25. Juni 2010, 09:40 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
In diesen Tagen haben 900 Abiturientinnen und Abiturienten in dieser Stadt ihre Abschlusszeugnisse erhalten. Eine aufregende Lebensphase - denn für all diese jungen Menschen beginnt nun die Zeit, nach der sie sich später einmal zurücksehnen werden...
Zumindest empfand ich es damals so. Ich kann mich selber noch gut daran erinnern: dieses Gefühl, etwas Bedeutendes geschafft zu haben, das Gefühl, dass viel Arbeit der letzten Jahre zu einem Abschluss gebracht worden ist, ja das Gefühl, im Ziel zu sein - das alles hat einem einen fantastischen Sommer beschert, einen Sommer der Schwerelosigkeit. Dass dieses Ziel sich später auch nur als eine von vielen noch folgenden Etappen herausstellt - das erkennt man erst in der Rückschau.
Zunächst einmal gilt: Ein prägendes und 13 Jahre währendes Kapitel im Leben eines jungen Menschen ist beendet - das nächste wird aufgeschlagen. Und vor allem: Es gibt noch ganz viele leere Seiten, die nun selber zu füllen sind. Vielleicht zum allerersten Mal im Leben mit eigenen Inhalten. Das macht viel von dem Zauber dieser Zeit aus: Ganz erfasst zu sein von dem Gefühl, dem Leben die eigene Erzählung einschreiben zu können. Da kann man schon neidisch werden - auch als Oberbürgermeister.
Natürlich ist das jetzt erstmal ein Sommer zum Feiern, zum Verreisen, zum Entspannen. Aber nach und nach wird auch die Zeit kommen, sich zu überlegen: Womit will ich eigentlich diese leeren Seiten füllen? Was für ein Kapitel der Lebensgeschichte möchte ich schreiben? Zieht es mich erst einmal ins Ausland oder gehe ich zügig meine berufliche Ausbildung an? Möchte ich studieren oder nicht? Bleibe ich in Gelsenkirchen oder möchte ich in einer anderen Stadt leben? Diese Entscheidungen werden oft einher gehen mit einem kompletten Wechsel der Lebenssituation: neue Umgebung, neue Freunde, neuer Horizont, vielleicht sogar neue Wertevorstellungen.
Links und rechts schauen, Dinge ausprobieren
Na gut. Sie alle wissen ja: Erinnerung vergoldet. Und vielleicht ist die Situation der Abiturientinnen und Abiturienten 2010 nicht mehr vergleichbar mit meiner Situation damals 1981 in Ückendorf. Schulzeit und Studium sind heute sicher weit weniger als früher eine Insel jenseits von durchökonomisierten Verwertungszwängen und Lebenslaufbasteleien. Die Jugendlichen heute müssen weit fokussierter sein, als ich es damals war. Auch Bildung ist leider schon zu einer eng getakteten Arbeit geworden. Und dennoch markiert diese Lebensphase auch heute noch die Zeit, in der man am ehesten mal nach links und rechts gucken kann, Dinge ausprobieren kann ohne gleich zu wissen, wofür das gut ist.
Gehen Sie weg! Aber kommen Sie wieder!
Und das wünsche ich den jungen Abiturientinnen und Abiturienten: viele neue Erfahrungen, berührende Begegnungen und möglichst weite Horizonte. Gehen Sie weg aus Gelsenkirchen! Aber: Kommen Sie wieder! Und bereichern Sie - selbst bereichert um tausende neuer Eindrücke - ihre Heimatstadt. Und tragen Sie sie in der Zwischenzeit, wo immer es Sie auch hinziehen mag, bei sich - in Gedanken, im Herzen. Vielleicht werden Sie in der Fremde erst so richtig feststellen, wie sehr Sie Gelsenkirchener sind, wie diese Stadt Sie geprägt hat - in einem „wat" oder „dat", im unbefangenen Zugehen auf fremde Menschen oder in einer solidarischen Geste, in einer impulsiven Empörung über irgendeine kleine Ungerechtigkeit.
Ich hoffe, dass die Erfahrungen, die Sie hier gemacht haben, Ihnen ein gutes Fundament für Ihren Weg sein werden.
Alles Gute wünscht Ihnen
Ihr
Frank Baranowski