01. Februar 2007, 11:31 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
"Der Glaube versetzt Berge", sagt der Volksmund. Wenn wir heute in der neuen Synagoge stehen, dann kann man das wirklich meinen. Denn es war ein langer und mühsamer Weg, bis es möglich wurde, hier Gotteshaus und Gemeindezentrum zu errichten - oder besser: wieder zu errichten.
Denn genau an dieser Stelle hat vor dem Krieg und der Zerstörung schon einmal das jüdische Gotteshaus in Gelsenkirchen gestanden. Hier, mitten in der Stadt war das jüdische Leben bis in die 30er Jahre vollkommen selbstverständlich zuhause.
Juden als Nachbarn und als unstrittiger Teil der einen Gesellschaft, das war in Deutschland schon einmal Normalität. Und dieser Neubau ist für mich Symbol dafür, dass es in Gelsenkirchen wieder so ist!
Jüdisches Leben im Herzen der Stadt und der Gesellschaft.
In den fünf Büchern Mose wird die Wanderung der Israeliten beschrieben. Ein unvorstellbar langer und mühsamer Weg in das gelobte Land, mit Phasen des Zweifels und mit Irrungen.
Diese Beschreibung des Exodus ist Teil der Thora und auch der Bibel. Die Bücher Mose sind Ausdruck der Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen. Sie sind das gemeinsame Fundament unserer Werte und Normen. Das wird durch die zehn Gebote überdeutlich, die wir hier finden.
Der Zug der Thora in dieses neue Gotteshaus erinnert auch an diese Wanderung der Israeliten. Heute haben wir den Zug mit der Thora wenige Schritte von hier empfangen, mitten zwischen den christlichen Kirchen und gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern weiterer Religionen. Ich wünsche mir, dass Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger der jüdischen Gemeinde, das als Zeichen nehmen und auch als ein Versprechen.
Deshalb sage ich Ihnen im Namen aller Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener ein herzliches Willkommen. Schalom der neuen Synagoge.
Sie werden hier in der Innenstadt gut aufgehoben sein! Gut weil wir in Gelsenkirchen in den vergangenen Jahrzehnten eine Kultur des Dialoges zwischen den Religionen geschaffen haben, wie sie ganz besonders ist. Und gut, weil hier jüdisches Leben stärker sichtbar, wahrnehmbar sein wird.
Eine Wahrnehmbarkeit, die manchem die Frage nach der eigenen Sicherheit hervorrufen mag. Wer im Nationalsozialismus verfolgt, gedemütigt, beraubt und verletzt wurde. Wer seine Angehörigen und Freunde verloren hat. Wer Zeichen tragen musste, damit er für jedermann für Zwecke der Diskriminierung erkennbar war, als Jude erkennbar, der will vielleicht gar nicht, dass das jüdische Gotteshaus, dass jüdisches Leben stärker wahrnehmbar wird. Denn birgt das nicht auch Risiken? Ist es nicht angesichts rechter Gewalt- und Straftaten in Deutschland auch gefährlich, sich stärker der Öffentlichkeit zu stellen?
Nein, im Gegenteil: Ich bin sicher, es wird der Stadt, es wird uns allen gut tun. Es ist wichtig, dass das Judentum neben den anderen Religionen sichtbar steht. Es ist gut und wichtig, wenn im und durch das Gemeindezentrum vermittelt wird, was es heißt, Jude in Gelsenkirchen zu sein. Und damit meine ich nicht die historische Bürde. Ich meine den jüdischen Alltag, den jüdischen Glauben, die jüdischen Bräuche, Riten und Gesänge.
Ich freue mich darauf, hier in Zukunft öfter Zeuge einer wachsenden und prosperierenden jüdischen Gemeinde in unserer Stadt sein zu können. Und ich danke allen, die daran mitgewirkt haben. Mein Dank gilt den Mitgliedern der Gemeinde und all den Menschen und Institutionen, die durch Spenden und Mithilfe den Bau ermöglicht haben.
Und ich denke da auch an unseren Ehrenbürger Kurt Neuwald, der erst vor wenigen Jahren verstorben ist, und sicher diesen Tag gerne miterlebt hätte. Er hat durch seine unermüdliche Aufbauarbeit die Grundlage für diese Rückkehr in das Herz der Stadt gelegt.
Ich wünsche der jüdischen Gemeinde alles Gute in den neuen Räumen, für die ich nun gemeinsam mit den Architekten den Schlüssel übergeben darf. Dafür bitte ich Frau Mihsler, Herrn Christfreund und Herrn Ostrowiecki zu mir.
Glückauf!