12. Juli 2010, 15:29 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
In diesem Sommer begeisterte uns alle Joachim Löws bunte Ethno-Truppe - mit ihren zwei Gelsenkirchenern im Team. Deutschland schätze die belebende Kraft der Migranten, sei das Signal, das von der DFB-Elf ausgehe, hieß es. Ich weiß nicht: Ein Gespräch mit türkischen Jugendlichen hat mich kürzlich eher ernüchtert.
Klar: Eines war neu an dieser Fußball-Weltmeisterschaft - das konnte man auch in unserer Stadt ganz deutlich sehen. Alle Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener fieberten mit der deutschen Nationalmannschaft - auch diejenigen mit Migrationshintergrund. Türkische Gemüsehändler hatten Deutschland-Trikots an, Kopftuchträgerinnen lenkten mit Deutschland-Fähnchen und Schals geschmückte Autos. Das war vor zwei und vor vier Jahren noch ganz anders. Das zeigt in meinen Augen zweierlei.
Erstens: Die Türkei machte bei der WM nicht mit. Zweitens: Identifikation kann nur erfolgen, wenn persönliche Anknüpfungspunkte vorliegen - in diesem Fall in Form der zahlreichen Nationalspieler mit Migrationshintergrund von Mesut Özil bis Sami Khedira. Nur wenn das Gefühl vermittelt wird, dass man auch tatsächlich dazugehören kann, dass man Teil hat - nur dann ist man motiviert auch beizutragen. Niemand hat Lust, gegen Wände zu laufen und sich eine blutige Nase zu holen. Und erst der, der abgewiesen wird, zieht sich zurück in eine Parallelgesellschaft.
Deswegen kann der Fußball mit der scheinbar mühelosen Integration von Zuwandererkindern tatsächlich ein gesellschaftliches Modell sein. Aber es ist leider noch längst nicht so weit, dass er tatsächlich bundesrepublikanische Wirklichkeit abbildet, auch wenn jetzt alle so tun. Das hat mir kürzlich erst wieder das Gespräch mit türkischen Jugendlichen in einer Moschee an der Horster Straße in Buer gezeigt. Perfekt zweisprachig waren sie alle, alle auch mit Abitur oder Ausbildungsvertrag in der Tasche - aufgeweckte junge Menschen, die teilweise bereits in der vierten Generation hier leben. Und doch: Als Deutsche fühlen sie sich nicht, wollen sie sich nicht fühlen, können sie sich nicht fühlen. Manche würden gern, andere haben es aufgegeben.
Zum Ausländer wird man immer noch zu oft erst gemacht
Eine Sache, die ich immer außerordentlich bedauere: Warum muss man zum Beispiel Sport treiben in Vereinen, die sich nach Ethnien sortiert haben? Warum muss man Kneipen besuchen, die nur von Türken, nur von Polen, nur von Kroaten besucht werden? Nach dem Gespräch habe ich es ein bisschen besser verstanden: Weil es diese jungen Gelsenkirchener mit Zuwanderungsgeschichte tagtäglich erleben, dass sie von anderen zu Ausländern gemacht werden. Weil es eben immer noch vorkommt, dass sie vom Türsteher in Clubs mit einem abschätzigen Blick gemustert und dann abgewiesen werden. Wer will es ihnen verdenken, wenn sie sich da eine eigene Infrastruktur schaffen? Ich glaube, die tagtäglichen Kränkungen kann man so abstrakt kaum nachfühlen.
Integration entsteht erst durch Teilhabe
Ganz besonders berührt hat mich die Geschichte eines Jugendlichen, der mit einem ebenfalls türkischen Freund - allerdings mit hellen roten Haaren und hellerer Haut - unterwegs war. Raten Sie mal, wer Einlass in die Disco bekam und wer nicht...
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich glaube, dass wir in Gelsenkirchen aus der geschichtlichen Tatsache heraus, dass wir hier letztlich alle mal Zuwanderer waren, ein offeneres, entspannteres Verhältnis in Integrationsfragen haben als andernorts. Aber auch hier ist noch längst nicht alles so wie es ein sollte, geschweige denn deutschlandweit. Deshalb sollte die großartig auftrumpfende Elf des DFB uns wirklich Modell dafür sein, wie durch Offenheit und Teilhabe Identifikation und Integration entsteht.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski