24. Juli 2015, 14:47 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Liebe Gelsenkirchenerinnen, liebe Gelsenkirchener!
Ein blutiger Krieg in Syrien, bittere Perspektivlosigkeit in Eritrea und anderen Ländern, Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer: Viele Menschen fliehen derzeit vor Lebensumständen, die wir nicht kennen und nicht kennenlernen wollen – und brauchen darum Hilfe. Auch unsere. Und da muss ich sagen: Es ist großartig, wie viele Gelsenkirchener jetzt das Richtige tun und ganz selbstverständlich fremden Menschen ihre Hilfe anbieten!
Besonders deutlich wurde mir das, als wir vor kurzem binnen weniger Stunden 150 Flüchtlinge in unserer Stadt aufnehmen mussten. Unter enormen Zeitdruck entstand in einer gerade leerstehenden Schule eine Unterkunft, ein logistisches Meisterstück, zu dem viele Kräfte beigetragen haben, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung, des Roten Kreuzes, der Kirchen und anderer Stellen.
Doch damit nicht genug: Nachbarn waren sofort da und erkundigten sich, ob und wie sie helfen können. Kinder sammelten Spielsachen, das nahe gelegene BP-Werk bot an, über seine Kantine die Kinder, Frauen und Männer fürs Erste zu verpflegen. Die anfängliche Sorge – wie sollen wir das schaffen? – wich der Gewissheit: Es ist bemerkenswert, was wir leisten können, wenn es darauf ankommt!
Die hässliche Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen, die es leider mancherorts gab, die kennen wir in Gelsenkirchen bislang nicht – und das soll auch so bleiben. Dafür bin ich richtig dankbar, es macht mich auch – wieder einmal – stolz auf unsere Stadt. Es tut einfach gut zu wissen, dass die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener das Herz auf dem rechten Fleck haben, dass sie sich auch in schwierigen, unübersichtlichen Situationen das Gespür für Menschen bewahren. Und dafür, dass unsere Solidarität manchmal gefragt ist.
Auf der anderen Seite stimmt nun leider auch: Wir können nicht jede Woche und so kurzfristig einen derartigen Kraftakt hinlegen. Einer Stadt wie Gelsenkirchen fehlen dafür schlicht die Mittel. Und so kommen wir nicht um diesen Punkt herum: Vor allem der Bund – die mächtigste und bei weitem finanzstärkste Ebene unseres Staates – kann sich beim Thema Flüchtlinge nicht mal einfach zurückhalten und die Arbeit weitgehend an die Kommunen delegieren, im Vertrauen darauf, dass wir uns im Angesicht der konkreten Not schon kümmern. Und auch das Land muss sich fragen lassen, ob es selbst wirklich alles tut, was zurzeit nötig ist.
Ja, wir in Gelsenkirchen kümmern uns, denn wir wissen sehr genau, was die Menschlichkeit gebietet. Aber besser wäre es schon, wenn der Bund und die Länder ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung wirklich wahrnähmen und den Städten und Gemeinden zumindest die erforderlichen Finanzmittel zur Verfügung stellen.
Ihr
Frank Baranowski