23. September 2011, 16:27 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Gegenwärtig ist viel die Rede vom demografischen Wandel und davon, dass in wenigen Jahren in den Werkshallen und in den Büros ein Mangel an Fachkräften herrschen wird. Zugleich haben wir in Gelsenkirchen immer noch eine Arbeitslosenquote von fast 14 Prozent. Wie geht das zusammen? Das fragen sich viele Menschen, und auch mich treibt dieses Thema um.
Nun ist der Fachkräftemangel bislang noch eine prognostizierte Entwicklung, eine Erwartung. Doch eben eine gut begründete Erwartung: Schon jetzt stellen wir vielerorts fest, dass die Schulklassen kleiner werden, der Andrang auf die Lehrstellen etwas nachlässt. Daran wird spürbar: Die Jahrgänge, die in den kommenden Jahren in die Arbeitswelt nachrücken, sind nicht so stark besetzt wie jene, die ausscheiden werden. Aber auf genau diese jungen Leute und ihr Wissen wird es sehr stark ankommen.
Der heraufziehende Fachkräftemangel verlangt von uns, dass wir unsere Potenziale besser nutzen. Und da liegt noch einiges brach. Das Ruhrgebiet hat, im Unterschied zu anderen Metropolregionen, noch erhebliche Talentreserven. Obwohl wir ein großes Angebot an Fachhochschulen und Universitäten haben, studieren vergleichsweise wenig junge Leute. Wenn es uns gelingt, das zu ändern, wenn wir mehr Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien an den Hochschulen ausbilden, dann bauen wir eine gute Zukunft für viele junge Menschen. Und dann haben wir auch eine Antwort auf den drohenden Fachkräfteengpass.
Bildungschancen dürfen nicht von Herkunft abhängen
Dazu müssen wir die Bildungswege von jenen Schülerinnen und Schüler erleichtern, für die das Abitur und ein Studium scheinbar nicht vorgesehen sind. Im Moment hängen die Bildungschancen noch stark von der ethnischen wie sozialen Herkunft ab. Bisher stehen die Aussichten auf ein Studium für jene Kinder gut, deren Eltern ebenfalls studiert haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Arbeiter- und Migrantenkind an eine Hochschule schafft, ist hingegen Studien zufolge bundesweit dreimal geringer. Und gar nicht so selten bekommt bei gleich guten Noten nur das Akademikerkind eine Empfehlung fürs Gymnasium, nicht aber das Arbeiter- und Migrantenkind. Solche Benachteiligungen nehmen jungen Menschen Schwung und Mut, sie beschneiden die Entfaltungsmöglichkeiten vieler Talente. Wir sollten alles dafür tun, dass die Bildung und die Zukunftschancen künftig weniger vom Geldbeutel und Bildungsgrad der Eltern abhängen.
Unsere schlummernden Potenziale heben
In dieser Woche habe ich zudem mit anderen Oberbürgermeistern der Region die Vereinbarung „Ein Zeichen für Vielfalt und Talente!" unterschrieben. Gemeinsam wollen wir die Bildungs- und Berufswege von Zuwanderern und ihren Kindern unterstützen. Und die Fachhochschule Gelsenkirchen will gezielt Schüler für ein Studium gewinnen, in deren Familien gerade dies nicht selbstverständlich ist. Beide Initiativen knüpfen an die alten Stärken des Ruhrgebiets an. Denn schon immer haben Zuwanderer einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region geleistet: Ohne die Arbeiter aus Schlesien und Ostpreußen wäre das Ruhrgebiet nicht vor über 100 Jahren zum industriellen Herz des Landes geworden, und ohne die Arbeiter, die aus Italien, Spanien und der Türkei gekommen sind, wäre der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg kaum möglich gewesen. Wollen wir diese Geschichte fortschreiben und auch in Zukunft wirtschaftlichen Erfolg haben, wird es stark darauf ankommen, dass wir unsere schlummernden Potenziale bergen. Und die liegen einmal mehr in der (Bildungs-)Integration derjenigen, die bisher noch am Rande stehen.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski