19. Juni 2008, 18:01 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor 80 Jahren erhielt die Stadt Gelsenkirchen - von kleineren Grenzkorrekturen abgesehen - ihre heutige Form. Am 8. Juni 1928 tagte die konstituierende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung der neuen Stadt, die aus der Vereinigung der Städte Gelsenkirchen, Buer und des Amtes Horst hervorgegangen war.
Erst die demokratische Weimarer Republik hatte die Chance zur kommunalen Neugliederung eröffnet. Im Ruhrgebiet entstanden deshalb in den 1920er Jahren leistungsfähigere kommunale Einheiten.
Das war im Raum Gelsenkirchen auch bitter nötig:
Bereits 1875 erhielt die Gemeinde Gelsenkirchen, das was heute „Altstadt" genannt wird, Stadtrecht. Doch erst nach verwickelten Zwischenschritten gab es 1903 eine Vereinheitlichung im Süden des heutigen Stadtgebietes durch Eingemeindung der umliegenden Industriedörfer.
1924 wurde der Stadt noch der größere Teil des zur Bürgermeisterei aufgestiegenen Rotthausen angegliedert.
Im Norden des heutigen Stadtgebietes hatte die zum Kreis Recklinghausen gehörige Gemeinde Buer mit ihrem einheitlicheren Gemeindegebiet bereits über 60.000 Einwohner, als sie 1911 endlich zur Stadt avancierte. Zuvor war sie wie das 1891 geschaffene Amt Horst von einem preußischen Amtmann verwaltet worden.
Vor dem Hintergrund des unter solchen Bedingungen schwierigen Urbanisierungsprozesses ging bezeichnenderweise der Anstoß zur kommunalen Neuordnung im Ruhrgebiet vom Gelsenkirchener Oberbürgermeister aus. Die kommunale Neuordnung beschäftigte das preußische Innenministerium sowie die ganze Region Ruhrgebiet. Sie hatte mit dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) 1920 eine erste administrative Klammer erhalten.
Zahlreiche Denkschriften gingen zwischen den verschiedenen Akteuren hin und her und begründeten meist Expansionswünsche der verschiedenen Städte. In der komplexen Diskussion bemühten sich natürlich alle Akteure darum, ihre jeweilige Stellung zu verbessern. Die erste Forderung nach einer Zusammenlegung von Gelsenkirchen, Buer und Horst erhob dann auch der Gelsenkirchener Oberbürgermeister 1921, Carl von Wedelstaedt, nachdem Gelsenkirchens Versuche, sich nach Süden auszudehnen gescheitert waren.
In Buer war man von den Plänen zunächst wenig begeistert. Erst 1925 kam es zu einem Spitzengespräch zwischen Vertretern Gelsenkirchens und Buers - und das auch nur, um die Idee eines Zweckverbandes zu besprechen.
Die wirtschaftliche Lage der Gemeinde Horst wurde nach einer vorübergehenden Schließung der Zeche Nordstern derart katastrophal, dass man eine Anlehnung an Buer suchte. Gleichzeitig gewann jedoch der Gedanke zur Vereinigung von Gelsenkirchen und Buer in der Neuordnungsdiskussion an Einfluss.
In Buer war dagegen eine Mehrheit der Einwohnerschaft gegen eine Städtevereinigung. Zahlreiche oft lebhafte Bürgerversammlungen beschäftigten sich mit der Frage.
Und auch der Rat der Stadt Buer lehnte noch im Oktober 1927 nur gegen die Stimmen der Kommunisten die Städtevereinigung ab. Während hinter den Kulissen eifrig taktiert wurde, fiel dann schließlich die Entscheidung des preußischen Innenministeriums für die Vereinigung von Gelsenkirchen, Buer und Horst.
Der Preußische Landtag verabschiedete am 22. März 1928 schließlich das „Gesetz über die weitere Neuregelung der kommunalen Grenzen im westfälischen Industriebezirk", das am 1. April 1928 in Kraft trat. Jenseits aller Bedenken sprachen vor allem Standortqualitäten aus der damaligen Sicht - und auch aus heutiger Sicht - für die Städtevereinigung:
Gelsenkirchen war dicht besiedelt, für damalige Verhältnisse wirtschaftlich recht gut diversifiziert (Kohle, Eisen und Stahl, Glas und Chemie) und verfügte über keine nennenswerten Freiflächen mehr.
Die hatte dagegen das industriell nur durch den Bergbau geprägte und deutlich dünner besiedelte Buer. Ebenso wie große Grün- und Freizeitflächen. Und die kommunale Infrastruktur ausbauen konnte man gemeinsam wohl besser.
Positiv formuliert hat sich die Stadt Gelsenkirchen seitdem ihre Zwei- oder Dreipoligkeit bewahrt. Die polyzentrische Struktur Gelsenkirchens sollte nur eine vermeintliche Schwäche sein. Sie könnte auch eine Stärke in hoch differenzierten Gesellschaften sein.
Gelsenkirchen wie „Ruhrstadt" können multipolar bleiben mit vielen Zentren für ganz unterschiedliche Funktionen und Interessen, mit ganz unterschiedlichen Kultur- und Freizeitangeboten mit innerstädtischen Wohnungen und Leben im Grünen.
Und eben mit Platz für ganz unterschiedliche wirtschaftliche Aktivitäten und Arbeitsplätze jenseits der alten einseitigen Montanstrukturen. Als arbeitsteilige Stadtregion mit jeweils unterschiedlichen räumlichen Identitäten und Stärken könnte gerade das Ruhrgebiet eine neue Form von polyzentrischer Stadt darstellen - Gelsenkirchen auf beiden Seiten der Emscher kann das beispielhaft vormachen.