21. Oktober 2008, 09:19 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Es geistert viel Humbug durch die Medien. Ängste vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands werden geschürt, ausländische Mitbürger als integrationsunwillig dargestellt. Also, ich mache in Gelsenkirchen Tag für Tag andere Erfahrungen.
Zum Beispiel auf Hof Holz zum Abschluss der diesjährigen städtischen Sprachcamps. 165 Kinder aus Zuwandererfamilien haben zwei Wochen lang in den Herbstferien spielerisch ihre deutschen Sprachkenntnisse vertieft - ganz nebenbei, während sie ein Theaterstück einstudierten, eine Zirkusvorführung erarbeiteten oder die Erlebniswelt Bauernhof entdeckten. Das Ergebnis hat mich zutiefst beeindruckt. Kinder strahlten aus Freude über das Geleistete und über die Anerkennung. Aber auch darüber, diese so widerspenstige deutsche Sprache, die im Unterricht so oft Probleme macht und sie so oft ausschließt, wieder ein bisschen besser zu beherrschen, ein wenig mehr mitreden zu können, ein wenig mehr dazu zu gehören. Eltern waren stolz darauf, dass ihren Kindern gelingt, was ihnen fast ausnahmslos allen sehr wichtig ist.
Es sind Erlebnisse wie dieses, die mir zeigen, dass Zuwanderer durchaus integrationsbereit und dankbar sind für jede Hilfestellung. Auch ein Drittel der Eltern lernt mittlerweile ebenfalls im Sprachcamp mit. Sie alle wissen: Sprache ist der Schlüssel für Integration, für Bildung und für die Vermeidung von Arbeitslosigkeit.
Über 35.000 Gelsenkirchener haben keinen deutschen Pass, weitere 23.000 mit deutschem Pass haben einen Migrationshintergrund - da sind die ganzen Ur-Einwanderer, die Kowalskis, die Kuzorras und auch die Baranowskis, noch gar nicht mitgezählt, die ja auch allesamt nicht eben unter der Seilscheibe geboren wurden.
Ein Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund von 22 % und ein Migrantenanteil von gut 50 % in den städtischen Kindertageseinrichtungen: Das stellt die Stadt vor eine gewaltige Integrationsaufgabe. Keine Frage. Aber auch nicht erst seit gestern. Herausforderung und Chance von Migration haben wir hier seit Jahrzehnten klar vor Augen. Als andere in der Bundesrepublik noch beharrlich verneinten, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, haben wir uns schon Konzepte interkultureller Bildung überlegt. Einfach weil es nötig war. Mittlerweile nutzen auch andere unseren Erfahrungsvorsprung. Die Sprachcamps etwa waren ein Modellprojekt des Landes, das 2004 in Gelsenkirchen gestartet ist und Standards für andere Städte gesetzt hat.
Interkulturelle Erziehung und planmäßige Sprachförderung von Migranten ist für uns ein ganz wichtiges Feld, das wir gezielt und systematisch bereits in den Kitas angehen. In 28 Kindertageseinrichtungen beschäftigen wir darüber hinaus interkulturelle Fachkräfte. Im Grundschulbereich gibt es eine koordinierte Sprachförderung durch die RAA - gerade im offenen Ganztagsbetrieb.
Einen Migrationshintergrund haben wir in Gelsenkirchen eigentlich alle
Insgesamt fügen sich hier viele kleine Steinchen zu einem Mosaik zusammen: beispielsweise die Gelsenkirchener Elternschule mit ihren muttersprachlichen Angeboten, die Krabbelgruppen „Griffbereit", die den spielerischen Spracherwerb fördern, das Projekt „Brücke", in dessen Rahmen 60 Migrantinnen zu Elternbegleiterinnen ausgebildet werden, das „Mercator"-Förderprojekt an weiterführenden Schulen, die Hasseler Bildungsoffensive, auch die Deutschkurse für derzeit 900 Lernende an der VHS gehören dazu.
Sie merken: Unser „Mosaik" ist schon ziemlich flächendeckend. Und das muss es auch sein. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt", ist ein berühmter Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Wenn wir verhindern wollen, dass wir Gelsenkirchener in verschiedenen Welten leben, müssen wir dafür sorgen, dass wir alle dieselbe Sprache sprechen. Und um das zu erreichen, müssen wir uns alle aufeinanderzu bewegen. Denn wir wissen: Zu Segregation, also zur räumlichen und sozialen Absonderung, neigen vor allem die, die keine Chance auf Teilhabe sehen. Erst wer abgewiesen wird, der zieht sich zurück.
Und abweisen hat bei uns im Ruhrgebiet, in Gelsenkirchen zu Recht keine Tradition. Wir sind hier offen für Fremdes, weil wir alle vor gar nicht allzu langer Zeit auch noch Fremde hier waren.
Sorgen wir dafür, dass sich in unserer Stadt niemand lange fremd fühlt!
Ihr
Frank Baranowski