09. November 2012, 09:30 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Wir alle wissen, was am 9. November 1938 in ganz Deutschland, auch in unserer Stadt, auf unseren Straßen geschehen ist. Doch Bescheidwissen allein genügt nicht. Nein, wir müssen uns immer wieder gemeinsam an die Nazi-Verbrechen erinnern und Position beziehen - für ein respektvolles und tolerantes Zusammenleben, gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.
Heute können wir es uns kaum vorstellen, dass so etwas einmal in Gelsenkirchen möglich war: Vom Staat geschützte Schlägertrupps gehen auf unschuldige Bürgerinnen und Bürger los, zerstören ihren Besitz, bedrohen ihr Leben und ihre Gesundheit, zünden ihre Wohn- und Gebetshäuser an. All das, was sich in der Pogromnacht vom 9. November 1938 ereignete - für uns heute klingt es wie eine Schreckensgeschichte aus einer längst vergangenen, hässlichen Zeit.
Mittlerweile ist dies 74 Jahre her, fast ein ganzes Menschenleben. Dennoch dürfen wir nicht glauben, diese Ereignisse stammen aus einer Welt, die mit der unseren überhaupt nichts mehr gemein hat. Selbst wenn sich seither vieles verändert hat, unser Land ein anderes, unsere Stadt eine andere geworden ist - auch die damaligen Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener dachten bis dahin, dass so etwas nicht möglich sein kann. Nicht in ihrer Stadt.
Inzwischen verfügt nur noch ein kleiner Teil unserer Bevölkerung über persönliche Erinnerungen an die Jahre vor 1945. Schon deshalb ist es wichtig, dass wir die öffentliche Erinnerung an die Taten der Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer wach halten. Es ist wichtig, dass wir und die Generationen nach uns die Gründe kennen, warum diese Verbrechen vom November 1938 und in den folgenden Jahren möglich waren: weil zu viele Menschen zu lange geschwiegen haben. Weil zu viele geschwiegen haben, als die Nazis nach der Macht griffen, und weil zu viele es geschehen ließen oder mitmachten, als sie die deutschen Juden aus der Gesellschaft drängten und verfolgten.
Ein Statement gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich zahlreiche Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger für die Aufklärung der Vergangenheit und den Aufbau einer lokalen Erinnerungskultur eingesetzt. Die Vergangenheit vieler Institutionen und Orte wurde beleuchtet, öffentliche Plätze nach Opfern des Nationalsozialismus und nach Widerstandskämpfern benannt. Und seit 1964 gedenken die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener in jedem Jahr den Opfern des 9. November 1938.
Auch in diesem Jahr wollen wir uns gemeinsam an diesen Tag erinnern und zugleich mit einem Umzug durch die Innenstadt dafür demonstrieren, dass in unserer Stadt Fremdenfeindlichkeit und politisch motivierte Gewalt niemals wieder einen Platz haben werden. Wir wollen deutlich machen, dass Nazis, Neo-Nazis und ihre kruden Ideen bei uns in Gelsenkirchen nie wieder Gehör finden.
Glück auf!
Ihr
Frank Baranowski