30. April 2009, 10:48 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
„Um uns selber müssen wir uns selber kümmern", hat Bertolt Brecht einst geschrieben. Zum Tag der Arbeit am 1. Mai sollten wir uns daran erinnern. Und daran, dass Arbeitnehmerrechte nicht gegeben werden, sondern nur genommen.
In diesen Tagen sind viele von uns ratlos. Die Nachrichten von Finanz- und Wirtschaftskrise, von Kurzarbeit und Entlassungen machen uns fast schwindelig. Fest steht: Der internationale Finanzmarktkapitalismus hat sich seine Krise selbst produziert. Und niemand weiß so recht, wie es dazu kam, wer Schuld ist.
Was aber manche jetzt bereits zu wissen glauben, ist, dass wir gerade in der Krise alle kürzer treten müssen. Dass gerade in der Krise nicht der Zeitpunkt für maßlose Arbeitnehmerforderungen sei. Dass gerade in der Krise wir uns keine Investitionen in Umweltschutz, in Bildung, in Kultur leisten können.
Meine Antwort ist: Das einzige, was wir uns nicht leisten können, ist auf diese Dinge zu verzichten! Gerade in der Krise!
Es scheint paradox: Wir alle - nicht nur die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - sehen uns angesichts der Krise, die, so hat es den Anschein, wie eine Naturkatastrophe über uns hereingebrochen ist, in der Defensive, mit unserem politischen Anspruch auf die Gestaltung unseres Lebensumfelds. Und ich frage mich, ob vielleicht gerade jetzt nicht eher andere in der Defensive sein sollten. Diejenigen etwa, die immer noch und ungeniert und nicht leiser als je ihre Meinung von der segensreichen Wirkung eines möglichst unregulierten Marktes in die Welt hinaustrompeten, die weiter die neoliberale Melodie des "Privat vor Staat" spielen.
Die Krise ist eben keine Naturkatastrophe. Sondern die Krise ist von Menschen gemacht. Von solchen nämlich, die eingeschüchtert und verunsichert oder sogar absichtlich und interessensgeleitet die Handlungsmacht der Politik gegenüber einer möglichst unbehelligten Wirtschaftssphäre bestreiten.
Und nur von Menschen kann die Krise überwunden werden. Und zwar nicht, indem man das Wirtschaftssystem repariert und nachher alles wieder so ist vorher. Sondern indem man ein für allemal den Primat der Politik wiederherstellt. Indem man sich der so einfachen Wahrheit erinnert, dass die Menschen arbeiten, um zu leben und nicht leben, um zu arbeiten.
Deshalb ist es wichtig, dass die Politik, dass die Menschen aus der Defensive kommen. Dass gerade jetzt zum Tag der Arbeit auch in Gelsenkirchen wieder Tausende von Menschen, dass die Gewerkschaften auf die Straße gehen und ihr Recht auf Gestaltung der Welt selbstbewusst vortragen. Und dass wir nicht Anhängsel sein wollen oder - wie der Soziologe Oskar Negt es formulierte - „als freudestrahlende Trabanten um die Sonne des Kapitals kreisen" wollen.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski