18. Februar 2016, 20:24 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Liebe Gelsenkirchenerinnen, liebe Gelsenkirchener!
Wir kommen in diesen Tagen ja alle aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen. In was für Stadtteilen, in was für Straßen müssen wir nur alle leben? Da werden zum Teil ja erschreckende Zustände herbeigeschrieben. Zu Recht werden Sie sich über diese Beschreibungen, die derzeit Konjunktur haben, wundern. Und wahrscheinlich auch hier und da ärgern.
Denn sehr wahrscheinlich geht es Ihnen wie mir. So haben Sie Ihr Viertel, Ihren Stadtteil bislang nicht wahrgenommen. Klar, die eine oder andere Gegend, in die man abends nicht ganz so unbefangen geht, gab’s schon immer. Aber wenn überhaupt sich jemand in dieser Stadt unsicher fühlen sollte, dann höchst wahrscheinlich erst ab jetzt – da wir alle jeden Tag darüber lesen müssen, wie unsicher es vor allem im Süden der Stadt angeblich sei.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wenn sie zudem mit einer selektiven Wahrnehmung einhergeht, kann sie schnell zum Wirklichkeitsverlust führen – und hysterische Züge annehmen. Ich glaube, genau das erleben wir gerade in Teilen der Medien und der Öffentlichkeit, wenn es ums Thema Sicherheit geht.
Um eines von vornherein klarzustellen: Es gibt keine No-Go-Areas in dieser Stadt! Nicht einmal gefühlte! Wer so etwas behauptet, der missbraucht und schürt gleichermaßen die Ängste der Bevölkerung. Und das ist nicht nur populistisch, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: brandgefährlich.
Ja, sicher – es gibt auch Probleme in unserer Stadt. So verzeichnen auch wir in Gelsenkirchen in den letzten Jahren teilweise eine Besorgnis erregende Tendenz von mangelnder Akzeptanz staatlicher Institutionen und Respektlosigkeit gegenüber Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Und ja, es gibt auch in Gelsenkirchen eine ganze Reihe von Konflikten und Problemen, die mit einer ganz bestimmten ökonomischen und sozialen Situation einhergehen.
Warum soll es das auch ausgerechnet in Gelsenkirchen nicht geben? Die Welt macht ja nicht vor unseren Stadttoren halt. Und das sind Phänomene, die wir im ganzen Land verzeichnen. Und das sehen wir. Und darauf reagieren wir. Schon seit vielen Jahren übrigens. Warum denn wohl sonst gehen wir mit einem hohen finanziellen Aufwand etwa an die Wiederbelebung der unteren Bochumer Straße? Aber das ist doch nicht einmal die gesamte Bochumer Straße bis hoch zum Ückendorfer Platz. Wir reden hier über einen Abschnitt von vielleicht 300 Metern einer einzigen Straße. Und nehmen derzeit in der öffentlichen Debatte einen ganzen Stadtteil in die Mithaftung! Ückendorf ist doch weit mehr als diese 300 Meter Straße, die jetzt ständig durch die Medien gejagt werden. Ückendorf sind auch Menschen, die in der Knappschaftsstraße wohnen, im Flöz Dickebank, in der Park- oder Rheinelbestraße, in der Zeche Holland oder jenseits der Ückendorfer Straße entlang der Günnigfelder Straße, rund um den Schulte-im-Hofe-Platz. All diese Straßen spielen derzeit keine Rolle, nur die 300 Meter einer einzigen.
Man kann ganze Stadtteile unsicher reden und man kann sie auch schlecht reden. Und damit kann man auch vieles kaputt machen, was dort an erfreulichen und hoffnungsvollen Initiativen und Entwicklungen entsteht. Und damit kann man vor allem auch ganze viele Menschen diskreditieren, die dort wohnen, die sich dort engagieren, die für die Zukunft ihres Stadtteils arbeiten – ja, und die dort gerne leben! Gerade in Rotthausen. Gerade in Ückendorf. Wo so vieles passiert: vom neuen Justizzentrum über die Ausweisung neuer Wohngebiete bis hin zur Etablierung eines Veranstaltungsortes in der Heilig-Kreuz-Kirche. Diese Entwicklungen sind nämlich auch Ückendorf.
Und so ist es in der ganzen Stadt. Wir haben an einigen Stellen diese 300 Meter Straße, die uns Probleme machen. Aber in keinem einzigen Fall ist es ein ganzer Stadtteil. Das gehört mit zur Wahrheit. Und zur Wahrheit gehört auch zum Beispiel, dass Gelsenkirchen, was die Kriminalitätsstatistik in Vergleich mit anderen Städten angeht, ziemlich unauffällig ist.
Sie können sicher sein: Wir sehen nichts durch die rosarote Brille. Wir sehen die Lage in der Stadt, wie sie ist. Mal bunt, mal grau. Ganz sicher aber sehen wir nicht schwarz. Wer schwarz sieht, der sieht nämlich gar nichts mehr! Der kann nichts mehr erkennen. Das wäre dasselbe, als würden wir die Augen ganz verschließen. Und das können wir uns nicht erlauben!
Also: Wir sind gut beraten, wenn wir uns nicht von diffusen Ängsten leiten lassen und uns nicht irre machen lassen, sondern uns um ein objektives Bild bemühen. Nur dann kann man Probleme angehen und lösen.
Ihr
Frank Baranowski