16. Januar 2009, 08:30 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
herzlich willkommen zum Neujahrsempfang 2009 der Stadt Gelsenkirchen im Musiktheater im Revier!
Mein besonderer Gruß gilt den Mitgliedern des Bundestages, des Landtages, des Rates der Stadt und der Bezirksvertretungen.
Schön, dass auch unser Ehrenbürger Gerhard Rehberg heute unter uns ist.
Ebenso freue ich mich über die Anwesenheit vieler Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen, der Behörden, der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Wissenschaft, der Kultur und der Medien. Den Vorständen der Vereine und Verbände ein Willkommensgruss.
Ich freue mich, dass so viele Vertreter der Schulen und Bildungseinrichtungen unserer Stadt heute hier sind.
Ganz besonders begrüße ich unseren diesjährigen Ehrengast, Herrn Dr. Fritz Pleitgen, den viele von Ihnen sicherlich noch als Fernsehkorrespondenten und Intendanten des WDR gut in Erinnerung haben. Als Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr 2010 GmbH hält Herr Dr. Pleitgen aktuell die Fäden in der Hand, wenn es um die Vorbereitung des Kulturhauptstadtjahres geht. Herzlich willkommen, Herr Dr. Pleitgen!
Danken möchte ich der Leitung sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Musiktheaters, weil wir unseren Neujahrsempfang erneut hier veranstalten können.
Meine Damen und Herren,
was soll ich Ihnen und uns wünschen in diesen Zeiten? Ist es angebracht, sich einzureihen in den Reigen der Schwarzmaler, die für 2009 schon mindestens den Untergang des Abendlandes prophezeien?
Gewiss: Deutschland und die Industriestaaten der Welt haben eine schwere Finanzkrise und wohl sicher auch eine Automobilkrise. Es wird schwerer, aber ist deshalb die Schwarzmalerei gerechtfertigt?
Wir sollten eines nicht vergessen: Wir gehen nach fast vier Jahren ständigen Aufschwungs in das neue Jahr. Die deutsche Wirtschaft – und auch die im Ruhrgebiet und in Gelsenkirchen – ist in einer besseren Verfassung als in früheren Rezessionsphasen.
Wir werden nun wohl Einbußen erleben, allerdings von einem im Durchschnitt hohen Niveau aus. Und schon hört man wieder die alten Fragen: Die Frage etwa, ob wir uns hohe Investitionen in Bildung, in Kinderbetreuung, in Klimaschutz angesichts der Finanzkrise noch leisten können.
Meine Antwort ins sonnenklar: Das einzige, was wir uns nicht leisten können, ist, auf diese Dinge zu verzichten!
Ich meine, die Bundesregierung reagiert mit dem Konjunkturprogramm II richtig.
Auch wir in Gelsenkirchen werden mit Investitionen in die nächsten Jahre gehen: Investitionen in Kinderbetreuung, Investitionen in Bildung, Investitionen in Kultur, Investitionen in Stadterneuerung und Investitionen in sozialen Zusammenhalt. Das alles sind Investitionen in die Zukunft und in die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger.
Deshalb möchte ich heute Zuversicht vermitteln und vielleicht sogar ein wenig Vorfreude auf dieses und insbesondere das kommende Jahr 2010 machen. Denn es wird auch weiterhin einiges geschehen in unserer Stadt. Zum Beispiel im Nordsternpark: Der Förderturm der Zeche Nordstern, der heute der THS gehört, wird mit neuem Leben gefüllt.
Dort oben sollen Besucher Videoinstallationen sehen können, die aus der international anerkannten Sammlung Goetz stammen. Und: Auf den jetzigen Turm wird im Zuge von Ruhr.2010 ein Glaskubus gebaut, der unter anderem Besuchern einen Blick über unsere Stadt ermöglichen wird.
Und was sie von dort dann und auch jetzt schon sehen können – das ist der enorme Wandel in unserer Stadt, die großen Veränderungen, die wir im Alltag nicht immer so wahrnehmen.
Es ist wie bei einem Mosaik: Man muss erst einen Schritt zurücktreten, um aus den vielen kleinen Steinchen ein Motiv erkennen zu können. Denn Kommunalpolitik ist die Gestaltung langfristiger Prozesse. Bis diese ihre Wirksamkeit entfalten, vergehen oft Jahre.
Erhard Eppler hat einmal formuliert: „Wichtig ist nicht die Größe der Schritte, sondern die Erkennbarkeit ihrer Richtung.“ Das klingt bescheiden. Fast anspruchslos. Das Gegenteil ist jedoch richtig: Alle Schritte in eine erkennbare und in die richtige Richtung zu gehen, ist ein extrem hoher Anspruch.
Politik wird hier nicht verstanden als Suche nach dem großen Wurf, der auf einen Schlag alle Probleme löst – das ist übrigens auch eine vordemokratische Vorstellung -, sondern als konsequentes und kontinuierliches Arbeiten.
1. Perspektive Bildung
Meine Damen und Herren,
an dieser Stelle möchte ich ganz herzlich die jahrgangsbesten Schülerinnen und Schüler Gelsenkirchens begrüßen, die wir auch in diesem Jahr wieder zum Neujahrsempfang eingeladen haben. Herzlich willkommen!
Diese Einladung kommt nicht von Ungefähr. Bildung ist unser Schwerpunkt.
In die vielen Schulen in unserer Stadt wurde in den vergangenen Jahren eine Menge investiert. Zum Beispiel in die Gesamtschule Buer-Mitte. Seit 2005 hat die Stadt Gelsenkirchen hier über 6 Millionen Euro verbaut.
Warum wir soviel Geld in die Hand nehmen, wo wir doch als Stadt notorisch leere Kassen haben? Die Antwort auf diese Frage ist einfach und ich habe sie schon oft gegeben: Die Zukunft unserer Stadt geht jeden Tag durch die Türen unserer Kindergärten und Schulen. Wir werden auf kommunaler Ebene weder an der Einkommens- noch an der Vermögensverteilung in unserem Land etwas ändern können. Aber wir können Benachteiligungen kompensieren und verhindern, dass sich Armut durch Bildungsarmut vererbt.
Schon früh haben wir in Gelsenkirchen damit begonnen, unsere Kinder im Ganztag zu unterrichten. Zuerst an den Grundschulen und in den Förderschulen. Mit Erfolg. Eltern, die ich treffe, bestätigen mir: Die Übermittagbetreuung tut den Jungen und Mädchen gut. Sie lernen mehr und besser und profitieren von den sozialen Kontakten, die sie untereinander knüpfen. Deshalb gehen wir nun noch einen Schritt weiter. Unsere Ganztagsoffensive greift jetzt auch in den weiterführenden Schulen. Gelsenkirchen ruft dafür die Mittel ab, die uns vom Land NRW zur Verfügung gestellt werden. Übrigens im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen, die diese Chance vorerst verstreichen lassen müssen, weil sie das finanzielle Eigenengagement nicht schultern können oder wollen. Das ist eine Frage der Prioritäten!
Und daran lassen wir nicht rütteln. Wir müssen in Gelsenkirchen an allem sparen – aber an einem sparen wir nicht: Und das ist die Zukunft unserer Kinder, die das Fundament für die Zukunft sind.
2. Perspektive Stadtumbau
Und an diesem Fundament bauen wir auch in ganz wörtlichem Sinne. Viele industrielle Brachflächen konnten und können wir nach und nach für die Menschen zurückerobern. Mit attraktiven Wohnquartieren zum Beispiel am Wasser im neuen Quartier Graf Bismarck, in dem in diesem Jahr der erste Bauabschnitt aufbereitet wird und die Neugestaltung des Hafenbeckens beginnen kann. Auch auf dem Gelände des Schalker Vereins werden demnächst wieder Menschen leben und arbeiten. Überhaupt: Noch nie gab es so viele attraktive Wohngrundstücke in Gelsenkirchen wie heute!
Gleichzeitig arbeiten wir daran, die absehbaren demografischen Veränderungen so zu bewältigen, dass unsere Stadtzentren und unsere Stadtteile leistungsfähig, lebendig und lebenswert bleiben und die Wohn- und Umweltqualität sich ständig verbessern. Am Tossehof zum Beispiel haben wir Gebäude zurück gebaut.
In Bulmke-Hüllen kommt die Sanierung des Schalker Vereins voran. In Ückendorf beginnen wir in diesem Jahr mit der Erneuerung der Bochumer Straße. Schalke wird neues Programmgebiet für den Stadtumbau West. Buer-Mitte wird Stadterneuerungsgebiet. Im nördlichen Citybereich um den Urbanuskirchplatz haben die Baumaßnahmen zur Umgestaltung begonnen.
In Hassel bereiten wir mit der Stadt Herten das erste interkommunale Stadterneuerungsprogramm rund um das ehemalige Bergwerk Lippe vor – gemeinsam mit Experten, nämlich den Menschen, die dort leben.
Über diese vom Land geförderten Programme hinaus finden weitere Planungswerkstätten in vielen Stadtteilen statt, sei es in Horst zum Beispiel zum Thema Zentrumsentwicklung oder in Erle zum Thema Marktplatzumgestaltung.
Angepackt und nicht liegen gelassen haben wir auch das Thema „Hans-Sachs-Haus“. Nachdem das „Rathaus“ wieder den Bürgerinnen und Bürgern gehört, haben wir gemeinsam mit den Menschen an den Plänen gearbeitet. Ich bin stolz darauf, dass wir nicht nur architektonisch eine hochwertige Lösung gefunden haben, sondern vor allem eine Lösung, die überzeugt. Das Bürgerforum im Erdgeschoss und die Rückkehr der Kommunalen Galerie sind zwei Beispiele dafür, wie sich das Hans-Sachs-Haus im gesellschaftlichen Leben zurückmelden wird. Baubeginn ist in gut vier Monaten .
Übrigens: damit ergeben sich an dieser Stelle weitere Perspektiven. Ich finde es zum Beispiel eine spannende Idee, das Neue Hans-Sachs-Haus, die Flora, die nach dem Umzug der Verwaltung freie Räume für Kunst und Kultur bieten wird, sowie das Musiktheater als Punkte eines kulturellen Dreiecks zu sehen. Das hat Charme!
3. Perspektive Wirtschaft
So fördern wir auch weiterhin den Imagewandel, den Gelsenkirchen so dringend braucht und der allmählich sichtbar wird. Der hat auch damit zu tun, dass neue und attraktive Freizeitangebote immer mehr Besucher in unsere Stadt führen. Und die erleben hier ein positives, ein weltoffenes und attraktives Gelsenkirchen. Zum Beispiel im ZOOM. In diesem Jahr wird dort die Erlebniswelt Asien fertig gestellt und mit ihr ein Zoo-Projekt, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung findet.
Die über eine Millionen Besucher, die pro Jahr erwartet werden, schaffen und sichern neue wie alte Arbeitsplätze.
Das gilt auch für das Gebiet zwischen A2 und A42 sowie dem Umfeld der Veltins Arena. Entlang der Emscher entwickeln sich wie an einem blauen Band die Zukunftsprojekte. Dazu gehören die Entwicklung der Industriefläche Graf Bismarck, die Gewerbefläche Chemische Schalke, der Hafen sowie Projekte aus dem Emscher-Landschaftsplan.
Auch das Gewerbegebiet Emscherstraße platzt mittlerweile aus allen Nähten! Deshalb denken wir dort bereits über eine Erweiterung nach. An der Arena haben wir damit begonnen, Parkplätze zu verlagern, um so weitere hochwertige Flächen für Gewerbeansiedlungen zu erhalten.
Es war richtig und wichtig, dass wir uns auf den Bereich Zukunftstechnologien konzentrieren. Die Solarstadt Gelsenkirchen hat sich im letzten Jahr so gut entwickelt wie nie zuvor. Diese Dynamik wollen wir beibehalten und damit Gelsenkirchen noch weiter als Kompetenzzentrum für erneuerbare Energien etablieren.
Sie merken aus den vielen Beispielen: Das, was eine Stadt tun kann, um der erwarteten Krise zu trotzen, das tun wir in Gelsenkirchen.
4. Perspektive Kultur(hauptstadt 2010)
Zuversichtlich blicken wir auch auf das Kulturhauptstadtjahr 2010. Gelsenkirchen ist hier mittendrin im Geschehen, wenn 2010 Europa zu Gast bei Freunden ist. Am 9. Januar 2010 werden wir in der Arena Auf Schalke sozusagen den Anstoß erleben. Bei uns beginnt ganz offiziell das Kulturhauptstadtjahr. An Gelsenkirchen kommt niemand vorbei!
In unserer Stadt beteiligen sich zahlreiche engagierte Menschen und Initiativen am Programm der Kulturhauptstadt. Vor allem freut mich, dass Anregungen aus unserer Kunstszene aufgegriffen und zu ruhrgebietsweiten Veranstaltungsreihen weiterentwickelt worden sind. Zum Beispiel das Jugendtheater-Netzwerk des Consol Theaters und das Projekt „GrenzGebietRuhr“ des Gelsenkirchener Kunstvereins. Fünf andere europaweit angelegte Projekte und Veranstaltungsreihen aus der freien Kunstszene haben bereits eine Förderzusage.
Natürlich spielt auch im Zusammenhang mit Kultur das Geld eine wesentliche Rolle.. Natürlich müssen wir sparen. Aber ich sage auch deutlich: Wir bekennen uns zu unserem Musiktheater und investieren hier als Stadt aus eigener Tasche insgesamt acht Millionen Euro. Im Sommer wird der Zuschauerraum komplett renoviert werden, um pünktlich zum 50-jährigen Bestehen und zum Kulturhauptstadtjahr in neuem Glanz zu erstrahlen. Schon jetzt wird das MiR mehr und mehr zum kulturellen Mittelpunkt unserer Stadt. Mit drei herausragenden Projekten, wie beispielsweise einer Internetoper, wird auch das MiR 2010 dabei sein.
Gleichzeitig werten wir auch die Vorburg von Schloß Horst auf. Sie wird für 2010 ebenfalls renoviert. Außerdem werden wir im Schloß die so lange geplante und von vielen sehnlich erwartete Dauerausstellung „Leben und Arbeiten in der Renaissance“ eröffnen. Auch das ein Mosaiksteinchen zur Kulturhauptstadt 2010.
Meine Damen und Herren,
Kultur ist viel mehr als Freizeitvergnügung. „Theater zum Beispiel ist wie alle Kunst kein Luxus, sondern ein Grundnahrungsmittel“, hat es der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, einmal auf den Punkt gebracht. Und für Grundnahrungsmittel muss in einer Stadt gesorgt sein! Das gilt übrigens auch für unser Kunstmuseum und die vielen anderen Kultureinrichtungen Gelsenkirchens.
Meine Damen und Herren,
Gelsenkirchen liegt mitten im Ruhrgebiet. Also wird Gelsenkirchen 2010 auch teilhaben an den großen Programm- und Projektreihen, die entlang der Verkehrsadern erarbeitet worden sind: Die „Emscherpark-Autobahn A42“, das „Still-Leben Ruhrschnellweg“ oder der „Rhein-Herne-Kulturkanal“..
Überhaupt: Viele bemerkenswerte Projekte kommen aus Gelsenkirchen. Wer das nachlesen möchte, dem empfehle ich einen Blick in den Jahreskalender 2009, den wir Ihnen im Anschluss an den heutigen Neujahrsempfang gerne mit auf den Weg geben möchten.
An dieser Stelle danke ich auch herzlich dem Sponsoren unseres diesjährigen Neujahrsempfangs. Mit Hilfe der Deutschen Annington ist es uns möglich, mit Ihnen gemeinsam das neue Jahr willkommen zu heißen.
Meine Damen und Herren,
aus Sicht der Stadt Gelsenkirchen möchte ich in Sachen Kulturhauptstadt zum Schlusseines noch ganz deutlich sagen: Wir machen Kulturhauptstadt nicht für irgendwen, sondern vor allem für die Menschen im Revier. Wir wollen keinen Mainstream und können doch gut auf ein abgehobenes Nischenprogramm verzichten. Das Feuilleton ist uns nicht egal, aber die Bürgerinnen und Bürger im Ruhrgebiet und die Menschen, die hierhin zu Besuch kommen, um die geht es!
5. Perspektive: Gemeinsinn statt Eigensinn
Unsere Stadt und wir alle stehen jetzt und in den kommenden Jahren weiterhin vor großen Aufgaben. Vieles von dem, was wir anpacken müssen, ist nicht leicht zu stemmen. Aber wir können es schaffen. Gemeinsam. Dort wo Menschen zusammen kommen, die an die Zukunft ihrer Stadt glauben, kann Fortschritt entstehen.
Dort, wo Menschen Leidenschaft entwickeln, wo sie für etwas brennen – da wird immer die Stadt der 1.000 Feuer bleiben!
So, wie wir es gemeinsam geschafft haben, wieder mehr Menschen in Arbeit zu bekommen,
so wie wir es gemeinsam geschafft haben, das Image unserer Stadt Stück für Stück zu verändern,
so wie wir es gemeinsam geschafft haben, die Stiftungslandschaft unserer Stadt Stück für Stück auszubauen,
so wie wir es gemeinsam geschafft haben, die Kultur des Ehrenamtes noch weiter zu verbreitern,
so wie es der Rat gemeinsam geschafft hat, den Doppelhaushalt 2008/2009 auf den Weg zu bringen,
so sollten wir auch die Herausforderungen dieses Jahres angehen: Gemeinsam!
Auch wenn das Jahr 2009 ein Superwahljahr sein wird, wir sollten diese Gemeinsamkeiten nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Ihnen allen ein gutes und vor allem gesundes Jahr 2009.
Und der Stadt Gelsenkirchen ein herzliches Glückauf.