19. November 2008, 10:17 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
70.000 unserer Bürgerinnen und Bürger sind mittlerweile über 60 Jahre alt. Damit stellen die Senioren jetzt schon über 26 Prozent unserer Stadtbevölkerung - und eine starke Gruppe, an der Stadt nicht vorbeigeplant werden darf.
Wie für alle anderen Kommunen des Ruhrgebiets gilt für uns: Wir werden weniger, wir werden bunter - der Anteil der Migranten wird sich erhöhen - und wir werden älter. Der demografische Wandel wird oft als Krisenszenario beschrieben. Ich glaube aber, wir sind in Gelsenkirchen auf gutem Wege, auch die Chance darin zu sehen. Nämlich die Chance, die Stadt weiter für die Menschen zurück zu erobern und sie sozial einzurichten. Wenn weniger Menschen in Gelsenkirchen leben, dann bleibt mehr Stadt für jeden übrig, mehr Platz, mehr Luft, mehr Lebensqualität.
Und auch dass wir immer älter werden, ist ja nichts Schlechtes. Man muss sich allerdings darauf einstellen. Auch der demografische Wandel zwingt uns, Barrieren zu beseitigen und eine Stadt zu schaffen, an der alle Altersgruppen partizipieren können. Das bleibt eine wichtige Aufgabe für die nächsten Jahre.
In der letzten Woche etwa haben wir in Schaffrath die elfte Wohngruppe für Demenzkranke eröffnet. Und in der Feldmark wurde am selben Tag Richtfest eines Neubaus eines vollstationären Hauses mit 52 Plätzen und einem großen Therapiebereich für an Demenz erkrankte Bürgerinnen und Bürger gefeiert. Der Umgang mit Demenz ist eine der Herausforderungen, die den demografischen Wandel begleiten. Nach und nach wollen wir unsere städtischen Seniorenheime umbauen, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein. Auch die höchst beeindruckenden und erfolgreichen Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz, die als „Gelsenkirchener Modell" bekannt geworden und mittlerweile Vorbild für andere Kommunen sind, werden wir weiter ausbauen.
Alter ist aber nicht immer mit Krankheit verbunden. Und die „neuen Alten" nehmen ihre Stadt selbstverständlich in Besitz. Noch vor ein paar Jahren war ein Rollator im Stadtbild etwas Ungewöhnliches. Heute sind Rollatoren so selbstverständlich wie Kinderwagen, und die Barrierefreiheit des öffentlichen Raumes wird dadurch umso wichtiger. Es sind oft nur kleine Unterstützungen und Hilfsmittel, die ältere Mitbürger brauchen, um weiter an ihrer Stadt teilhaben zu können.
Wir sind aktiv, damit sie aktiv bleiben können!
Dazu gehört Unterstützung im Haushalt. Damit sie möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben können, benötigen Senioren Dienstleistungen, die ins Haus kommen, wenn sie nicht mehr zu ihnen gehen können. Mit einem Runden Tisch zu haushaltsnahen Dienstleistungen schafft die Stadt hier Transparenz und objektive Qualitätsstandard, auf die man sich verlassen kann.
Dazu gehören Anlaufstellen der kurzen Wege. Die Stadt kommt den Senioren jetzt im wahrsten Sinn des Wortes entgegen. Anfang nächsten Jahres werden wir das erste Infocenter des Seniorennetzwerks Gelsenkirchen an der Vattmannstraße in der Altstadt eröffnen. Im Laufe des nächsten Jahres sollen zwei weitere folgen, am Ende wollen wir in jedem Stadtbezirk ein Seniorenbüro unterhalten. Dort werden die älteren Mitbürger alle relevanten Dienstleistungen ganz verschiedener Stellen an einem Ort gebündelt vorfinden.
Dazu gehört auch Hilfe zur Selbsthilfe. Die Stadt unterstützt die Gründung von so genannten ZWAR-Gruppen. ZWAR steht für „Zwischen Arbeit und Ruhestand" und soll den Menschen, die gerade in den Ruhestand eingetreten sind, aber weiter aktiv bleiben wollen, ein Forum bieten, um sich zu vernetzen, die Freizeit miteinander zu gestalten, aber auch gemeinsam Projekte in ihren Stadtteilen zu unternehmen. Vier Gruppen mit rund 200 Aktiven haben sich bereits gegründet, zwei weitere werden bald folgen.
Die nächste Bürgerbewegung ist initiativ, selbstbewusst - und sie ist grau
Nur wenn ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger sich einbringen und aktiv ihre Interessen vertreten, wird unsere Stadt wirklich seniorengerecht. Dazu passt auch sehr schön ein Gelsenkirchener Projekt, das jetzt ganz neu als eines von bundesweit 30 ausgewählten Beispielen vom Bundesfamilienministerium gefördert wird: Wir wollen nach dem Vorbild der Knappschaftsältesten in ganz Gelsenkirchen 40 Seniorenvertreter installieren. Diese ehrenamtlichen Kräfte sollen als erste Ansprechpartner vor Ort die Schnittstelle zu Politik und Verwaltung sein, Ideen aufnehmen, Projekte initiieren, Menschen zusammen bringen - und schließlich mit dafür sorgen, dass Seniorinnen und Senioren in Gelsenkirchen ihr Lebensumfeld mitgestalten und sich in ihm wohl fühlen.
Sie merken: Wenn wir von einer seniorengerechten Stadt Gelsenkirchen sprechen, dann sprechen wir nicht bloß von einem Versorgungsumfeld. Nein, wir sprechen von einer aktiven Stadt, einer Stadt auch, die Aktivität für alle ermöglicht. Die nächste Bürgerbewegung ist initiativ, selbstbewusst und kraftvoll. Und sie ist grau.
Es grüßt sie herzlich aus dem Rathaus
Ihr
Frank Baranowski