28. Oktober 2008, 09:42 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
„Wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten", ätzte der Wiener Satiriker Karl Kraus einst. Mir scheint das fatalerweise lange Zeit hindurch das heimliche Motto vieler Ruhrgebietskommunen gewesen zu sein.
Denn viele Städte wollten so gern Zentrum von irgendetwas sein, dass sie sich aus dem Ruhrgebiet heraus- und in irgendein infrastrukturschwaches Hinterland hineinorientierten, um umso stärker strahlen zu können. Simpel ausgedrückt suchten sich viele von ihnen schlicht Schwächere zum Spielen und meinten, dadurch selbst umso stärker erscheinen zu können.
Dabei hatten sie das gar nicht nötig. Denn die Städte des Reviers sind keine Zwerge. Sie müssen sich nur auf ihre - je unterschiedlichen - Stärken besinnen. Das geschieht derzeit. Die Städte in der Metropole Ruhr sind heute mehr denn je entschlossen, sich als Einheit zu verstehen und damit den Schritt nachzuvollziehen, den ihre Bürger schon längst getan haben. Die sind selbstverständlich Bürger des Ruhrgebiets, weil sie in Essen einkaufen, in Bochum studieren, in Gelsenkirchen ins Musiktheater gehen und in Herne wohnen. Man muss schlicht die Realitäten zur Kenntnis nehmen.
Die erste ist: Für den Ruhrgebietler haben Grenzen von Regierungsbezirken und Landschaftsverbänden, zunehmend aber auch solche von Städten, keine Bedeutung. Hier ist ein eigenständiger Kulturraum entstanden. Und ich kenne keinen Essener, der von sich behaupten würde, er sei vorrangig Rheinländer, und keinen Gelsenkirchener, der sich ausschließlich als Westfalen bezeichnet. Nein: Man ist „aus'm Pott"! Dieselbe montanindustrielle Vergangenheit hat zwischen Duisburg und Hamm Strukturen geschaffen und hinterlassen, die bis heute die große Gemeinsamkeit erzeugen.
Wir brauchen enge Kooperation und gemeinsame Planung der Städte
Die zweite Realität ist eine noch viel zwingendere: Wir können einfach nicht ohne einander! Die Städte im Ruhrgebiet sind viel zu eng beieinander, als dass irgendjemand einen Ego-Trip unternehmen könnte, ohne anderen Schaden zuzufügen. Wenn wir versuchen, in einen ruinösen Standortwettbewerb um Gewerbeansiedlungen und Leuchtturmprojekte einzusteigen, würden wir unsere Städte kaputtmachen - übrigens auch die Städte, die kurzfristig als Sieger aus einem solchen hervorgingen, weil sie es oft um jeden Preis tun. Dagegen wollen und müssen wir auf enge Kooperation und eine kluge und nachhaltige gemeinsame Planung setzen. Teilweise machen wir das bereits: So konnte zum ersten Mal ein gemeinsamer Regionaler Flächennutzungsplan zusammen mit Bochum, Essen, Herne, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr aufgestellt werden.
Die Zukunft Gelsenkirchens kann nur in der Region liegen. Und die Zukunft des ganzen Ruhrgebiets ist entweder eine gemeinsame oder es ist gar keine!
Die dritte Realität: Es besteht in diesen Tagen eine historische Chance, die wir nicht leichtfertig vertändeln sollten. Mit der Kulturhauptstadt-Initiative steht die Metropole Ruhr im Fokus der Öffentlichkeit und beweist, was hier geht, wenn Eitelkeiten überwunden werden. Was ein starkes, einiges Ruhrgebiet an öffentlicher Wahrnehmung erzielen kann, haben wir in den letzten Tagen gesehen, als „Der Spiegel", „Stern" oder „Süddeutsche Zeitung" große, positive Sonderbeilagen zum Revier brachten.
Und auch die Bürger beginnen, sich dafür einzusetzen, dass zusammenwächst, was zusammen gehört. Gut so! Diesen Schwung müssen wir mitnehmen auf dem Weg zu einer ungewöhnlichen, bunten und polyzentrischen Metropole Ruhr. Aber es gibt dabei viele Fallen, in die man unterwegs tappen kann - vor allem in der Frage, welche Struktur man der Metropole Ruhr gibt.
Eine administrative Klammer für das Revier
Fakt ist: Das Ruhrgebiet braucht eine administrative Klammer. Und es braucht sie möglichst schnell. Fakt ist auch, dass diese Verklammerung mit einem Mehr an Selbstbestimmung des Reviers verbunden sein muss. Wir alle wollen ja eine kommunale Selbstverwaltung des Ruhrgebiets als Ganzes. Aber wer eine Ruhrstadt will, kann keinen Regierungsbezirk Ruhr wollen. Denn das hieße de facto: Das Land Nordrhein-Westfalen würde das Revier regieren und nicht die Menschen, die hier leben.
Deshalb sollten wir nicht alles dankbar annehmen, was nach gemeinsamer Klammer aussieht, sondern vorher gut überlegen, wie das Ziel am besten erreicht werden kann. Dass wir es gemeinsam erreichen wollen, ist, denke ich, jedem klar.
Bauen wir weiter an der ausgefallensten Metropole der Welt!
Ihr
Frank Baranowski