04. November 2011, 18:35 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Am Mittwoch vor 73 Jahren geschah in unserer Stadt ein Verbrechen, das bis heute nachwirkt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 machten Bürger unserer Stadt Jagd auf ihre jüdischen Nachbarn. Sie verwüsteten ihre Wohnungen, zerstörten ihre Geschäfte und misshandelten Menschen. Die Synagogen in der Gildenstraße und in der Maelostraße gingen in Flammen auf.
Die in dieser Nacht gegen Menschen und ihren Besitz verübte Gewalt wurde nicht heimlich begangen, sondern in aller Öffentlichkeit, in den Einkaufsstraßen der beiden Gelsenkirchener Innenstädte. Und es waren keine fremden Befehlsempfänger in Uniform am Werk, sondern Menschen aus unserer Stadt.
Auch 73 Jahre danach erfasst uns der Schrecken über die Ereignisse der zynisch so genannten „Reichskristallnacht". Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Menschen, die nicht weit voneinander gelebt haben, zu solchen Feindseligkeiten und Taten imstande waren. Aber es ist nötig, sich daran zu erinnern. Das sind wir den Opfern des 9. Novembers 1938 und der darauf folgenden, noch größeren Verbrechen schuldig. Und wir sind es ebenso unseren Kindern schuldig: Wir müssen uns an diese Taten erinnern, damit wir niemals vergessen, dass Freiheit und Toleranz in unserer Gesellschaft stets kostbare, aber fragile Güter sind. Und damit wir nicht vergessen, dass wir künftig sehr wachsam sein müssen, um Gewalt und Fremdenfeindlichkeit aus unser Stadt heraus zu halten.
Beziehen Sie Stellung am 9. November!
Denn Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung, Hass und Gewaltbereitschaft sind nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden. Es gibt immer noch zu viele Leute, die nicht bereit sind, aus unserer Geschichte zu lernen. Im östlichen Ruhrgebiet etwa drängt eine aktive Nazi-Szene immer wieder an die Öffentlichkeit, und sie versucht, gewaltsam andere politisch Engagierte einzuschüchtern - durch Überfälle auf linke Kneipen oder auf eine DGB-Maikundgebung vor zwei Jahren. Und auch in Gelsenkirchen sind zuletzt wieder Hakenkreuz-Schmiereien vorgekommen.
All das dürfen wir nicht hinnehmen. Wir müssen diesem Treiben entschlossen begegnen, wir dürfen ihm keinen Platz in der Öffentlichkeit einräumen. Vor allem müssen wir diesen Leuten klar machen, dass hinter Ihnen keine schweigende Mehrheit steht, die solche Aktionen gut findet. Ich möchte Sie deshalb darum bitten, dem Aufruf der Demokratischen Initiative - einem breiten Bündnis aus Parteien, Kirchen und Verbänden Gelsenkirchens - zu folgen. Seien Sie am kommenden Mittwoch, dem 9. November, bei der Gedenkveranstaltung und der anschließenden Kundgebung dabei und beziehen Sie Position für Respekt, Toleranz und Zivilcourage!
Wir sehen uns!
Ihr
Frank Baranowski