14. April 2015, 12:33 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Liebe Gelsenkirchenerinnen, liebe Gelsenkirchener!
Den Krieg glauben wir zu kennen – und kennen ihn doch meist nur aus Filmen, dem Fernsehen und Erzählungen. Zum Glück. Allerdings war er Gelsenkirchen nicht immer fern: Der Zweite Weltkrieg tobte auch in unserer Stadt und machte sie zum Schlachtfeld. Bis vor 70 Jahren, am 10. April 1945, amerikanische Soldaten Gelsenkirchen von der Nazi-Herrschaft befreiten – und Frieden brachten.
Heute, sieben Jahrzehnte später, blicken wir auf ein dramatisches und furchtbares, in letzter Konsequenz aber auch sehr wichtiges Kapitel Stadtgeschichte zurück. Der Wahnsinn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eskalierte ja in den letzten Kriegswochen nochmals, auch in Gelsenkirchen. Bis zum letzten Moment wurde im Ruhrkessel gekämpft, bis zum Schluss verübten die in die Enge getriebenen Nazis ihre Verbrechen. Noch kurz vor der Befreiung haben sie politische Gegner ermordet, polnische und russische Zwangsarbeiter erschossen, auch im Stadtgarten und Buerschen Stadtwald. An der Front wurden in einem längst verlorenen Krieg vermeintliche Deserteure getötet, während dahinter bereits Nazi-Größen wie der letzte Gelsenkirchener NS-Kreisleiter untertauchten.
Wenn ich heute an den 10. April 1945 denke, dann vermute ich, dass dieser Tag spontan von vielen als Tag der Befreiung empfunden wurde – auch wenn manche das später anders dargestellt haben. Wo die Amerikaner ankamen – zuerst im Stadtnorden, weniger Tage später südlich des Kanals – da hörte von einem Tag auf den anderen das Morden auf. Zum ersten Mal seit mehr als zwölf Jahren brauchten die Menschen keine Angst mehr vor willkürlicher Gewalt zu haben, wenn sie auf die Straße gingen. Wobei allen Überlebenden, da bin ich sicher, die Angst und der Schrecken des Erlebten noch lange in den Knochen steckten.
Heute wissen wir: Die Befreiung von der Nazi-Herrschaft hat unserem Land die Möglichkeit gegeben, eine stabile Demokratie aufzubauen. Sie hat unseren Eltern und Großeltern die Chance geboten, in unserer Stadt eine bis heute intakte lokale Demokratie zu entwickeln und eine Stadtgesellschaft zu begründen, aus der Gewalt verbannt ist, in der Rassismus und Hass keine Rolle spielen, in der strittige Fragen friedlich und nach Diskussionen entschieden werden. Eine Stadt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensstile gut miteinander leben und nicht bloß nebeneinander – und erst recht nicht gegeneinander.
Ohne den 10. April 1945 wäre das nicht denkbar. Darum schaue nicht nur ich mit Dankbarkeit auf diesen Tag zurück.
Ihr
Frank Baranowski