15. März 2015, 12:58 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr geehrten Damen,
es ist ein besonderer Tag, noch immer und immer wieder. Mit einem besonderen Rahmen und besonderen Begleiterscheinungen. Ein Tag, an dem ich – so jedenfalls habe ich das kürzlich in einem Gelsenkirchener Blatt gelesen – in die Rolle von Gelsenkirchens „Bachelor“ schlüpfen werde. Warum? Weil ich als einziger Mann unter so vielen Frauen ja später noch – richtig, Sie ahnen es! – Rosen verteilen darf…
Nun will ich nicht zu viel vorab vom Fortgang dieser Veranstaltung verraten. Aber in einem Punkt möchte ich doch ganz gerne Entwarnung geben: Mit der erwähnten Rolle wird es nichts. Denn erstens stammt meine akademische Ausbildung noch aus einer Zeit, als kein Bachelor vergeben wurde, sondern lediglich Diplome und Magister. Und zweitens müssen die teilweise arg rückwärtsgewandten Rollenbilder des deutschen Privatfernsehens von niemand nachgespielt werden – auch von uns hier und heute nicht.
Was wir allerdings sollten, das ist: Die in jenen Medien oft genug dargebotenen Rollenbilder wahrnehmen. Denn diese Rollenmuster sind in meinen Augen schon ein recht gewichtiger Hinweis darauf, wie nötig der Internationale Frauentag ist, auch und gerade 2015. Er ist nach wie vor nötig, weil noch einige Schritte bis zur faktischen Gleichberechtigung zu gehen sind. Und er ist sinnvoll, weil all das, was in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erreicht wurde, nicht für die Ewigkeit erreicht ist. Weil sämtliche Fortschritte auch wieder erodieren können.
Am Anfang, vor etwas mehr als 100 Jahren, als der Internationale Frauentag zu einem wichtigen Datum wurde, da ging es vor allem um formelle Gleichberechtigung. Da stand zuerst die Forderung nach dem Frauenwahlrecht an, nach dem Recht, über die Verteilung von Rechten mitzuentscheiden. Darauf folgte ein langer Weg hin zu gleichen Rechten in sämtlichen Lebenslagen. Zahlreiche Hindernisse waren zu passieren, und dennoch können wir heute sagen: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein gutes Stück vorwärts gekommen, die Rechte von Frauen wurden erheblich gestärkt.
Erst in der vergangenen Woche wurde an diesem Weg ein echter Meilenstein platziert. Der Bundestag hat ja nun, wie Sie wissen, eine Frauenquote für Aufsichtsräte beschlossen. Und selbst wenn jemand einwenden möchte, dass davon zunächst nur ein kleiner Kreis profitiert, selbst wenn es um 30 Prozent geht und nicht um Parität – so ist das doch ein enormer Schritt. Denn mittelfristig, da habe ich keine Zweifel, werden sich erhebliche Effekte zeigen: Es müssen Karrierewege geebnet werden, und wenn sie dann da sind, werden sie auch beschritten. Es wird Vorbilder und somit auch Nachahmerinnen geben. Der Kreis der Nutznießerinnen dieser Entscheidung wird immer größer werden – und wir werden auf dem Weg zur gerechten Verteilung von Chancen zwischen den Geschlechtern wieder gutes Stück zurückgelegt haben. Worüber sich übrigens, das will ich nicht unerwähnt lassen, auch Männer freuen.
Neue und bessere Gesetze wie dieses sind nötig und richtig. Ohne sie würde es keine formelle Gleichberechtigung geben. Zur materiellen, zur faktischen Gleichberechtigung gehört dann allerdings noch mehr, das sollte nicht in Vergessenheit geraten – und manchmal bekomme ich den Eindruck, das könnte geschehen. Schließlich stoßen wir doch immer wieder auf Phänomene, die überhaupt nicht zur grundsätzlich positiven Entwicklung im juristischen und politischen Bereich passen wollen.
Ich hatte ja eingangs die Rollenbilder aus dem Privatfernsehen erwähnt. Auch wenn das vermutlich nicht die Medien sind, die Sie nutzen und konsumieren: Wenn man sieht, mit welcher Hingabe und welchem Pflichtbewusstsein sich junge Frauen den Körperbildern einer Casting Show unterwerfen, dann bekommt man doch Sorge, ob uns ein echter kultureller Rückschritt droht. Ob bereits Erreichtes wieder auf dem Spiel steht. Ob da eine Entwicklung im Gang ist, die der politischen entgegenläuft.
Ja, es gibt viel zu diskutieren und zu tun, und darum hat die Stadt Gelsenkirchen auch in diesem Jahr den internationalen Frauentag zum Anlass für einen Empfang hier in der Flora genommen. Ich freue mich, dass Sie mit dabei sind und wünsche Ihnen eine spannende Veranstaltung!
Glück auf!