18. November 2009, 10:39 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Wenn selbst die Familienministerin das von der neuen Bundesregierung geplante Betreuungsgeld für Eltern für eine „bildungspolitische Katastrophe" hält, sagt das schon einiges aus. Die bildungspolitische Arbeit der Stadt Gelsenkirchen würden solche Pläne weit zurückwerfen.
Man muss nicht die drastischen Worte meines Kollegen aus Berlin-Neukölln bemühen, um sich auszumalen, dass eine Prämie von 150 Euro dafür, dass unter Dreijährige keine Betreuungsangebote in Anspruch nehmen, Teil des Problems ist und keinesfalls Teil der Lösung. Und das Problem ist Folgendes: Wir haben in Deutschland nach wie vor ein selektives Bildungssystem. Die Bildungschancen - und damit eben auch die Zukunftschancen - eines Kindes hängen immer noch massiv vom Einkommen, vom Bildungsgrad und von der Herkunft der Eltern ab. Das ist ein Skandal, dessen Auswirkungen die Städte des Ruhrgebiets mit ihrer besonderen Sozialstruktur umso stärker spüren. Und deshalb umso heftiger auch bekämpfen müssen als deutlich bürgerlicher geprägte Städte. Diese Bildungsbenachteiligungen qua Geburt zu kompensieren - das ist eben die große Aufgabe von Institutionen.
Wir dürfen eben gerade benachteiligte Familien nicht allein lassen. Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Keine Frage. Aber nicht alle verfügen über die dafür erforderlichen Möglichkeiten - nicht nur die finanziellen. Sie brauchen Unterstützung. Und sie wollen Unterstützung. Und sie nehmen diese Unterstützung nicht als Bevormundung, als unzulässige Einmischung wahr, sondern als professionelle Dienstleistung von Experten zum Wohle ihres Kindes. Etwa so wie man bei Kinderkrankheiten ja auch einen Arzt konsultiert und seine Diagnose nicht als Herabwürdigung der eigenen Kompetenz versteht.
Es ist eine Frage des Respekts vor Eltern und Familien. Da haben die Befürworter des Betreuungsgeldes schon recht. Aber dieser Respekt zeigt sich eben gerade nicht im Verteilen von Geld, sondern darin, dass die Sorgen der Eltern um beste Startbedingungen ihrer Kinder ernst genommen werden. Der Respekt zeigt sich darin, alles dafür zu tun, ihren Kindern planmäßig und systematisch Zukunft zu ermöglichen.
Bildungskette würde durch Betreuungsgeld gesprengt
Gelsenkirchen leistet für die systematische Bildungskette seit Jahren Beachtliches. Wir haben in einem finanziellen Kraftakt in den letzten Jahren ein engmaschiges Fördernetz geschaffen, durch das in Zukunft kein Kind mehr fallen können soll. Dazu gehören die Begrüßungsbesuche bei Eltern von Neugeborenen, die Gelsenkirchen übrigens als erste Stadt eingeführt hat und die mittlerweile viele Nachahmer finden, die Gelsenkirchener Elternschule, der offene Eltern-Baby-Treff, die Betreuung von unter Dreijährigen, die es bei uns schon in jeder zweiten Kindertageseinrichtung gibt, flexible Ganztagsbetreuung in den Kitas von 6 bis 20 Uhr, gezielte Sprachförderung für Migrantenkinder in Kindergärten und Grundschulen, der flächendeckende Ausbau der Offenen Ganztagsschule mit 100 Gruppen und der forcierte Aufbau der gebundenen weiterführenden Schulen.
Diese Bildungskette würde durch das geplante Betreuungsgeld gesprengt. Und die Bemühungen der Stadt um optimale Förderung jedes einzelnen Kindes empfindlich zurückgeworfen. Wir wollen das Gegenteil. Wir wollen, dass jedes Kind eine Chance erhält. Deshalb werden unsere Anstrengungen in diesem Bereich auch nicht nachlassen. Die erste Gelsenkirchener Bildungskonferenz, die in dieser Woche stattfindet und in der alle Akteure der lokalen Bildungslandschaft an einem Tisch sitzen, wird weitere wichtige Impulse dafür geben, dass Gelsenkirchen - zur Not auch unter erschwerten Bedingungen - in Sachen Bildung weiterhin ein wichtiger Vorreiter bleibt!
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Frank Baranowski