18. Januar 2012, 10:21 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Zwei starke Premieren an einem Wochenende und ein spannendes Programm mit vielen Höhepunkten - das Musiktheater im Revier ist mit Schwung ins neue Bühnenjahr gestartet. Schon in den ersten Januarwochen hat es seinem Publikum faszinierende Erlebnisse geschenkt - auch mir.
Mein persönliches Theaterjahr begann mit MiR goes Beethoven, der Neunte Symphonie mit der abschließenden Ode an die Freude. Gleich drei Chöre trugen die so stimmgewaltig vor, dass ich den Eindruck bekam, auf der Bühne singen mehr Menschen als sich im Parkett und auf den Rängen befinden - dabei war das MiR ausverkauft.
Danach folgte am Freitag im Kleinen Haus die Erstaufführung der „Comedian Harmonists", natürlich mit all den bekannten und eingängigen Melodien, die ich am nächsten Tag noch ständig vor mich hin gesummt habe. Wobei die Inszenierung auch sehr präzise die Geschichte dahinter erzählt hat - die Tragödie der Sänger, deren erfolgreiche Karriere von den Nazis zerstört wurde und die sich darüber menschlich entzweiten.
Aus Sicht des MiR war das wichtigste Ereignis aber, dass die künftige Ballettdirektorin Bridget Breiner einen ersten Gastbeitrag inszenierte und choreografierte, das Großstadt-Triptychon. Damit hat sich ein erster Schritt zu einem schon lange mit Spannung erwarteten Wechsel vollzogen. Bridget Breiners gelungener Einstand gab uns einen ersten Eindruck davon, worauf wir uns in der kommenden Spielzeit freuen können - auf eine neue und durchaus eigene Handschrift.
Mich persönlich sprach ganz besonders das Thema der drei Sing- und Tanzstücke an: das Leben in der modernen Großstadt. Die Stücke von Erich Kästner und Bert Brecht schildern städtisches Leben in den 1920ern mit seinen Alltagsnöten und zugleich mit der überbordenden Lebenslust nach dem überstandenen Krieg und dem Ende der Kaiserzeit. Interessant war dieser Blick für mich, weil diese Phase auch für Gelsenkirchen eine prägende war: Aus Gelsenkirchen, Buer und Horst wurde in diesem Jahrzehnt eine gemeinsame Stadt. Vieles, was unser Gemeinwesen ausmacht, hat seine Anfänge in den 1920ern: die lokale Demokratie mit dem Hans-Sachs-Haus als Zentrum, mehrere städtische Grünanlagen, die Anfänge des öffentlichen Wohnungsbaus.
Das Musiktheater macht die Stadt zum Thema - und es wirkt in die Stadt hinein. Im neuen Jahr laufen Projekte wie „Heavy Music, Cool Love" weiter, die einzigartigen Tanzprojekte, die Künstler am MiR gemeinsam mit Gelsenkirchener Jugendlichen entwickeln. Und die MiR-Stiftung wird auch künftig junge Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener an das Musiktheater heranführen, und Formate wie MiR goes Film oder MiR goes Pop, die andere Zuschauer als den klassischen Operngänger ansprechen, werden fortgesetzt.
Stadt und Musiktheater gehören und passen zueinander. Das zeigt sich nicht nur bei dem, was das Musiktheater den Menschen unserer Stadt gibt, sondern auch umgekehrt. Immer wieder weisen Künstler im Gespräch auf die große Offenheit und Neugier des Gelsenkirchener Publikums hin. Und wenn sie danach auf anderen Bühnen wechseln, vermissen sie beim neuen Publikum nicht selten genau diese Eigenschaften.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski