11. September 2014, 10:00 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr geehrten Damen und Herren Stadtverordnete,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
seien Sie herzlich willkommen zur ersten Ratssitzung nach der Sommerpause – nach einem Sommer, der zwar bewegend war (ich denke da natürlich an die Fußballweltmeisterschaft ); der uns aber vor allem auch ordentlich durchgeschüttelt hat. Und da erinnern wir uns alle an das Sturmtief „Ela“, das in gerade einmal einer Stunde erhebliche Schäden an privatem wie städtischem Eigentum verursacht hat. Ein großer Teil davon ist inzwischen beseitigt; manches aber wird mehr Zeit in Anspruch nehmen, einiges noch im nächsten Haushaltsjahr Geld kosten. Allerdings, auch das dürfen wir festhalten: In diesem plötzlichen Ausnahmezustand war erneut zu sehen, dass die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener zusammenstehen, wenn es schwierig wird!
Aber, meine Damen und Herren,
ich stehe hier nicht, um mit Ihnen übers Wetter zu reden. Wenn ich von „Ela“ rede, dann rede ich auch nicht vom Wetter. Dann rede ich von den Rahmenbedingungen, unter denen eine Kommune ihre politische Agenda planen kann und muss. Dann rede ich davon, wie immer wieder Ereignisse, die unvorhergesehen sind, oder Entscheidungen, auf die die Stadt Gelsenkirchen keinen Einfluss hat, massiv haushaltsrelevant werden, richtig ins Geld gehen. Geld, das vorher niemand einplanen konnte. Geld, das einem nachher auch niemand wiedergibt (oder wenn, dann nur unzureichend…). Im Falle „Ela“ kennen Sie inzwischen die vorläufige Summe aller Schäden, die der Sturm in unserer Stadt angerichtet hat: derzeit über 15 Mio. €. Und Sie kennen auch die Summe, mit der uns das Land unterstützt: 1,05 Mio. €….
Ich will damit nur veranschaulichen, was Sie alle seit langem aus eigener, oft genug leidvoller Erfahrung wissen: Dass wir hier Jahr für Jahr vor demselben Dilemma stehen. Dass hier im Rat Menschen sitzen, die zu einem überwiegenden Teil mit einer großen Ernsthaftigkeit und einer hohen Verantwortungsbereitschaft viel ihrer privaten Zeit opfern, um irgendwie einen Haushalt auf die Beine zu stellen, der gleichzeitig dem Sparwillen Rechnung trägt, aber auch die kommunal wichtigen Investitionsakzente enthält; dass diese Menschen – also wir alle hier – nach langen Beratungen dann glauben, diese schwierige Aufgabe einigermaßen hinbekommen zu haben, nur um wenig später im Haushaltsjahr dann doch feststellen zu müssen, dass alles ganz anders kommt und dieses fragile Gebilde wieder empfindlich ins Ungleichgewicht gerät oder sogar zu kippen droht.
Mal ist es ein Sturmtief, mal neue Phänomene wie vor gut einem Jahr die Zuwanderung aus Südosteuropa, die zusätzliche Kosten in den Kommunen entstehen lassen. Dazu kommt dann immer mal wieder ein großer Gewerbesteuerzahler, der sein Geld zurück haben will. Die Energiewende sorgt nun einmal nicht nur bei den Verbrauchern für steigende Preise, sondern bei den Kommunen für Steuerrückgängen. Das ist schon nicht nichts. Das kann schon eine verdammt frustrierende Erfahrung sein: Sich abzumühen auf einem Weg, der an sich schon schwer genug ist, und dabei genau zu wissen, dass einem jederzeit wieder irgendwas oder irgendwer von hinten die Beine wegziehen kann. Das zu wissen und trotzdem auf diesem Weg weiterzugehen; und trotzdem immer wieder aufzustehen - das zeugt nicht nur von Nehmerqualitäten, sondern auch von Charakter. Und es ist gut, dass wir beharrlich auf diesem Weg bleiben, denn wir sind – trotz allem – in den letzten Jahren ja schon viele Schritte weitergekommen. Und mit dem Haushalt 2015 wollen wir unsere nächsten Schritte auf diesem Weg planen.
Der Weg, den die Gelsenkirchener unterstützen
Es ist ein Weg, der sich über schon gut zehn Jahre bewährt hat. Ein Weg, für den wir von vielen Seiten Anerkennung erhalten. Und der – was zweifellos am wichtigsten ist – die Unterstützung der Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener hat!
Warum? Weil wir niemandem das Blaue vom Himmel versprochen haben. Weil ich den Menschen kein Wolkenkuckucksheim in Aussicht gestellt habe. Sondern weil ich von Anfang an gesagt habe: Wir brauchen einen langen Atem. Es liegt eine Menge Arbeit vor uns. Aber wir haben eine realistische Perspektive, denn wir haben uns genau angeschaut, wo wir stehen – und wohin wir unsere Stadt entwickeln können. Und daran arbeiten wir, mit Leidenschaft und Zielstrebigkeit. Mit Beharrlichkeit und Geduld. Mit Selbstbewusstsein, aber eben auch in dem Bewusstsein, noch lange nicht angekommen zu sein. Und im Bewusstsein, zwar die richtige Strategie zu haben – aber nicht jeden einzelnen Schritt bereits zu kennen, sondern uns immer wieder kritisch zu hinterfragen. Und, wenn nötig, auch zu korrigieren. Sie dürfen sich sicher sein: Auch in meiner dritten Amtszeit bleibt mir das sehr bewusst!
Wir wollen unsere Stadt – das ist die Perspektive – zu einer Stadt mit guter Lebensqualität und lebendigen Stadtteilen und Quartieren gestalten. Zu einer Stadt, die sich längst nicht mehr nach der Montanindustrie ausrichtet, sondern nach den Bedürfnissen und Vorstellungen, den Wünschen und Ambitionen der Menschen. Und diesen Menschen eröffnen wir – egal ob sie nun jung sind oder nicht mehr ganz so jung, ob sie neu zugezogen sind oder längst tief verwurzelt – mit allen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, Bildungs- und Lebenschancen. Damit sie sich und ihren Familien ein gutes, ein gelingendes Leben aufbauen können. Damit sie mit ihren Ideen und ihrem Fleiß sich selbst, unsere Stadtgesellschaft und unsere Wirtschaft voranbringen. Damit sie – und diese Möglichkeit soll jeder haben – zu unserem Zusammenleben beitragen können! Dafür entsteht nach und nach ein tragfähiges Fundament. Diesem Ziel dienen all die einzelnen Ansätze in dem vor Ihnen liegenden Haushaltsentwurf. Und dafür werden wir auch 2015 investieren, so wie wir in den vergangenen Jahren investiert haben – und das waren, bei allen Einschränkungen, ansehnliche Beträge: Im zurückliegenden Jahrzehnt waren es gut 100 Millionen, die wir allein in die bauliche Infrastruktur der Gelsenkirchener Schulen, Kitas, Sportstätten und Kultureinrichtungen investiert haben!
Der langfristige Umbau unserer Stadt
Wer mit offenen Augen durch unsere Stadt geht, der sieht das. Der erkennt die Resultate unserer Arbeit, vor allem der umfassenden Stadterneuerung. Und der bekommt mit, wo gerade jetzt etwas geschieht, wo gearbeitet, verbessert wird. Wo in diesem Moment Zukunft entsteht. Direkt vor der Tür dieses Hauses zum Beispiel, bei der Umgestaltung des Heinrich-König-Platzes und des Neumarktes, die bald in die zweite Phase übergeht, in der die Veränderung dank des neuen Pflasters sichtbar wird. 2015 wollen wir zudem einen Schritt weiter gehen und das Umfeld der City in den Blick nehmen, die Zugänge zum Zentrum. Darauf haben wir ja schon in Buer geachtet und die Horster Straße zur Kulturmeile ausgebaut – und so wollen wir im nächsten Jahr überlegen, wie wir die Ringstraße aufwerten können.
Zudem soll Rotthausen zu einem Programmgebiet der Stadterneuerung werden – als dann schon elfter Gelsenkirchener Stadtteil. Anfang 2015 wollen wir in Rotthausen ein Quartiersmanagement einrichten und mit den Menschen im Stadtteil ein integriertes Handlungskonzept erarbeiten - die Basis, um Fördermittel von Land und Bund zu erhalten. In der Hoffnung, dass die Förderbürokratien von Bund und Land dann auch so schnell handeln, wie wir es wollen und können. Denn in Hassel mussten wir uns ja länger gedulden, weil es immer wieder hieß: Ihr in Gelsenkirchen macht doch ohnehin schon so viel. Inzwischen aber fließt auch in Hassel Geld, die Erneuerungsprojekte machen Fortschritte: Wir haben vor wenigen Wochen das Richtfest des Stadtteilzentrums gefeiert, auch der umgestaltete August-Schmidt-Platz wird bald fertig sein.
Und wenn ich die Bauprojekte durchgehe, dann will ich auch die Bochumer Straße nennen: Die einstige Prachtstraße im Gelsenkirchener Süden soll wieder zu einer ansehnlichen Straße werden. Und dafür tun wir, was möglich und nötig ist, im Einzelfall erwerben wir auch vernachlässigte Häuser. Das kostet Geld, das können wir nur sehr dosiert machen. Aber wenn es um die Zukunft eines ganzen Stadtteils geht, dann setzen wir uns auch mit unkonventionellen Mitteln dafür ein! Wichtiger Impulsgeber für die neue Bochumer Straße soll die Heilig-Kreuz-Kirche werden, deshalb wollen wir dieses außergewöhnliche Bauwerk nun zu einem Zentrum für Kultur, Veranstaltungen und Begegnungen ausbauen. Damit es in Zukunft wieder so in den Stadtteil ausstrahlen kann, wie es seinem baukulturellen Rang entspricht. Auch in Verbindung mit unseren Aktivitäten im Halfmannshof ist das ein ganz zentrales Vorhaben für Ückendorf. Denn mit reparierten Straßen und neuen Plätzen allein ist noch nichts gewonnen. Es muss auch etwas geben, was auf ihnen stattfindet, sie müssen belebt werden. Beides zusammen erst macht eine gelungene urbane Erneuerung aus.
Aber natürlich ist es eben auch wichtig, gute Straßen zu haben. Deshalb ist ja bereits im Rahmen der letztjährigen Haushaltsberatungen das Aktionsprogramm Straßenbau initiiert worden. Das nimmt in dem Entwurf 2015 nun Kontur an, jetzt geht es konkret an die Arbeit, jetzt soll das Gelsenkirchener Straßen- und Wegenetz an vielen Stellen ausgebessert werden. Denn ich habe immer wieder gesagt: Wir kümmern uns zuerst um das Thema Bildung – aber nicht ausschließlich. Wir wollen und werden natürlich auch den Wert unserer öffentlichen Infrastruktur erhalten!
Die richtige Strategie und neue Ansätze
Ja, meine Damen und Herren,
wir werden 2015 weiter an der Erneuerung der Stadt arbeiten, wir werden weiter Strukturen wie Menschen stärken. Und ich bin fest davon überzeugt: Wir können das – allen Einschränkungen und Problemen zum Trotz. Wir sind als Politik, wir sind als Verwaltung in der Lage, die Lebensbedingungen der Menschen in dieser Stadt zu verbessern, wir sind in der Lage, schnell auf Probleme zu reagieren und sie zu lösen. Was uns an Mitteln fehlt, gleichen wir oft durch Einsatz und Ideen aus. Das beste Beispiel ist für mich die enorme Herausforderung, die sich durch die Zuwanderung aus Südosteuropa in recht kurzer Zeit ergeben hat. Da gab es gerade am Anfang Reibungen und Spannungen, auch einige Ängste auf allen Seiten. Aber heute können wir mit aller gebotenen Vorsicht sagen, dass das Handlungskonzept, das wir seinerzeit entwickelt hatten, offenbar Wirkung zeigt. Es ist uns gelungen, die Integration einiger tausend Menschen zwar nicht vollkommen konfliktfrei, aber doch frei von starken Verwerfungen zu gestalten. Mit Blick auf einige Nachbarstädte ist das keine Selbstverständlichkeit. Das hat etwas zu tun mit dem großen Engagement vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung und bei den freien Trägern. Aber auch mit der eingangs von mir erwähnten großen Ernsthaftigkeit und dem Verantwortungsbewusstsein des überwiegenden Teils der Stadtverordneten.
Und so müssen wir weitermachen! Weitermachen und trotzdem immer noch wieder besser werden wollen. Bei diesem Thema und auch bei allen anderen. Wir werden uns auch künftig fragen, immer wieder: Haben wir noch die passenden Rezepte? Oder brauchen wir vielleicht neue, andere, bessere Methoden? Ein Beispiel dafür ist das Modellprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ Dass wir in der Familien- und frühen Bildungspolitik besser und weiter sind als viele andere – das wissen wir. Aber trotzdem wollen wir uns nicht zurücklehnen. Also nutzen wir alle Möglichkeiten, die uns dieser Verbund bietet, um unsere Maßnahmen zu überprüfen. Und wir haben soeben eine große Befragung der Eltern gestartet, mit der wir ihren Bedarf möglichst präzise ermitteln wollen. Das mag aufwändig sein, hilft uns aber, das Richtige zu tun. Nämlich das, was die Bürger wollen und was ihnen hilft – und nicht wovon wir vermuten, dass es so sein könnte!
Ein zweites Beispiel ist der Übergang der alten WIN zur UMBAU 21. Den haben wir von Gelsenkirchen aus angestoßen und mit vorangetrieben – weil ich davon überzeugt bin, dass die regionale Wirtschaft neue Impulse benötigt; und weil ich nicht den Eindruck hatte, dass isolierte Projekte diese Impulse bringen. Nein, dafür brauchen wir Kooperationen: mit unseren Nachbarn, den Unternehmen, dem Land. Auch dafür kann UMBAU 21 die Türen öffnen: Wir haben nun erstmals einen eigenen EFRE-Zugang außerhalb der Ruhrgebiets-Förderlinie, das sollte auch manches leichter machen. Denn es geht darum, eine Dynamik weiter fortzuschreiben. Sie kennen ja alle die Statistik von NRW.IT, des Landesdatenamts: Die Beschäftigtenzahl in Gelsenkirchen ist seit 2007 von 68.000 auf 75.700 im Jahr 2012 gestiegen. Das soll so weitergehen - solange, bis es nicht allein statistisch nachweisbar ist, sondern auch für jeden spürbar wird!
Es kommt auf die Kommunen an!
Neu nachdenken, nicht bequem werden: Diese Haltung werden wir 2015 brauchen, weil wir wieder nicht alles im nächsten Haushalt unterbekommen werden, was hineingehört. Weil wir erneut einen Haushalt auf Kante nähen müssen. An der strukturellen Unterfinanzierung der Kommunen hat sich wenig geändert, und ich muss zugeben: Es ist ärgerlich, wenn man permanent auf dieses Problem aufmerksam macht, wie ich es zuletzt mehrfach zum Thema Eingliederungshilfe getan habe –und von allen Seiten Recht bekommt, sich in der Sache aber nur wenig bewegt. Dabei kann sich der Bund eigentlich seine Kommunen-Vergessenheit gar nicht leisten. Unser ganzes Land kann sich finanzschwache Kommunen gar nicht leisten – nicht, ohne auf Dauer Schaden zu nehmen. Wobei ich nicht weiß, ob es Kommunen-Vergessenheit ist, oder ob in Berlin oder München wirklich manche Leute glauben, dass man sich um die Kommunen nicht kümmern müsste, weil es mit der PKW-Maut bald ein Allheilmittel für sämtliche Infrastrukturprobleme gibt…
Jeder, der ehrlich zu sich selbst ist, weiß: So einfach lassen sich die nötigen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur nicht in Gang setzen. Da braucht es etwas Anderes. Da kommt es vielmehr darauf an, dass sich jemand vor Ort ernsthaft und dauerhaft kümmert. Da kommt es darauf an, dass jemand dafür sorgt, dass es anständige Schulen und Kindertagesstätten gibt, Sportplätze und Schwimmbäder; dass sich die ältere Dame mit dem Rollator in der Stadt bewegen kann; dass es barrierefreie Wohnungen und auch eine Nahversorgung im Quartier gibt; dass Busse fahren, nicht nur im Zentrum… Genau dafür braucht es Kommunen, niemand sonst kann das leisten – und es braucht finanziell handlungsfähige Kommunen!
Diese Fülle an Aufgaben, die das Leben der Menschen prägt, die ein gutes Zusammenleben erst möglich macht – sie macht die Bedeutung, die Systemrelevanz der Städte aus. Und doch scheinen viele Meinungsmacher das noch immer nicht zu verstehen. Leider spiegelt das auch die Finanzverfassung nicht wider. Nach wie vor fehlt eine verlässliche Kommunalsteuer. Bei der Gewerbesteuer verzeichnen wir Schwankungen, die niemand auf reale Entwicklung des Wirtschaftsstandortes zurückführen kann. Oder kennen Sie jemand, der ernsthaft behauptet, die Wirtschaftskraft unserer lokalen Unternehmen sei der Grund dafür, dass wir in einem Jahr 180 Millionen Euro aus der Gewerbesteuer einnehmen – und wenige Jahre später lediglich 23 Millionen?
Nein, diese Pendelschläge haben viel mehr mit Ausweichbewegung von Unternehmen zu tun, gerade der großen; von Unternehmen, die nicht bereit sind, Verantwortung für ihren Standort zu übernehmen. Sie sind aber auch, das will ich nicht verhehlen, Folge einer verfehlten Steuerpolitik. Und wenn Sie jetzt sagen, die Unternehmenssteuergesetzgebung wurde zu einem Gutteil unter Rotgrün beschlossen – dann muss ich Ihnen Recht geben. Das ist so. Das habe ich auch vielfach kritisiert. Aber richtig ist ebenso: Auch andere Parteien haben seitdem genug Gelegenheiten gehabt, diesen Fehler zu korrigieren – und es bis heute ebenfalls nicht geschehen.
Je mehr Haushaltsberatungen ich mitmache, umso mehr festigt sich meine Überzeugung, dass das gesamte Finanzierungssystem der deutschen Kommunen grundsätzlich revidiert werden muss. Erst wenn es eine Gesamtsystematik gibt, die verlässlich und planbar ist, die gleiche Lebensbedingungen - was durchaus im Sinne unseres GG liegt - ermöglicht, die nicht dafür sorgt, dass diejenigen, die es am dringendsten müssten, am wenigsten investieren können und dürfen – erst dann werden wir überhaupt erst wieder von einer echten kommunalen Selbstverwaltung reden können.
Es sind derzeit vor allem zwei Größen auf der Einnahmeseite, die unseren Haushalt belasten: die Ausfälle bei der Gewerbesteuer sowie die ausbleibende Entlastung bei der Eingliederungshilfe. Die hat der Bund zwar für diese Legislaturperiode in Aussicht gestellt, aber sein Versprechen hat er nicht eingelöst. So fallen vorerst weiter rund 18 bis 20 Millionen aus unserem Haushalt für eine Aufgabe an, die eigentlich zur Bundeszuständigkeit gehört – weil die Eingliederung von Menschen mit Handicap nun mal eine Aufgabe ist, die überall anfällt. Hinzu kommt, dass es uns die Bezirksregierung nicht gestattet, die im Koalitionsvertrag fixierte Entlastung der Kommunen in die Planung für die nächsten Jahre aufzunehmen. Und das zwingt uns dazu, die Einnahmeseite noch einmal genauer anzuschauen. Es zwingt es dazu, an einer der wenigen Stellschrauben zu drehen, mit der wir selbst zusätzliche Einnahmen generieren können.
Nach Lage der Dinge heute werden wir deshalb für das Jahr 2017 den Hebesatz für die Grundsteuer B erhöhen müssen – um 150 Punkte, auf 645. Das ist ein Schritt, den ich den Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchenern eigentlich ersparen möchte, mindestens so gerne wie Sie. Der aber nötig sein wird, wenn sich der Bund nicht bewegt. Es ist ein Schritt, den viele Städte in Nordrhein-Westfalen ebenfalls vornehmen werden. Die meisten Ruhrgebietsstädte fordern schon heute höhere Sätze als wir und werden das auch in Zukunft tun. Zwei Dinge möchte ich zudem noch hinzufügen: Die Einnahmen aus der Grundsteuer B leisten einen wertvollen Beitrag dazu, dass wir in unserer Stadt eine öffentliche Infrastruktur erhalten können, die diesen Namen verdient: Sportplätze, Straßen, Schulen, unser Musiktheater – und vieles andere mehr. Und die Bürgerinnen und Bürger in Gelsenkirchen dürfen sich sicher sein, dass wir die uns anvertrauten Mittel sehr sorgfältig einsetzen. Wir setzen sie vorausschauend ein, so dass sie einen frühzeitigen und langfristigen Nutzen bringen – das ist der Grundgedanke unserer Präventionspolitik, daran werden wir festhalten. Wenn wir jetzt verstärkt auf Kindergesundheit achten, wenn wir den Bildungsverbund Schalke voranbringen – dann sind dies Ausgaben, die uns helfen, in Zukunft nicht ungleich teurere Reparaturen vornehmen zu müssen!
Ein Haushalt aller Bürgerinnen und Bürger
Meine Damen und Herren,
ich habe vorhin gesagt: Wir wollen möglichst das tun, was die Bürgerinnen und Bürger wünschen – nicht bloß, wovon wir vermuten, dass sie es wünschen. Um diesem Ideal noch näher zu kommen, hatten wir uns im vergangenen Jahr entschieden, die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener zu einem Bürgerhaushalt einzuladen. Diese Einladung wurde ziemlich gut angenommen, es sind mehr Vorschläge eingegangen, als ich erwartet habe. Es sind viele konstruktive und kluge Vorschläge eingegangen, die ein richtig wertvolles Feedback für unser städtisches Handeln liefern. Dabei soll es aber nicht bleiben. Wir haben nun in den nächsten Wochen auch die Verantwortung, diese Vorschläge nach Möglichkeit zu integrieren, sie mit in den Haushalt 2015 einfließen zu lassen. Und wir haben die Chance, dafür zu sorgen dass der Haushalt 2015 wirklich ein Haushalt aller Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger wird!
Im Grunde ist das kein ganz neues Ziel. Im Grunde ist es das, wofür wir uns seit Jahren einsetzen und wofür auch der Gelsenkirchener Konsens stand: Wir wollen einen Haushalt beschließen, der ein Haushalt aller Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener ist – ein städtisches Handlungsprogramm, in dem sich alle Bürgerinnen und Bürger mit ihren Anliegen, Wünschen und Bedarfen wiederfinden! Bemerkenswerterweise ist uns genau das über Jahre hinweg gelungen, wieder und wieder haben wir einen Konsens über Fraktionsgrenzen herstellen können. Zuletzt aber hat sich leider eine Ratsfraktion nicht mehr daran beteiligen wollen und sich im Vorjahr der Kommunalwahl dem Gelsenkirchener Konsens entzogen – und auch angekündigt, auch künftig, keinen Wert mehr darauf zu legen. Um ehrlich zu sein: Ich würde das bedauern. Denn unsere Stadt hat sehr vom Gelsenkirchener Konsens profitiert. Und wenn ich es recht sehe, dann hat ja auch die CDU im Umkehrschluss bei der Wahl nicht eben davon profitiert, den Konsens aufgekündigt zu haben…
Der Gelsenkirchener Konsens stand für die gemeinsame Verantwortung dieses Gremiums. Diese Verantwortung kann man nicht abstreifen. Ich bezweifle, dass es in der kommunalen Selbstverwaltung viel Raum für Grundsatzopposition gibt. Man kann nicht einfach: Höher! Weiter! Mehr! Fordern – nein, man muss auch kluge, bezahlbare, umsetzbare Vorschläge liefern. Man muss für seine Vorschläge einstehen, wenn man von den Bürgerinnen und Bürgern ernst genommen werden will. Wir alle stehen in der Verantwortung für diese Stadt, für unsere Stadt, die Stadtverordneten, die Bezirksvertreter, die Bezirksbürgermeister, ich als Oberbürgermeister – dafür sind wir gewählt worden, das sind wir den Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchenern schuldig. Ich möchte Sie einladen, diese Verantwortung wahrzunehmen, sich nicht von den vielleicht nicht ganz einfachen Rahmenbedingungen einschüchtern zu lassen, sondern die Potenziale zu erkennen, die Chancen und Möglichkeiten zu ergreifen und mit dazu beizutragen, dass unsere Stadt Schritt für Schritt jene attraktive und lebendige Stadt wird, die wir uns vorstellen!
Glück auf!