19. Mai 2009, 15:56 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Es gibt viele nationale Gedenktage in diesem Jahr. Und meist bleiben sie für uns eigentümlich blutleer und abstrakt. Sie berühren uns nicht wirklich. Aber ich bin mir sicher, der 23. Mai 1949 hat auch Ihr Leben entscheidend verändert - meines in jedem Fall.
Denn an diesem Tag trat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Und die 65 Männer und Frauen, die es vor 60 Jahren im Parlamentarischen Rat verabschiedeten und damit das Fundament für eine stabile und moderne demokratische Verfassung der Bundesrepublik legten, die haben sehr viele entscheidende Weichen auch für mein Leben gestellt.
Kein Festakt, keine feierlichen Reden, kein Streichkonzert können mir das vermitteln, was das Grundgesetz eigentlich tagtäglich für mein Leben bedeutet. Das muss man sich alles erst immer wieder klarmachen, was wir diesen Pionieren verdanken! Auch ich selber muss das.
Dass ich 1978 mit 16 Jahren in eine Partei eintreten und mich politisch engagieren konnte, das ist in vielen Ländern der Welt keine Selbstverständlichkeit. Dass ich nach dem Abitur meinen Neigungen entsprechend Germanistik und Geschichte studieren konnte - auch das verdanke ich dem Grundgesetz. Und dass ich in meinem Studium die Gelegenheit bekommen habe, mich auch kritisch mit den bundesrepublikanischen Zuständen auseinanderzusetzen, dass ich Studieninhalte wählen konnte, die dem Zeitgeist zuwider liefen, auch das ist eine Konsequenz aus der grundgesetzlich verbrieften Freiheit von Lehre und Forschung.
60 Jahre Grundgesetz
Ja, schließlich, dass ich überhaupt laut und deutlich eine eigene Meinung formulieren konnte; dass ich Anfang der Achtziger Jahre mit dem „Atomkraft - Nein, danke!"-Sticker am Parka herumlaufen konnte; dass ich gemeinsam mit Hunderttausenden im Bonner Hofgarten gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing II-Raketen demonstrieren konnte - auch das habe ich den Müttern und Vätern des Grundgesetzes zu verdanken.
Ja, selbst die Tatsache, dass es im Laufe eines politischen Lebens auch Phasen gibt, in denen man mit seinem Land hadert, es sich anders wünscht - auch das wird letztendlich erst ermöglicht durch das Grundgesetz.
An diese Freiheiten sollten wir denken, wenn wir jetzt „60 Jahre Grundgesetz" feiern. Und daran, dass Freiheiten nicht konsumiert, sondern immer gelebt und erkämpft werden müssen. Denn nichts kommt von selbst und wenig ist von Dauer! Und das Grundgesetz ehren wir am besten dort, wo wir über seine Einhaltung wachen, gegen seine Einschränkung und Abschaffung aufschreien.
Nichts kommt von selbst und wenig ist von Dauer!
Dass wir in Gelsenkirchen bereit sind, für Freiheiten, für das Grundgesetz zu kämpfen, das haben wir eindrucksvoll gezeigt, als wir dem Aufmarsch von rechtsextremen Verfassungsfeinden in einem breiten, bunten, friedlichen, aber lauten Gegenprotest zur Fußball-WM 2006 entgegentraten.
Das sind die Momente, in denen man die Bedeutung des Grundgesetzes für die Bürgerinnen und Bürger eher spürt als in offiziellen Festakten. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass es so viele Menschen gibt, die bereit sind, unser Grundgesetz so zu verteidigen. Und damit auf ganz besondere Weise zu ehren.
Es grüßt Sie herzlich aus dem Rathaus
Ihr
Frank Baranowski