02. November 2015, 11:05 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. Die Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen ruft alle Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener auf: Beziehen Sie mit Ihrer Teilnahme an Demonstration und Kundgebung Stellung für Respekt, Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.
Die Veranstaltung beginnt am 9. November 2015 um 18:30 Uhr mit einem Schweigezug. Treffpunkt ist der Schulhof des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums, Hammerschmidtstraße 13 in Gelsenkirchen. Der Schweigezug führt zum Alten Jüdischen Friedhof an der Ecke Wanner Straße / Oskarstraße vorbei am umgewidmeten Kriegerdenkmal auf dem Gelände des früheren Schalker Vereins.
Auf der Abschlusskundgebung spricht Frank Baranowski, Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen und Schirmherr der Demokratischen Initiative.
Am Mahnmal am früheren Schalker Verein wird der Historiker Prof. Dr. Wilfried Reinighaus eine historische Einordnung und eine erinnerungskulturelle Würdigung des umgewidmeten Kriegerdenkmals vornehmen. Er ist Vorsitzender der Historischen Kommission für Westfalen (beim LWL) und war Präsident des Landesarchivs NRW.
Traditionell endet die Veranstaltung mit dem Moorsoldatenlied.
Der Aufruf der Demokratischen Initiative im Wortlaut:
Für Respekt, Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit
Seit 1964 gedenken Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener am 9. November der Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Jahr 1938. Nach zahlreichen antisemitischen Maßnahmen waren die Novemberpogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die zynisch „Reichskristallnacht“ genannt wurden, ein Schlüsselereignis der Gewalt- und Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus.
Die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung und anderen Menschengruppen sowie schließlich der als Vernichtungskrieg geführte Zweite Weltkrieg wurden in einer Gesellschaft möglich, die durch extremen Nationalismus, Rassismus, antidemokratisches Denken und Kriegsverherrlichung geprägt war.
Um auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, führt die diesjährige Demonstration zum Alten Jüdischen Friedhof, der von jüdischem Leben in unserer Stadt seit dem 19. Jahrhundert zeugt, vorbei am Gelände des früheren Schalker Vereins, wo 1937 ein Kriegerdenkmal von den Nationalsozialisten beim pompös inszenierten „Tag der nationalen Arbeit“ eingeweiht wurde.
In seiner ursprünglichen Gestaltung knüpfte das „Kriegerehrenmal“ an die im Nationalsozialismus heroische Interpretation des Ersten Weltkrieges und der darin gefallenen Soldaten an. Dies belegen zum einen die Inschrift „Sie starben für Deutschland“ und zum anderen der symbolische Gehalt des zentralen Gestaltungselementes - ein überdimensionales, lorbeerumranktes Schwert. Der Ehrenhof um das Ehrenmal wurde bis in den Zweiten Weltkrieg regelmäßig als Aufmarschplatz genutzt, auf dem die Belegschaft des Schalker Vereins auf den nationalsozialistischen Krieg eingeschworen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr das Kriegerdenkmal einen Bedeutungswandel: Auf der Fläche des vormaligen Ehrenhofs entstand über die Jahre eine baumbestandene Grünfläche. In seiner neuen Raumsituation verlor das Kriegerdenkmal - obwohl die Ästhetik nicht verändert wurde - einen Gutteil seiner heroisierenden Intention und entwickelte sich eher zum Ort stiller Trauer, auch weil das Denkmal nach der Befreiung vom Nationalsozialismus um eine Erinnerung an die Toten des Zweiten Weltkrieges ergänzt worden war.
Mit der weiteren Veränderung der Erinnerungskultur geriet das Denkmal in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in Vergessenheit. Obwohl das Denkmal nationalsozialistischer Ästhetik folgt und auch einen aggressiven Eindruck vermitteln will, hat sich im Laufe der Jahre der „Sinn“ des Denkmals und dessen Wahrnehmung vor dem Hintergrund eines geänderten Geschichtsverständnisses weiter verändert.
Für die städtische Gesellschaft ist das Kriegerdenkmal des Schalker Vereins so in mehrfacher Hinsicht ein Zeugnis der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts - und auch der Gelsenkirchener Industriegeschichte.
Daher wurde bei der Revitalisierung des früheren Werksgeländes des Schalker Vereins beschlossen, dass sich die heutige Stadtgesellschaft auch selbstkritisch mit diesem hinterlassenen Zeugnis ihrer Geschichte stellen muss. So ist das Denkmal in einen neuen Kontext verlagert worden, es wird nun in seinem historischen „Sinn“, seiner Umdeutung und seinem heutigem Verständnis „erklärt“. Und es wird ergänzt um die Mahnung zu Frieden und Völkerverständigung.
Die Veranstaltung zum Gedenken an die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung schafft damit einen Erinnerungsort, der den Wandel unserer Auseinandersetzung mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhundert und dem Nationalsozialismus sichtbar macht. Das Denkmal soll so Anstoß zu „denk mal“ sein.
Aktuell ist unsere Gesellschaft mit der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge vor viele Probleme gestellt. Ein großer Teil der Bevölkerung heißt die Asylbewerber freundlich willkommen und hilft ihnen tatkräftig vor Ort, aber rechte Populisten schüren auch Ängste und es gibt auch schon wieder die ersten Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte.
Hier gilt es für uns Demokraten wachsam zu sein und aktiv an der Bewältigung der Probleme mitzuwirken.
Die Demokratische Initiative ruft daher alle Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens auf, jeder Form von Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt entschieden entgegenzutreten. Wachsamkeit, Nachbarschaftshilfe, Mut, Zivilcourage und Engagement im Alltag finden unsere Unterstützung. Demokratie muss täglich gelebt werden, Erinnerung ist ein wichtiger Teil davon.
Beziehen Sie mit Ihrer Teilnahme an der Demonstration und Kundgebung Stellung!“