24. Juni 2011, 16:59 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Sommerzeit, Urlaubszeit - das ist immer eine Zeit der Unbeschwertheit, eine Zeit, in der das Leben etwas leichter fällt, in der einen das Fernweh und die Lust auf Aufbruch packen kann. Für die knapp 1.000 jungen Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener, die in diesen Tagen ihr Abiturzeugnis erhalten, gilt das erst recht.
Für diese jungen Menschen beginnt nun eine aufregende Lebensphase und die Zeit, nach der sie sich später einmal zurücksehnen werden. Denn natürlich ist das jetzt erstmal ein Sommer zum Feiern, zum Verreisen, zum Entspannen. Sie haben es auch verdient. Ein Ziel, auf das man lange hingearbeitet hat, ist erreicht. Zu Recht kann man da stolz auf sich sein. Und das macht viel von dem Zauber dieser Zeit aus. Vielleicht noch mehr aber sorgt für diesen Zauber die Tatsache, dass man zum ersten Mal seinem Leben eine entscheidende Wendung geben kann. Ein großes Kapitel ist abgeschlossen, ein anderes wird aufgeschlagen - und hat zunächst ganz viele leere Seiten. Sie zu füllen und damit dem Leben die eigene Erzählung einschreiben zu können - das ist ganz sicher ein aufregendes Gefühl. Da kann man schon neidisch werden - auch als Oberbürgermeister.
Nun ja: Bei näherem Hinsehen ist das alles vielleicht weit weniger zauberhaft, als sich das ältere Semester - in wehmütigen Erinnerungen schwelgend - so vorstellen. Schon die Schulzeit ist - nicht erst durch die Einführung von G 8 - weit dichter getaktet, als es früher der Fall war. Vom Studium später mal ganz zu schweigen, das in vollgepackten Studiengängen aus wissbegierigen, suchenden Menschen, die sich aus eigenem Antrieb und Interesse intensiv mit einem Fach auseinander setzen wollen, die wissen wollen, „was die Welt im Innersten zusammenhält", die Dinge reflektieren wollen, die sie kritisch hinterfragen wollen, die nicht zuletzt auch Impulse für die eigene geistige und charakterliche Weiterentwicklung suchen - das aus solchen Menschen „Credit-Point-Jäger" macht. Nicht umsonst sprechen auch viele Bildungsforscher von „Bildungsbulimie": Wissen wird in die Köpfe gestopft, um rechtzeitig zur entscheidenden Klausur wieder herauszukommen. Nachhaltig ist das nicht.
Jungen Menschen Zeit zum Reifen und Luft zum Atmen lassen
Also alles nicht mehr so rosig. Schulzeit und Studium sind heute weit weniger als früher eine Insel jenseits von durchökonomisierten Verwertungszwängen und Lebenslaufbasteleien. Auch Bildung ist leider zu einer eng getakteten Arbeit geworden. Das ist ein Trend, den ich durchaus bedauerlich finde. Das aber den jungen Menschen heute zum Vorwurf zu machen, wie es gelegentlich geschieht, ist ebenso perfide. Das Problem liegt nicht bei ihnen, sondern in den Rahmenbedingungen. Dass sie sich so gut es geht, nach ihnen richten, kann ihnen keiner verübeln. Es ist an uns - der Erwachsenenwelt, der Politik, der Gesellschaft - dafür zu sorgen, dass es Räume gibt, in denen Menschen reifen können. Dass es lebensweltliche Refugien jenseits ökonomischer Notwendigkeiten gibt, in denen Menschen Luft zum Atmen gelassen wird, in denen Bildung und nicht nur Ausbildung möglich ist, in denen Menschen ermutigt werden, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu finden, Autonomie und persönliche Freiheit zu erlangen.
Albern sind daher die Vorwürfe, die wahlweise lauten, die junge Generation ist zu wenig an die Erfordernisse angepasst, da das Bildungsniveau stetig sinke, oder eben, die junge Generation sei überangepasst und bestehe aus einer Armada „karrieregeiler Konformisten". Denn diese Vorwürfe sind nicht nur beliebig, weil oft widersprüchlich. Sie kritisieren an der jungen Generation etwas, was diese nur begrenzt selber zu verantworten hat.
"Das Schlimmste an der Jugend von heute ist, dass man nicht mehr dazu gehört."
So scheint mir am Ende allein der Kabarettist Volker Pispers Recht zu behalten, wenn er sagt: „Das Schlimmste an der Jugend von heute ist, dass man nicht mehr dazu gehört." Und alle anderen Vorwürfe treffen zuerst diejenigen, die sie erheben.
Ich wünsche unseren Gelsenkirchener Abiturientinnen und Abiturienten und allen anderen jungen Menschen daher und dennoch, dass sie in dieser Zeit Raum finden, zu Atem und zu Besinnung zu kommen. Wann, wenn nicht jetzt? Mal links und rechts zu schauen, Dinge auszuprobieren, ohne gleich zu wissen, wofür das gut ist und einen eigenen Weg zu gehen - der hoffentlich immer mal wieder Gelsenkirchen kreuzt und ein gutes Stück durch die Heimatstadt führt.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski