18. Juni 2007, 11:14 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Sehr geehrter Herr Schulleiter Lehmann,
das „erste Mal" ist immer etwas ganz Besonderes, das man angeblich nie vergisst. Das ist gilt nicht nur für „sex, drugs and rock 'n' roll", sondern ganz sicher auch für diese Abiturfeier, die gleich eine doppelte Premiere darstellt.
Zunächst natürlich für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, und dieser Tag, diese Feier wird Ihnen auch deshalb besonders in Erinnerung bleiben, weil es Ihre einzige Abiturfeier bleiben wird. Es ist definitiv ein singuläres Ereignis! Das - da bin ich mir auch ganz sicher - ist eine gute Nachricht, denn schweißtreibende Abiturprüfungen wird es in Ihrem Leben nicht mehr geben!
Diese Abiturfeier ist aber auch die erste, die hier an der Evangelischen Gesamtschule stattfindet - und das ist nun ganz besonders zu würdigen. Als vor neun Jahren die ersten Schüler hierher kamen, war noch nicht absehbar, was aus dieser Schule einmal werden würde. Die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck war ein Experiment. Hier sollte Schule anders stattfinden, mit viel Projektunterricht, Eigenverantwortlichkeit und Offenheit. Das wird auch an der eigenwilligen Architektur deutlich. Keine Klassenzimmer, sondern Klassenhäuser mit Garten und eigenem Sanitärbereich. Kein monolithisches Schulgebäude, sondern eine Art Dorf. Kein Schulhof, sondern eine Schullandschaft mit Teichen, Gärten und Grünanlagen. Wie innovativ der ganze Ansatz damals war, wird deutlich, wenn man erkennt, dass auch heute die Evangelische Gesamtschule äußerlich wie innerlich noch immer nichts an Innovationsvermögen verloren hat. Vor neun Jahren erwuchsen da noch Zweifel und Fragen. Was mag daraus werden? Kann man so wirklich unterrichten? Lernen die da auch was?
Heute, angesichts des ersten Abiturjahrgangs, der ja hier vor mir sitzt, kann man all diese Bedenken zerstreuen. Das Experiment Evangelische Gesamtschule hat funktioniert, davon habe ich mich erst gerade wieder auf dem Handwerkermarkt überzeugt. Dort wurde wieder einmal deutlich, was diese Schule anders macht: Sie kooperiert mit Handwerksunternehmen und Betrieben vor Ort, um Berufsbilder zu vermitteln - und auch den einen oder anderen Ausbildungsplatz.
Aber auch das Projekt „GenEthik" habe ich noch gut in Erinnerung. Solche wichtigen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, schon gar keine, die man einfach in Klausuren abfragen könnte, werden hier gestellt!
Solche Projekte zeichnen diese Schule aus und haben gleichzeitig zu ihrem Erfolg beigetragen, der auch einen Beleg in den vielen Anmeldungen findet, die inzwischen bei der Gesamtschule eingehen: Nicht einmal jeden zweiten Bewerber kann die Schule aufnehmen. Mein Glückwunsch zum Erfolg des Experimentes „Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck" geht nicht nur an die Schulleitung und das Kollegium, sondern auch an die Schüler, denn die waren ganz maßgeblich am Aufbau und Erfolg der Schule beteiligt - und zwar ganz konkret. So haben viele der heutigen Abiturientinnen und Abiturienten Ihre Klassenhäuser damals zusammen mit den Architekten geplant. Die Schule ist dadurch in ganz anderem Maße auch IHRE Schule, als dies an anderen Schulen der Fall ist.
Meine Damen und Herren, das Abitur ist eine Zäsur, ein Einschnitt im Leben jedes Einzelnen. Sie verlassen eine Schule, die Ihnen vertraut und ein Stück Zuhause geworden ist. Eine Schule, die gerade weil sie anders als andere ist, Sie geprägt hat, die Sie aber auch mitgeprägt haben. Denn Sie sind der erste Abiturjahrgang, viele von Ihnen waren von Anfang an mit dabei. Sie sind hier vom Kind zum Erwachsenen geworden, haben sich in diesen Räumen mit wichtigen Fragen auseinandergesetzt, gelernt, andere zu respektieren, Konflikte zu lösen, Ideen zu entwickeln und zu verfolgen. Sie sind hier zu einem Aktivposten unserer Gesellschaft geworden, nun bereit sich Ihren Platz zu suchen - und Sie haben dazu beigetragen, dass die Evangelische Gesamtschule heute als Vorbild dient.
Einige von Ihnen werden nun auch das Elternhaus verlassen und Sie alle werden sich mit der Frage der Berufswahl beschäftigen, damit, wie Ihr Leben weitergeht.
Nach dem Abitur stehen alle Türen offen
Ich habe mich gefragt, wie man sich heute als Abiturientin oder Abiturient fühlt. Und ich denke, Sie fühlen sich frei, vielleicht gar befreit, entfesselt von den Zwängen des Schulalltags. Sie werden sich vermutlich erwachsen fühlen, zu Recht! Und natürlich wird bei vielen von Ihnen auch Unsicherheit vorhanden sein, vielleicht auch Ratlosigkeit.
Da heißt es, nach dem Abitur stehen Ihnen alle Türen offen, aber durch welche soll man hindurchgehen? Diese Frage können nur Sie selbst beantworten. Mein Tipp: Manchmal ist gar nicht so wichtig, für welche Tür man sich entscheidet, sondern dass man beherzt eintritt. Sie werden zum Ziel kommen, auch wenn Sie einmal einen Umweg machen. Im Vergleich zu anderen Jahrgängen hat sich die Situation für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, grundlegend geändert. Bei der Entscheidung über den weiteren Lebensweg spielen durch die Studiengebühren an den meisten deutschen Hochschulen finanzielle Aspekte eine wichtigere Rolle, als dies zuvor der Fall gewesen ist. Deshalb entscheiden sich viele, die die Hochschulreife erworben haben, gegen ein Studium. Das ist eine individuelle Entscheidung, die ich gut verstehen kann.
Aber egal, ob Sie demnächst eine Hochschule besuchen, oder eine Berufsausbildung machen, zur Bundeswehr gehen, oder den Zivildienst absolvieren, ob Sie ein soziales Jahr einlegen, oder erst einmal eine Auszeit nehmen: Sie haben den höchsten deutschen Schulabschluss erworben und dazu gratuliere ich Ihnen ganz herzlich.
Das Abitur stellt noch immer die Eintrittskarte für akademische Berufe dar, bei denen das Thema Arbeitslosigkeit eine deutlich geringere Rolle spielt, als in anderen Berufen. Studien der OECD legen nahe, dass wir in wenigen Jahren sogar einen massiven Mangel an Hochschulabsolventen haben werden, wie er in einigen Berufen schon jetzt zu finden ist. Das alles sollten Sie in Ihre Überlegungen, Ihre Zukunftspläne mit einfließen lassen.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, das Abiturzeugnis bescheinigt Ihnen die allgemeine Hochschulreife. Es bescheinigt aber auch eine breite Allgemeinbildung, ein fundiertes Wissen in vielen Bereichen, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Mathematik, Sozial- und Geisteswissenschaften, Musik und Kunst ...
Diese Breite hat man später nie wieder, Sie alle werden in einige dieser Fachgebiete sehr viel tiefer einsteigen, andere vernachlässigen. Sie werden sich spezialisieren, wie es in einer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft nicht anders geht.
Aber heute halten Sie die Grundlage dafür in Ihren Händen, das Abiturzeugnis.
Es gibt einige, die meinen: die jungen Menschen von heute könnten nichts, wollten nichts und alles in allem taugten nichts. Einmal abgesehen davon, dass solche Äußerungen so alt sind wie die Menschheit, sie stimmen auch nicht.
Sie sind der beste Beweis dafür. Vielleicht haben Sie andere Kenntnisse und Qualifikationen als Abiturienten vor 50 Jahren, aber das heißt noch lange nicht, dass das schlechtere Eigenschaften sind.
Lassen Sie sich nicht beirren. Ihre Eltern, Lehrer, wir alle sind stolz auf Sie.
Ich wünsche Ihnen für den weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute und hoffe, Sie halten diese Schule und Gelsenkirchen auch in guter Erinnerung, wenn es Sie im Laufe Ihres Lebens an einen anderen Ort ziehen sollte.
Viel Erfolg, genießen Sie die Ferien und Glück auf!