23. November 2011, 09:19 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Das Buch ist ein Auslaufmodell und eine Bibliothek altmodisch und muffig? Von wegen! Die Menschen in Gelsenkirchen wissen es besser. Eine halbe Million Besucherinnen und Besucher jährlich machen die Stadtbibliothek zur am meisten frequentierten Kultureinrichtung der Stadt. In diesen Tagen feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen.
Als am 23. November 1911 in zwei Räumen der damaligen Wilhelmschule in der Gelsenkirchener Innenstadt feierlich die erste Städtische Bücherei eröffnet wurde, mag das eine der Kaiserzeit entsprechende einigermaßen trockene und spröde Veranstaltung gewesen sein. Aber eigentlich ist an jenem Tag etwas außerordentlich Bemerkenswertes geschehen.
Man muss sich das einmal klarmachen: Inmitten der beispiellosen Boomphase der Industrialisierung, als in Gelsenkirchen im Jahrestakt Schächte abgeteuft, Stahlwerke gegründet, Fabriken eröffnet wurden, als Landschaft und städtische Infrastruktur der Gründungswelle der Montanindustrie ungerührt angepasst wurden, als die Stadtentwicklung mehr oder weniger von Bergbauingenieuren gemacht wurde, als kurzerhand Flüsse zu offenen Abwasserkanälen umfunktioniert wurden; in einer Stadt, die erst 35 Jahre zuvor überhaupt gegründet wurde und in die bis 1910 dann schon rund 160.000 Menschen strömten, die irgendwo untergebracht, die irgendwie versorgt werden mussten - in dieser Stadt also, die weiß Gott andere Sorgen hatte, in dieser Stadt wurde eine Bibliothek gegründet.
Ein Wahnwitz? Prestigedenken? Bildungsbürgerdünkel? Vielleicht von allem etwas. Vor allem aber doch: Eine beachtliche und bemerkenswerte Kulturleistung. Ein Zeichen, dass auch den Pionieren damals klar war, dass eine Stadt mehr ist als ein Gewerbegebiet, ein Industriestandort. Ein Zeichen dafür, dass auch in der jungen Industriestadt ein sehr klares Bewusstsein dafür vorhanden war, dass der Daseinszweck des Menschen sich nicht mit Essen und Arbeiten erfüllt hat. Dass - im Gegenteil - menschliche Kultur darüber hinausgehende Bedürfnisse und Erfordernisse hat.
100 Jahre Stadtbibliothek Gelsenkirchen
Und ich finde, dass damit vor 100 Jahren eine bemerkenswerte Weitsicht bewiesen worden ist. Kultur und Bildung breiten Bevölkerungskreisen zugänglich zu machen, ist der Antrieb dieser Gründung gewesen. Und der ist heute nicht weniger aktuell als vor 100 Jahren. Lesen ist eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen, die ich kenne. Aber Lesen ist vor allem auch eine elementare Kulturtechnik, eine der wichtigsten, um sich Wissen und Informationen anzueignen, Welt und Umwelt zu erschließen. Auch um sich Gedankenwelten anzueignen, Fantasie und Imagination anzuregen. Die Stadtbibliothek stellt die Mittel bereit, sich zu orientieren, sich kreativ mit sich und der Welt auseinanderzusetzen. Sie ermöglicht es, den eigenen Horizont zu erweitern, erlaubt Reflexion und trägt auf diese Weise erheblich dazu bei, offene, autonome und vielseitig interessierte Persönlichkeiten zu fördern.
Dass sie damit erfolgreich ist, zeigt ihre Bilanz: Eine halbe Million Nutzerinnen und Nutzer jährlich - 40 % von ihnen unter 18 Jahren - beweisen, dass die Altersjubilarin nicht nur rüstig, sondern jung und am Puls der Zeit geblieben ist. Keine Frage, dass sie heute längst nicht mehr nur Bücher, sondern auch audiovisuelle Medien, CDs, DVDs oder Blu-rays anbietet.
Uns allen in Gelsenkirchen gratuliere ich daher zu 100 Jahren Stadtbibliothek.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski