15. Oktober 2010, 13:33 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Es ist ja immer etwas schwierig, wenn Blinde von Farben reden. Zum Beispiel etwa ein Vorstand der Bundesbank von sozial Benachteiligten oder bayrische Politiker von Migranten. Nicht zuletzt deswegen geistert derzeit mal wieder viel Humbug durch die Medien - in einer fast schon hysterisch erscheinenden Integrationsdebatte.
Und das Ganze ist natürlich mal wieder vor allem eines: eine gigantische Medienblase, eine Projektion aller Ängste, Sorgen und Alltagsbeobachtungen, die man irgendwo loswerden will, eine sich verselbständigende Medienrealität, die sich immer weiter von der Wirklichkeit abhebt.
Das wird ganz besonders deutlich, wenn Sie sich einmal vor Augen halten, was für einen - genau entgegengesetzten - Medienhype wir im Sommer erlebt hatten. Da überschlugen sich alle Medien förmlich in der Berichterstattung über Deutschtürken und andere Migranten, die während der Fußballweltmeisterschaft Deutschlandfahnen an ihren Autos hatten und Deutschlandtrikots trugen, und hielten das für den Gipfel der Integration. Jetzt auf einmal, so scheint es derzeit, droht wieder der Untergang des Abendlandes. Komisch, in drei Monaten wird sich das Land doch wohl so grundlegend nicht gewandelt haben, oder?
Der Schluss liegt nahe, dass sich viel mehr unsere Wahrnehmung gewandelt hat. Und die folgt den Gesetzen der Konjunktur in der Medienökonomie: auf Hochschreiben folgt Niedermachen, auf Überangebot einer bestimmten Wahrnehmungsweise folgt deren Entwertung und das Ausprobieren eines anderen Produktes auf dem Markt der Meinungen. Das darf man aber nicht für eine Beschreibung der Wirklichkeit halten.
Erst wer abgewiesen wird, zieht sich zurück
Worum genau es geht, ist eigentlich auch schwer zu sagen. Interessant finde ich ganz persönlich, dass es in der Diskussion um die Integration von Zuwanderern eigentlich kaum noch um ausländische Bürgerinnen und Bürger geht. Offenbar geht es eigentlich nur noch um Religionen. Komisch, vor 20 Jahren wurden dieselben Diskurse geführt. Da wurde dann immer ein „Ausländerproblem" herbeigeredet. Das ist scheinbar gelöst. Jetzt gibt's nur noch ein Problem mit dem Islam. Ausgeblendet wird, dass es ebenso häufig vorkommt, dass Gruppen von Russlanddeutschen oder gebürtigen Deutschen nicht in der Gesellschaft integriert sind.
Natürlich gibt es all diese Probleme. Denn die Leute vor Ort - die sind ja nicht blind. Und ich bin es auch nicht. Sie fühlen sich nun einmal im Einzelfall verunsichert, bedroht von ganz bestimmten Gruppen in ihren Städten. Aber im Kern geht es dabei doch weder um Ethnien noch um Religionen. Es geht vielmehr um eines: Zur Segregation in einer Stadtgesellschaft, also zur räumlichen und sozialen Absonderung, neigen vor allem die, die für sich selbst keine Chance auf Teilhabe sehen. Erst wer abgewiesen wird, der zieht sich zurück. Und über diese Teilhabemöglichkeiten entscheiden immer noch Bildung, Geld und der soziale Status.
Soziale Probleme nicht "ethnisieren"!
Da kann man dann natürlich über Integrationsunwilligkeit zetern und beklagen, dass „die" ja gar nicht dazugehören wollen. Aber das ist etwas einfach: Eine Gesellschaft, die jahrzehntelang - auch erklärtermaßen - Menschen vor der verschlossenen Tür hat stehen lassen, der kann nicht erwarten, dass sie - wenn sie sich bequemt, die Tür dann doch mal zu öffnen - dann immer noch da stehen. Die sind natürlich dann schon längst durch andere Türen gegangen, die ihnen offen standen. Die haben längst andere Identitätsangebote wahrgenommen, beziehen ihre Identität immer noch aus ihrem Herkunftsland oder womöglich jetzt aus der Religion.
Da muss man einfach immer wieder auch die Hand ausstrecken. Denn niemand hat Lust gegen Wände zu rennen und sich dabei eine blutige Nase zu holen. Nur wenn jemandem das Gefühl vermittelt wird, dazugehören zu können, ist er oder sie auch motiviert beizutragen. Und für diese Teilhabe müssen wir sorgen.
Um es ganz klar zu sagen: Wir haben kein ethnisches Problem! Wir haben kein religiöses Problem! Wir haben ein soziales Problem! Und dass sich das oft in ethnischem Gewand zeigt - das ist der eigentliche Skandal! Und den müssen wir beheben.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Frank Baranowski