06. November 2008, 10:01 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Am Sonntag vor 70 Jahren, am 9. November 1938, brannten auch in Buer und Gelsenkirchen die Synagogen. Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden geplündert und zerstört, sie selbst gedemütigt und gequält.
Die Verbrechen jenes zynisch „Reichskristallnacht" genannten Ereignisses waren Ausdruck eines zwar staatlich legitimierten und forcierten Terrors, der aber von breiten Bevölkerungskreisen mitgetragen wurde. Es waren auch Gelsenkirchener, die ihre jüdischen Nachbarn nicht nur nach Jahrzehnten plötzlich zu Fremden in ihrer eigenen Stadt machten, sondern ihre physische Vernichtung wollten.
70 Jahre später sollen uns diese Verbrechen Mahnung sein und uns daran erinnern, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, wie schnell er aufreißen kann und sich dumpfer Hass, diffuse Ängste und blinde Aggressionen gegen fast beliebige Opfer wenden können. Auch die jüdischen Bürger Gelsenkirchens wähnten sich in den Jahrzehnten, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, integriert und von ihren Mitbürgern geachtet - von eben jenen, die sie später terrorisierten.
Daran zu erinnern, wird sich niemals erledigen. Diese Erinnerung zu leisten, gebietet uns die Verantwortung vor unserer Geschichte, vor den Taten unserer Eltern- und Großelterngeneration, aber eben auch die Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft. Denn die Erinnerung enthält für uns auch die Verpflichtung, heute aufzuschreien und uns einzumischen, wann immer Menschen von Menschen ausgegrenzt, eingeschüchtert und herabgesetzt werden.
Lassen Sie uns alle gemeinsam das deutliche Zeichen setzen, dass wir in Gelsenkirchen Ausgrenzung, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit entschieden begegnen werden. Seien Sie dabei, wenn am kommenden Sonntag, den 9. November, die Gedenkveranstaltung der Demokratischen Initiative - einem breiten Bündnis aus Parteien, Kirchen und Verbänden Gelsenkirchens - stattfindet!
Ich hoffe, dass möglichst viele Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener an dem Schweigemarsch vom Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtgarten zur Neuen Synagoge teilnehmen und damit klar Stellung beziehen: für Respekt, Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Diskriminierungen!
Zeigen wir, dass wir nie vergessen, was Menschen Menschen antun können! Und zeigen wir auch, dass die heute wieder gut 500 Mitglieder starke Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen, die mit Ihrer im letzten Jahr neu eröffneten Synagoge auch ein Zeichen des Vertrauens gesetzt hat, auf die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener zählen kann!
Ihr
Frank Baranowski