19. Dezember 2010, 12:32 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Das Kulturhauptstadtjahr 2010 im Ruhrgebiet ist zu Ende. Das beeindruckende Finale auf der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen hat noch einmal alles aufgeboten, was die Kulturhauptstadt ausmachte: Es war spektakulär, überraschend, mitreißend, emotional - und es bewegte die Menschen. Und genau so war dieses Jahr 2010.
Gut - kalt war dieses Finale auch. Aber damit schloss sich nur die Klammer von der Abschlussveranstaltung in Gelsenkirchen zur Auftaktveranstaltung in Essen. Und damals wie jetzt hat es niemandem etwas ausgemacht. Im Gegenteil: Es hätte gar nicht besser kommen können. Denn auf diese Weise konnte sehr schön versinnbildlicht werden, was das Revier seit jeher ausmacht: nämlich dass man hier den Widrigkeiten trotzt. Und dass sich daraus auch das ganz eigentümliche Band der Solidarität unter den Menschen entspinnt, das Gefühl von Gemeinsamkeit angesichts einer zu bewältigenden Aufgabe.
Und nicht nur auf diese Weise und nicht nur an diesem Abend kann man abschließend sagen, dass die Kulturhauptstadt RUHR.2010 die Menschen bewegt hat. Sondern dass sie neugierig waren zu gucken, was da alles vor ihrer Haustür passierte. Dass sie bereit waren sich einzulassen auf Dinge, die sie nicht kannten. Dass sie begeistert waren, mitzumachen bei großen Veranstaltungen, die das ganze Revier bewegten. Und dass sie bereit waren, anzupacken bei den unzähligen abertausenden Veranstaltungen, die nur deswegen so gelungen waren, weil die Menschen sie zu ihrer eigenen Sache gemacht und ihnen Leben eingehaucht haben.
Ich denke hier vor allem an Projekte wie die „Schachtzeichen" im Mai, die eine großartige Installation am Himmel waren, aber gleichzeitig ein gigantisches Kommunikationsprojekt am Boden darstellten. Denn an jedem der Ballonstandorte gab es Vereine und Gruppen, die dieses Projekt verwirklicht haben - mit Begleitprogramm und allem, was dazu gehörte.
Kulturhauptstadt hat die Menschen erreicht
Ich denke an den „Day of Song", der die reichhaltige Chorlandschaft im Ruhrgebiet sichtbar machte. Unzählige Chöre der Region hatten sich eingebracht und Hunderte von Konzerten bestritten.
Ich denke natürlich auch an das „Still-Leben" auf der A 40, ein einzigartiges Projekt, durch das die Menschen ihre eigene Region mal aus einer ganz anderen Perspektive, ja nicht „erfahren", sondern „erlaufen" konnten.
Dass die Kulturhauptstadt an den Menschen vor Ort vorbeigegangen sein soll, wie es gelegentlich hieß, stimmt einfach nicht. Es ist grundfalsch!
Die Kulturhauptstadt hat eine Menge auch und gerade für die Menschen vor Ort geboten. Sie hat tausende neue Möglichkeiten geschaffen, sich diese Region anzueignen, sich - manchmal sehr nötig! - mit ihr zu versöhnen, sich mit ihr zu identifizieren.
Es bleibt eine ganze Menge
Aber die Kulturhauptstadt war kein kurzzeitiges Event, kein Strohfeuer, sondern ebenso Ausdruck wie Katalysator einer tiefgreifenden, umfassenden und sich ständig fortsetzenden Transformation der gesamten Region unter dem Motto „Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel". Und da ist im letzten Jahr eine Menge in Bewegung geraten. Und es ist eine Menge entstanden, was bleibt.
In Gelsenkirchen vor allem das Projekt „NT2" - die Aufstockung des Nordsternturm durch einen vierstöckigen Glaskubus, in dem bald ein neues Museum für hochkarätige internationale Videokunst entstehen wird, das dauerhaft die Kulturszene Gelsenkirchens und des gesamten Ruhrgebiets bereichern wird. Und natürlich der jetzt enthüllte „Herkules" von Markus Lüpertz. Angefeindet, verachtet, verspottet, aber auch neugierig bis interessiert betrachtet hat „Herkules" die Gemüter bewegt. Ich glaube, so viel Anteil hat man in Gelsenkirchen an Kunst noch nie genommen.
Hoch oben, da wo der Wandel der Region am deutlichsten wahrnehmbar ist, da versinnbildlicht er diesen künftig. Das Ruhrgebiet: eine Herkulesaufgabe. Damals unter Tage und vor den Hochöfen. Heute im ständigen Ringen um nachhaltige Zukunft. Und immer mitten drin: Menschen, die anpacken. Und Menschen, die sich ergreifen lassen. Auch nach der Kulturhauptstadt 2010.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski