08. März 2009, 16:45 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr geehrten Damen,
wie ich sehe, haben viele von Ihnen eine dabei. Welche Frau verzichtet schon gerne auf ihren verlässlichsten Begleiter? Ob klein oder groß: Immer passt soviel hinein, dass Frau am Ende doch wieder kramen muss, um etwas zu finden. Vielleicht ist das ja so, dass mit der Auswahl, welche denn heute mitgenommen wird, die Frau zeigt, zu welchem Typ sie gehört. Das alles vermag eben wohl nur eine Handtasche!
Männern dient sie ja ganz oft als Vorlage für schlechte Witze und trotzdem, oder gerade deshalb, haben die kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsstellen ein „Täschken" gepackt, das für ein gleichberechtigtes Miteinander von Männern und Frauen wirbt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Broschüre im Taschenformat geworden, die ich mit besonderem Anreiz gelesen habe.
Sie ist damit auch ein selbstbewusstes Symbol dafür, dass sich das Engagement für mehr Gleichberechtigung in den vergangenen Jahren verändert hat. Das mag vor allem damit zu tun haben, dass wir alle viel erreicht haben. Nehmen Sie nur das Elterngeld.
Das hat vielen Familien geholfen, auch mal über ihren traditionalistischen Schatten zu springen. Väter haben plötzlich eine Auszeit genommen und kümmern sich um den Nachwuchs. Selbstverständlich und mit neuem Selbstverständnis! Solche Beispiele müssen Schule machen, denn nur so kommen wir beim Thema Gleichstellung von Mann und Frau weiter.
Die Betreuung von unter dreijährigen Kindern ist ein weiterer wichtiger Schritt, damit vor allem Frauen neben Familie auch die berufliche Karriere weiterverfolgen können. Viel zu oft noch ist bei Frauen der Kinderwunsch Karrierekiller. Ganz anders als bei ihren männlichen Kollegen. Auch da müssen diejenigen, die Personalverantwortung tragen, umdenken. Sonst bleibt es dabei, dass Frauen zumeist nur Teilzeit arbeiten, weil sie keine passende Kinderbetreuung finden, weil es sich steuerlich nicht lohnt oder weil ihnen schlichtweg kein Vollzeitangebot gemacht wird.
Und überhaupt das Thema Entlohnung. Gleiche Leistung, gleiches Gehalt: Diese Selbstverständlichkeit gilt leider noch immer nicht in Deutschland. Erschreckend, dass wir im Europa-Vergleich sogar zu denen gehören, bei denen die Schere besonders weit auseinander klafft. Auch wenn es kaum jemand ausspricht, so ist die Debatte um Mindestlöhne größtenteils eine Debatte um Frauenlöhne.
Denn es sind die Floristen-, Friseur- und Verkäufer-Berufe, die zu 80 bis 90 Prozent von Frauen ausgeübt werden. Und in diesen Berufen werden zum Teil fünf, sechs Euro oder weniger pro Stunde gezahlt. Prekäre Arbeitsverhältnisse sind es deshalb auch, über die die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt anlässlich des Internationalen Frauentages heute noch diskutieren wird.
Bei dieser Veranstaltung, zu der ich im Anschluss ebenfalls eingeladen bin, werde ich eines ganz deutlich machen: Es geht auch anders! Die Stadt Gelsenkirchen als kommunaler Arbeitgeber hat sich nämlich zu ihrer Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bekannt.
Im Bereich der Gebäudereinigung zum Beispiel heißt das, dass wir auch weiterhin direkter Arbeitergeber bleiben und uns zu Mindestlohn und Tarifbezahlung bekennen. Klar, das kostet mehr. Die Gemeindeprüfungsanstalt hat uns das auch vorgerechnet und geraten, den Bereich doch outzusourcen, wie man neudeutsch sagt. Dann hätten Fremdfirmen die Reinigung übernommen. Günstiger vor allem deshalb, weil dann die gleichen Mitarbeiterinnen die gleiche Arbeit für weniger Geld tun würden. So etwas ist mit mir nicht zu machen!
Meine sehr geehrten Damen,
es ist aber nicht nur der Niedriglohnbereich, in dem Frauen heute noch schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. Warum verdient ein in Vollzeit arbeitender Architekt in Deutschland nach Berechnung des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich 4.516 Euro im Monat, eine Vollzeit-Architektin aber nur 3.368 Euro? Wieso bekommt ein Bankkaufmann durchschnittlich 4.215 Euro, eine Bankkauffrau jedoch nur 3.049 Euro? Das liegt weder an der Leistung noch an der Bereitschaft zu ihr. Der Unterschied existiert nur in den Köpfen der Verantwortlichen, und daran müssen wir etwas ändern!
Es gibt also noch eine Menge zu tun in Sachen Gleichberechtigung. Der Internationale Frauentag dient dabei als Wegmarke, um Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu geben und um auch einmal gemeinsam ins Gespräch darüber zu kommen. Darauf freue ich mich genauso wie auf eine angenehme Zeit mit Ihnen. Viel Spaß und ein herzliches Glück auf!