02. Februar 2015, 10:00 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ISG,
ich soll hier die bestellten lobenden Worte abliefern. So steht es im Programm für heute Abend, so hat es das Institut für Stadtgeschichte sich und uns versprochen – und ich muss sagen: Ja, warum denn auch nicht? In dem Vierteljahrhundert, auf das das ISG zurückblickt, haben sich ganz bestimmt ausreichend Gründe für Lob und Preis angesammelt. Und tatsächlich: Man kann das ISG loben, guten Gewissens sogar. Vor allem aber kann man natürlich damit auch durchaus den Mut und die Weitsicht der damaligen Verantwortlichen der Stadt Gelsenkirchen loben. Schon für die ersten Schritte, die bereits ein bemerkenswertes Zeitgefühl erkennen lassen. Denn als andere noch wild damit beschäftigt waren, Geschichte zu machen, im Wendejahr 1989, in Berlin, in Leipzig, fast überall an der damals noch real existierenden deutsch-deutschen Grenze – da war Gelsenkirchen schon einen Schritt weiter und beschäftigte sich bereits mit der Erforschung der Geschichte…
Im Rückblick fügt sich es ausgesprochen gut, dass das Gründungsjahr unseres Instituts für Stadtgeschichte ein so geschichtsträchtiges ist. Aber was zunächst wie ein Zufall erscheint, weist vielleicht sogar noch eine innere Verbindung auf. Denn 1989 war ja nicht nur in Ostdeutschland ein Jahr des Umbruchs, sondern auch im Westen änderte sich vieles. Weniger auffällig zwar, nicht in der Gesellschaftsform, aber doch in der Wirtschaftsstruktur, gerade bei uns im Ruhrgebiet. Die Jahre rund um 1989 waren Hoch-Zeit des Strukturwandels, es waren Jahre, als die Schwerindustrie nach und nach aus Europa verschwand, westlich wie östlich der Mauer – und damit verschwand auch das alte Ruhrgebiet. Der Kohlenpott und das Steinkohlerevier wurden historisch, zu einem Fall fürs Archiv und für die Stadtgeschichte. Und da war es einfach richtig und gut, dass wir unser Stadtarchiv zu einem Institut für Stadtgeschichte ausgebaut und erweitert haben!
Noch schwerer wog aber die Notwendigkeit, die weiter zurückliegende Gelsenkirchener Geschichte aufzuarbeiten, die Jahre der Nazi-Herrschaft und ihrer Vorgeschichte. Warum sich die Nazis auch in unserer Stadt durchsetzen konnten, warum ihre Macht hier Bestand hatte und was sie anrichteten – das zu klären und die gewonnenen Erkenntnisse in unsere Stadtgesellschaft hinein zu vermitteln, das war eine enorm wichtige Aufgabe – und ist es noch immer. Und dafür brauchte und braucht es eben eine professionelle Expertise.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ISG haben sich dieser Aufgabe gestellt. Sie haben das Schicksal der vielen tausend Zwangsarbeiter bei Gelsenberg erforscht, sie haben aber auch, wie Schalke-Fans wissen, mit der die Studie „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ die erste größere Untersuchung zur Rolle der Fußballvereine und des Fußballs im Nationalsozialismus verfasst. Diese Pionierarbeit hat eine beachtliche Aufmerksamkeit erreicht, sie hat sogar so etwas wie einen Kulturwandel rund um den Fußball mit angestoßen. Denn viele Vereine sind inzwischen dem Schalker Vorbild gefolgt, haben sich ihrer Geschichte gestellt – und stellen sich nun auch tendenziell stärker ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.
Das ist nur ein Beispiel dafür, wie das ISG mit historischer Forschungs- und engagierter Vermittlungsarbeit immer wieder zu Wahrung und Festigung einer aufgeklärten und solidarischen Stadtgesellschaft beigetragen hat. Wie viel das wert ist, sehen wir dort, wo es daran mangelt, wo es offenkundig zu wenig Aufklärung und Geschichtsbewusstsein gibt. In Dresden etwa, wo tatsächlich wieder eine religiöse Minderheit als große Gefahr für das Zusammenleben dargestellt wird – ungeachtet dessen, dass in Sachsen fast gar keine Muslime leben.
Dabei ist es doch gerade das - dieses geschichtsvergessene Handeln jener Rattenfänger -, welches eine Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander bedeutet!
Aus den Kundgebungen aus Dresden ist zu lernen, dass die Arbeit der Historikerinnen und Historiker nie abgeschlossen ist, dass unsere Gesellschaft immer weiter befragt und erforscht, erklärt und aufgeklärt sein will. Darum bin ich sehr gespannt darauf, wie das Institut für Stadtgeschichte die Geschichte der Zuwanderung nach Gelsenkirchen aufbereiten wird, die ja für unsere Stadt so prägend war. Ganz sicher gibt es also noch einiges zu tun für das ISG, wenngleich sich nun heute und hier ein Kreis schließt – wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, an dem Historiker die Geschichte ihres eigenen Instituts analysieren können. Und zu diesem Anlass, zu diesen ersten 25 Jahren möchte ich ganz herzlich gratulieren – und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus diesem Vierteljahrhundert ganz herzlich danken!