04. Februar 2010, 13:04 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Woher jemand kommt, das hat im Ruhrgebiet, in Gelsenkirchen, noch nie jemanden ernsthaft interessiert. Wichtig war immer, ob er oder sie bereit ist anzupacken und sich einzubringen. Denn einen Migrationshintergrund haben wir in Gelsenkirchen eigentlich alle.
Der Mann, der den Bergbau nach Gelsenkirchen gebracht hat, war Ire. Den beispiellosen Aufschwung des Ruhrgebiets von einer platten Ackerlandschaft hin zum größten und dichtesten Industriegebiet Europas bewerkstelligten schlesische, masurische und ostpreußische Einwanderer. Das Wirtschaftswunder schließlich war nur mit Hilfe von Italienern, Spaniern, Griechen und natürlich Türken möglich. Ohne Einwanderung gäbe es die Städte des Ruhrgebiets nicht.
Diese Tradition hat uns geprägt und tut dies bis heute. Wir sind hier offen für Andere, weil wir eigentlich alle noch vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls Fremde waren - übrigens auch die Baranowskis. Weil man hier gelernt hat, dass man sich unter gefährlichsten Arbeitsumständen auf seinen Nebenmann einfach verlassen können muss - egal welche Sprache er spricht. Weil wir mit Verschiedenartigkeit und Anderssein aufgewachsen sind, so dass sie uns keine Angst macht.
Das Ruhrgebiet ist ein Schmelztiegel und ein beispielloser Integrationsmotor. Grundlage dafür war früher die Arbeit. Heute müssen wir das anders organisieren - auch weil früher vieles dem Zufall überlassen wurde. Deshalb hat der Rat der Stadt bereits im Jahr 2005 einstimmig ein Integrationskonzept verabschiedet. Und deswegen wird es zunehmend wichtig, dass sich die Wirklichkeit unserer Stadtgesellschaft mit einem Migrantenanteil von rund einem Viertel auch in der politischen Interessensvertretung widerspiegelt. Hier haben - das hat die letzte Kommunalwahl gezeigt - die etablierten Parteien in den letzten Jahren zuwenig getan.
Umso wichtiger ist es, dass bei der jetzt anstehenden Wahl zum Integrationsrat sich die 30.000 Gelsenkirchener Wahlberechtigten aus 130 Nationen einbringen und als starke Stimme in der Stadt vernehmlich werden. Damit setzen Sie ein klares Zeichen: Ja, das ist auch unsere Stadt. Und: Ja, wir wollen teilhaben und mitgestalten.
Denn nur so können wir die tolerante, offene Tradition des Ruhrgebiets beibehalten und weiterentwickeln. Nur so wird auch in Zukunft nicht wichtig sein, woher jemand kommt, sondern was er beizutragen hat. Denn Gelsenkirchen - das sind wir, die wir hier voller Achtung und Respekt voreinander leben. Und Gelsenkirchen sind nicht die, die versuchen, eine Stadtgesellschaft auseinander zu dividieren: ‚Wir hier und da die anderen.'
Deshalb hat der Rat der Stadt in seiner letzten Sitzung auch mit überwältigender Mehrheit eine Resolution verabschiedet, die eine beabsichtigte Anti-Islam-Konferenz und einen geplanten Parteitag von Rechtspopulisten im März im Schloss Horst scharf verurteilt. Verhindern kann die Stadt das juristisch nicht. Einen neuen, perfiden Höhepunkt könnte die Hetze durch den Plan des öffentlichen Brandmarkens von Moscheen erreichen. Das erinnert nicht nur mich an die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Eines ist für mich jedenfalls klar: An diesem Tag wird mein Platz an der Seite derjenigen sein, die friedlich ihren Glauben ausüben wollen. Denn ich bin Gelsenkirchener!
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski