baute. Dafür wurden 436 Kilometer an neuen unterirdischen Abwasserkanälen verlegt und vier Großkläranlagen gebaut. Rund 340 Kilometer an Gewässern werden insgesamt renaturiert. Parallel entstanden in enger Kooperation mit den kommunalen Partnern über 360 Kilometer an Rad- und Fußwegen, die das neue blaugrüne Leben an der Emscher und ihren Nebenläufen erleb- und erfahrbar machen.