01. Mai 2008, 18:11 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Lieber Josef Hülsdünker,
„Gute Arbeit muss drin sein" - das Motto des heutigen Tages bringt es etwas flapsig auf den Punkt. Denn Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens. Viele Stunden verbringen wir am Arbeitsplatz - manch einer sieht die Kolleginnen und Kollegen mehr, als die eigene Familie.
Und gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Arbeitsbedingungen stimmen. In Deutschland haben wir nicht die Situation, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keine Rechte hätten - zum Glück!
Und trotzdem: Die Arbeitsbedingungen stimmen vielfach auch hier bei uns nicht! Das fängt bei den Löhnen und Gehältern an!
Es kann doch nicht sein, dass viele Menschen voll arbeiten, aber nicht genug zum Leben haben!
Es kann doch nicht sein, dass manch einer gleich mehrere Jobs braucht, um über die Runden zu kommen!
Und es kann auch nicht sein, dass Unternehmen sich einen Arbeitsplatz vom Staat sponsern lassen, obwohl sie satte Gewinne einfahren.
Die gesellschaftliche Verantwortung von Arbeitgebern schließt das in meinen Augen aus! Natürlich muss ein Unternehmer an den Gewinn denken, aber die Belegschaft und ihre Interessen sind für das Überleben eines Unternehmens ebenfalls von existenzieller Bedeutung!
Ich finde: Wenn Millionen für Vorstandsgehälter drin sind, wenn die Aktienkurse steigen, die Dividenden sprudeln, dann muss auch gute Arbeit drin sein - als Dividende für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!
Ja, die Beschäftigten haben wieder mehr in der Tasche - ein klarer Verdienst der Gewerkschaften! Und das ist umso wichtiger, als die Reallöhne schon seit Jahren nicht mehr gestiegen sind - dafür aber die Unternehmensgewinne! Im Jahr 2007 stiegen die Gewinne der DAX-Unternehmen zusammen auf etwa 73 Milliarden Euro! 73 Milliarden! Das sind rund 18 Prozent mehr Gewinn als im Jahr 2006.
Lohnsteigerung genauso hoch wie die Inflationsrate
Und was ist bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern davon angekommen? Nichts! 2007 lag die tarifliche Lohnsteigerung mit 2,2 Prozent genauso hoch wie die Inflationsrate. Das beginnt sich zu ändern und das ist von grundlegender Bedeutung, damit der soziale Friede, der gesellschaftliche Zusammenhalt in unserem Land nicht gefährdet wird!
Die Tarifabschlüsse der letzten Wochen und Monate können sich sehen lassen, weil trotz höherer Belastungen zum Beispiel durch private Altersvorsorge, trotz höherer Benzinpreise und anderer Belastungen, etwas in der Geldbörse bleibt.
Vor diesem Hintergrund freue ich mich mit den Beschäftigten über den Lohnabschluss auch im öffentlichen Dienst, auch wenn das Ergebnis an der Grenze dessen ist, was sich die Stadt Gelsenkirchen erlauben kann. Der Abschluss ist wichtig für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und es ist wichtig, damit der öffentliche Dienst sich vom Gehaltsniveau her nicht vollkommen von der Wirtschaft abkoppelt.
Aber gute Arbeit ist mehr als gut bezahlte Arbeit! Gute Arbeit heißt nicht nur, dass man davon gut leben können muss, sondern auch, dass man damit gut leben kann! Dazu gehört ein guter Arbeitsplatz, gute Arbeitsbedingungen insgesamt. Wenn nach einer DGB-Studie ein Drittel der Beschäftigungsverhältnisse als schlecht und nur 12 Prozent als gut bezeichnet werden können, dann wird klar, dass wir alle hier vor einer riesigen Aufgabe stehen.
Deshalb ist das diesjährige Motto zum 1. Mai gut gewählt, liebe Kolleginnen und Kollegen. Der Kontostand ist das eine, aber man muss sich am Arbeitsplatz auch wohlfühlen, darf nicht gesundheitlichen Beeinträchtigungen ausgesetzt sein, sollte Entwicklungsmöglichkeiten haben.
Das alles ist nicht nur für die Beschäftigten wichtig, es nützt letztlich auch den Unternehmen, die damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motivieren und langfristig an sich binden können!
Trotz der Erfolge sind 16 Prozent Arbeitslose zu viel
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit den guten Lohnabschlüssen habe ich einen wichtigen Erfolg der Gewerkschaften angesprochen. Sie haben es verstanden, die gute Konjunktur zu nutzen. Aber die positive wirtschaftliche Entwicklung wirkt sich auch erfreulich, ja sehr erfreulich auf den Arbeitsmarkt aus!
Viele finden wieder Arbeit, auch diejenigen, die schon - in vielen Fällen vollkommen zu Unrecht - als nicht mehr vermittelbar galten. In Gelsenkirchen ist in nur drei Jahren die Arbeitslosenquote um fast zehn Prozent gesunken - auf nun 16 Prozent! Das ist wirklich vorzeigbar - und es ist das Ergebnis intensiver Bemühungen, großer Anstrengungen auf allen Ebenen. Es ist das Ergebnis der Bemühungen der Arbeitssuchenden, die hohe Flexibilität unter Beweis stellen.
Und auch die in Gelsenkirchen hervorragend funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Stadt und Arbeitsagentur in der Arbeitsgemeinschaft, die bei uns Integrationscenter für Arbeit heißt, trägt dazu bei. Und ich sage klipp und klar, auch wenn es da verfassungsrechtliche Bedenken gibt, für mich zählt das Ergebnis, für mich zählt, dass hier viele Menschen in Arbeit kommen, eine neue Chance erhalten, eine Perspektive gewinnen!
Trotz der Erfolge steht fest: auch 16 Prozent Arbeitslose in unserer Stadt sind definitiv viel zu viel! Wir müssen weiter daran arbeiten - und das tun wir Tag für Tag! Wir als Stadt tragen mit dem umfangreichsten Investitionsprogramm für Schulen in der gesamten Nachkriegsgeschichte dazu bei, dass junge Menschen durch gute Bildung auch gute Chancen haben.
Wir tragen durch den massiven Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen dazu bei, dass Beruf und Familie allmählich miteinander vereinbar werden - aber auch hier sind wir erst am Anfang eines langen Weges.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
gute Arbeitsbedingungen sind wichtig, damit auch gute Arbeit geleistet werden kann. Aber gute Arbeit ist auch und vor allem für die Menschen wichtig, die jeden Tag ihre Arbeit tun!
Und damit wir diesem Ideal näher kommen, und die eben zitierte Studie des DGB zeigt, wie weit wir davon entfernt sind, brauchen wir starke Gewerkschaften.
Deshalb freue ich mich, dass trotz aller Unkenrufe, die Arbeitnehmerorganisationen - ob bei der Bahn oder im öffentlichen Dienst - in den letzten Tarifrunden unter Beweis gestellt haben, dass sie da sind. Dass sie stark sind!
Das ist gut und richtig so - für die Beschäftigten, für die Menschen in unserer Stadt und für Gelsenkirchen!
Glück auf!