01. Mai 2011, 09:15 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Die Wirtschaft brummt, die Krise scheint unendlich weit entfernt zu sein. Optimismus allerorten. Ist jetzt wieder alles gut? Mit Sicherheit nicht! Der Tag der Arbeit ist für mich schon Anlass, über das eine oder andere nachzudenken.
Nach den Krisenjahren wächst unsere Wirtschaft wieder. Es geht bergauf. Das lesen wir. Das wissen wir. Doch spüren tun wir es nicht so richtig. Erst in dieser Woche stand es in der WAZ: Jeder vierte Arbeitnehmer in Nordrhein-Westfalen ist Minijobber. Fast 1,8 Millionen Menschen sind geringfügig Beschäftigte. Und wenn es jetzt heißt: Der Aufschwung erreicht den Arbeitsmarkt, dann entpuppt sich das bei näherem Hinsehen oft als Ausweitung der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse, die in den vergangenen acht Jahren um ein Drittel gestiegen sind.
Die, die mit ihrer Hände Arbeit für Umsatz und Gewinn sorgen, profitieren vom Aufschwung längst nicht in dem Maße wie es richtig und wichtig wäre. Der Aufschwung ist da, zweifellos. Und ja, es gibt auch mehr Arbeit. Aber es ist oft leider keine gute Arbeit. Prekäre Beschäftigung tritt an die Stelle von Beschäftigung, die Sicherheit und ein dauerhaftes, verlässliches Einkommen garantiert. „Wohlstand für alle" - das war vielleicht einmal.
Gute Arbeit - die sieht anders aus. Deswegen müssen wir - gerade im Aufschwung - darauf aufmerksam machen, dass mitnichten jetzt - nach der globalen Finanzkrise - wieder alles gut ist. Wir müssen dafür sorgen, dass diejenigen, die den derzeitigen wirtschaftlichen Erfolg maßgeblich erarbeiten, auch ihren Anteil daran bekommen - in Form von anständigem Lohn, in Form von fairen Arbeitsbedingungen und in Form von „guter Arbeit".
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander
Lassen wir uns nicht einlullen von den beruhigenden Nachrichten aus der Wirtschaft, die am Ende doch wieder um das alte Mantra kreisen, dass, sobald es der Wirtschaft gut geht, es auch automatisch wieder den Beschäftigten gut geht. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte und auch die aktuelle Situation lehren uns, dass das eben nicht stimmt! Die Schere bei Einkommensverteilung und Wohlstand in unserer Gesellschaft klafft immer weiter auseinander. Während die oberen 30 Prozent der Haushalte über fast 90 Prozent des Vermögens verfügen, hat die untere Hälfte so gut wie gar nichts auf der hohen Kante. Die unteren 20 Prozent sind sogar hoch verschuldet.
Über die Einhaltung sozialer Standards wachen
Darauf aufmerksam zu machen, ist die große Verpflichtung, die wir alle derzeit haben. Und es ist unsere Aufgabe, immer wieder selbstbewusst und standhaft und beharrlich über die Einhaltung von sozialen und ethischen Mindeststandards zu wachen. Denn - und hier zitiere ich gern Willy Brandt -: Nichts kommt von alleine! Und wenig ist von Dauer, wenn wir nicht immer und immer wieder selber dafür sorgen.
Es ist eine wichtige Aufgabe, soll unsere Gesellschaft nicht weiter auseinander driften, soll nicht am Ende Solidarität aufgekündigt werden und soll nicht Gemeinschaft erodieren.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski