25. Mai 2014, 21:20 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Huch! Ein Wahlergebnis von 67,4 %. Klar, freut mich diese Anerkennung ungemein. Aber es stimmt auch nachdenklich. Bin ich jetzt auch einer von denen? Jenen Dinosauriern, die in den vergangenen Jahrzehnten im Ruhrgebiet Wahl für Wahl ihre betonsicheren Mehrheiten einfuhren – egal was passiert? Ich hoffe nicht.
Denn diese Zeiten, aus denen wir vergleichbare Wahlergebnisse im Ruhrgebiet kennen, sind, denke ich, ein für allemal vorbei. Und das ist auch gut so. Heute wird niemand mehr einfach nur deshalb gewählt, weil es immer so war. Ich glaube – und hoffe es auch -, dass die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener sehr genau darauf achten, wem Sie Ihre Stimme anvertrauen und wofür er oder sie steht. Was er mit dem Vertrauen, dass ihm geschenkt wird, anfängt, wie er damit umgeht.
Und diese Sensibilität der Bürgerinnen und Bürger, wenn Sie so wollen: die Emanzipation von einer rein traditionellen und gewohnheitsmäßigen politischen Bindung, finde ich gut. Sie ist ein Stimulans für eine Politik, die permanent Rechenschaft abgeben muss, sich immer überprüfen muss, eine Politik der Offenheit, des Zuhörens und Ernstnehmens. Denn niemand – keine Partei, keine Person – hat mehr irgendwelche Mehrheiten gepachtet. Niemand kann sich auf Mehrheiten ausruhen wie in der alten Zeit der Zweidrittelergebnisse.
Diese Demut habe ich versucht, in meinen beiden vergangenen Amtsperioden zu bewahren. Ob es mir gelungen ist, müssen Sie beurteilen. Aber ich frage mich natürlich schon: Wie passe ich denn in meine eigenen Vorstellungen jetzt rein mit meinem „Zweidrittelergebnis“? Denn auch wenn ich jetzt schon zum zweiten Mal so ein „Dinosaurierergebnis“ habe, will ich mich doch nicht als Dinosaurier fühlen. Ich hoffe, Sie können das verstehen.
Offen und gesprächsbereit bleiben
Deshalb werte ich – bei aller persönlichen Freude – dieses Ergebnis als starke Bekräftigung des eingeschlagenen Kurses einer ganzen Stadt. Als Fingerzeig, dass die geduldige, beharrliche, langfristig ausgerichtete Arbeit von ganz vielen Akteuren in dieser Stadt honoriert wird. Das Wahlergebnis ist der Auftrag, auf diesem Weg weiterzugehen. Und genau so weiterzumachen, wie in den vergangenen zehn Jahren: Offen, gesprächsbereit und bei den wichtigen und grundsätzlichen Zukunftsentscheidungen unserer Stadt gemeinsam mit vielen anderen. Mir ist – trotz des überaus deutlichen Wahlergebnisses - sehr bewusst, dass dieses Vertrauen auch ganz schnell wieder entzogen werden kann.
Also, machen wir einfach weiter. Es ist noch so unglaublich viel auf den Weg zu bringen. Machen wir weiter damit, unsere Stadt behutsam und nachhaltig zu erneuern. Machen wir weiter damit, unseren Kindern eine bestmögliche Zukunft zu ermöglichen – unabhängig vom Geldbeutel, der Herkunft und dem Bildungsgrad der Eltern. Machen wir weiter damit, Gelsenkirchen noch lebens- und liebenswerter zu gestalten.
Sparen wir uns alles Geplänkel und arbeiten wir weiter!
Und vor allem: Machen wir es weiterhin zusammen! Denn eines ist doch klar: Die zentralen Herausforderungen unserer Stadt sieht jeder. Und über die wesentlichen Handlungsansätze gibt es in unserer Stadt ebenfalls kaum unterschiedliche Ansichten. Deswegen können wir uns auch weiterhin alles Geplänkel sparen und einfach weiter zusammen an der Zukunft unserer Stadt arbeiten. Vieles könnte schneller gehen, wenn mehr Geld da wäre: Klar! Aber es ist nun mal, wie es ist. Statt Wolkenkuckucksheime zu bauen, ist es klüger, weiter daran zu arbeiten unsere Handlungsspielräume Schritt für Schritt auszuweiten. Und in diesem Rahmen möglichst viele kluge Weichenstellungen vorzunehmen. Das ist schon eine ganze Menge. Der Rückenwind, den Sie mir mit Ihrem Votum gegeben haben, der trägt nicht nur mich. Im Grunde gilt er allen – durchaus quer durch die Parteien -, die in den letzten Jahren diesen Politikansatz mit Leben gefüllt haben. Er sollte uns die nötige Durchhaltekraft und Ausdauer geben, auf diesem Weg weiterzugehen.
Geringe Wahlbeteiligung kann einem Oberbürgermeister nicht egal sein
Was mich allerdings betrübt, ist die abermals gesunkene Wahlbeteiligung. Dass wir über die Hälfte unserer Stadt nicht erreichen, dass über die Hälfte der Menschen es offenkundig nicht für lohnenswert erachtet, sich zu beteiligen, das kann einem Oberbürgermeister nicht egal sein. Es ist – wie in vielen anderen Städten – alarmierend und lässt an diesem Tag ein schales Gefühl zurück. Hier muss sich nicht nur Politik insgesamt, sondern eine ganze Stadtgesellschaft ganz gehörig anstrengen, um diesen Trend irgendwann wieder umzukehren.
Es bedankt sich ganz herzlich bei Ihnen
Ihr
Frank Baranowski