14. März 2011, 18:11 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Schockstarre, Entsetzen und ein Gefühl der Unwirklichkeit begleiten mich in diesen Tagen, wenn ich die schrecklichen Meldungen aus Japan höre. Ich denke, genau so geht es vielen von Ihnen. Es fällt schwer, zur Tagesordnung überzugehen. Denn was da gerade an vorher Unvorstellbarem geschieht, das relativiert vieles im eigenen Alltag.
Das stärkste Erdbeben seit langer Zeit, dann der Tsunami und jetzt eine drohende nukleare Katastrophe - das ist mehr als jede Nation der Welt verkraften kann, sei sie noch so hoch entwickelt und technisiert wie etwa die japanische. Es muss von unfassbarer Brutalität sein, wie jäh die Naturgewalten in die bis dato reibungslose Betriebsamkeit einer der führenden Industrienationen der Welt eindringen. Von einem Tag auf den anderen herrscht der Ausnahmezustand. Wo gestern noch vergleichweise kleine Sorgen und Probleme Menschen umtrieben, geht es heute um ganz anderes, Existenzielles.
Auch 8.000 Kilometer entfernt spürt man etwas von diesem Ausnahmezustand. Zumindest geht es mir so. Das Unvorstellbare ist in den Alltag eingedrungen. Auch bei uns. Und weckt - auch wenn Mitteleuropa in sicherer Entfernung vom Unglücksort liegt - gerade jetzt zum 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl Furcht erregende Assoziationen.
Denn wie schon vor 25 Jahren auch ist da wieder diese Ohnmacht: Dass ein Restrisiko eben immer ein Rest an Risiko bedeutet. Auch wenn er unwahrscheinlich ist, heißt es nicht, dass der „worst case" nicht eintreten kann. Es zeigt sich, dass auch Zivilisationen auf dem allerneusten Stand der Technik wie Japan, verwundbar bleiben. Es wird immer Grenzen der Beherrschbarkeit geben. Auch wenn nach menschlichem Ermessen Pannen auszuschließen sind, heißt das eben nicht, dass sie grundsätzlich ausgeschlossen sind.
Ein Anlass, einmal Maßstäbe gerade zu rücken
Was in Japan passiert, zeigt uns: Wir haben nicht immer alles Griff. Wir können nicht immer alles im Griff haben. Wir können Risiken minimieren, Sicherheitsstandards hochsetzen. Aber die Naturgewalten bleiben launisch - und die Menschen fehlbar.
Es ist auch ein Anlass, mal wieder Maßstäbe gerade zu rücken: Auch uns mag gelegentlich das Schicksal übel mitspielen. Auch bei uns mag vieles falsch laufen. Aber wir sollten wieder lernen, nicht alles gleich zu einer Katastrophe zu erklären. Und diese Lehre werden wir, denke ich, alle ziehen, wenn wir wieder in das oft nickelige Alltags-Klein-Klein herabsteigen, uns gelegentlich in Parteiengezänk und dem Streit um Eigeninteressen verlieren: Katastrophen - das sehen wir gerade - sind etwas anderes.
Ihr
Frank Baranowski