01. Dezember 2011, 00:00 Uhr | Stadtbibliothek Gelsenkirchen
2011
Als ich Liz Murrays Buch "Als der Tag begann" beendet hatte, musste ich erst einmal Luft holen.
Was für eine unglaublich bewegende Geschichte. Wer den Namen der Autorin kennt, wird wissen, dass der Roman eine Biographie ist. Wäre es anders, man würde die Geschichte kaum glauben. Mit nur 15 Jahren ist Liz obdachlos. Ihre Eltern waren schon vor ihrer Geburt drogenabhängig und hatten eine kriminelle Karriere vorzuweisen, zum Zeitpunkt ihrer Geburt sitzt der Vater im Gefängnis. Kaum ist der draußen, scheint die gesamte Familie vollends abzurutschen, lebt von Sozialscheck zu Sozialscheck, Armenküchen sind oft die einzige Möglichkeit, eine Mahlzeit zu bekommen. Liz kann, im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester oft nicht einmal sagen, was sie sorgt, was fehlt. Sie kennt es ja nicht anders. Trotzdem versucht sie instinktiv, nicht aufzufallen, nicht lästig zu werden, nicht zu fordern. Die kleine Liz liebt ihre Eltern über alles und ist glücklich über jeden Augenblick der Zuwendung und Aufmerksamkeit. Man ahnt schon, dass es derer nicht viele geben wird. Drogensucht, Gelegenheitsprostitution und AIDS sind einige der Dinge, mit der die Kinder schon früh konfrontiert werden. Und so scheint sich die Familie in einer Abwärtsspirale zu befinden und es ist wirklich kaum ein Funken Hoffnung zu sehen. Der Tiefpunkt ist erreicht, als Liz das Sterben ihrer Mutter nicht länger ertragen kann und nach einem Streit mit ihrem Stiefvater beschließt auf der Strasse zu leben. Liz Murray schildert das alles so, als wäre es das alltäglichste auf der Welt. Wie sollte es auch anders sein, sie kannte ja kein anderes Leben. Daher ist der Schreibstil sachlich, manchmal gar lapidar, doch kann kein Zweifel daran sein, dass es der kleinen Liz manchmal schier das Herz zerrissen hat. Glaubhaft schildert sie den Mut und die Ratlosigkeit, den sie in ihrer Kindheit brauchte, um zu überleben, ebenso die Unwissenheit und Überforderung, wenn es darum ging, so etwas wie ein normales Leben oder einen geregelten Tagesablauf zu führen. Es ist unfassbar, dass es in den 80er Jahren möglich war, dass ein Kind so sich selbst überlassen wurde. Es wird kaum einem Leser gelingen, von Liz Murrays Lebensgeschichte nicht berührt zu sein und ja, auch wenn es als Formulierung etwas abgeschmackt klingt, dies ist ein unglaublich anrührendes Buch.
Iris Jockschat
ERLEBNISSE MUR
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