19. August 2009, 13:15 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Sie alle haben es sicher in der Zeitung verfolgt: Vor drei Wochen wurde in einer Gelsenkirchener Wohnung die mumifizierte Leiche eines älteren Mannes gefunden, die dort jahrelang lag. Völlig unbemerkt von den Nachbarn. Ein weiterer Beleg dafür, dass Nachbarschaften nicht mehr das sind, was sie einst waren. In Zeiten, in denen man gemeinsam in einem Großbetrieb arbeitete, den gleichen Vereinen angehörte, in die gleiche Kirche ging, sich beim Einkauf im gleichen Laden begegnete oder sich gegenseitig unterstützte, wenn das Geld knapp war.
Nachbarschaften entstehen heute nicht mehr automatisch. Wenn Geschäfte oder Kirchen, Schulen oder Kindertagesstätten, Behörden oder Kneipen aus dem Viertel verschwinden. Wenn der Postbote nicht mehr weiß, dass die Hausnummer auf dem Brief einen Zahlendreher hat und deshalb das Schreiben an den Absender zurückschickt. Wenn der Müllabfuhr nicht mehr auffällt, dass wochenlang keine Mülltonne mehr vor das Haus gestellt wird: Dann haben es auch ältere Menschen in diesem Viertel – oder wie wir heute moderner sagen: Quartier(!) schwerer.
Man kann dies einfach nur zur Kenntnis nehmen, frei nach dem Motto: „Früher war alles besser“. Oder man kann neue, zeitgemäße Formen finden, Nachbarschaften zu gestalten. Denn wenn sie nicht mehr unbedingt von selbst entstehen, dann müssen wir sie eben gestalten! Das wollen wir in allen Gelsenkirchener Quartieren aktiv tun mit dem Projekt „Seniorenvertreterinnen/ Nachbarschaftsstifter“.
Es spricht einiges dafür, dass ältere Menschen sich besonders eignen, Nachbarschaften zu organisieren. Sie haben, wenn sie nicht mehr erwerbstätig sind, mehr Zeit, obwohl auch viele von Ihnen über den vollen Terminkalender klagen. Sie wohnen oft länger in dem Quartier und kennen sich aus. Und sie haben meist die Gelassenheit und Ruhe, mit Umständen und Menschen freundlich und ohne Karriereehrgeiz umgehen zu können.
Unser Projekt ist eines von 30 Leuchttürmen, mit dem das Bundesmodellprogramm „Freiwilligendienste aller Generationen“ des Bundesfamilienministeriums an den Start gegangen ist. Ich brauche hier nicht zu betonen, dass wir die Finanzspritze des Bundes gut gebrauchen können. Ein Dank geht deshalb auch an das Bundesministerium.
Im Seniorenmasterplan, den der Rat der Stadt Ende 2005 einstimmig verabschiedet hat, ist neben der Generationensolidarität die Partizipation Leitidee. Wir wollen Bürgerinnen und Bürger motivieren, für sich und andere aktiv zu werden. Deshalb ist Freiwilligenarbeit für uns auch immer mit Interessenvertretung gekoppelt: Wer mitarbeitet, wer Verantwortung übernimmt, muss auch mitbestimmen können. Seniorenvertreterinnen und -vertreter sowie Nachbarschaftsstifterinnen und -stifter werden ein neues Instrument sein, damit ältere Menschen in unserer Stadt auf deren Gestaltung größeren Einfluss gewinnen. Denn dass unsere Stadt sich mehr auf die alternde Bevölkerung einstellen muss, ist unumstritten. Bei der Stadtplanung, bei öffentlichen Bauten, bei der Verkehrs- und Sozialplanung machen wir die Erfahrung: Was für Ältere gut ist, kommt auch Familien mit Kindern zugute. Wo man sich mit dem Rollator gut bewegen kann, da hat man es auch mit dem Kinderwagen leichter. Wir erhoffen uns von den Seniorenvertreterinnen und -vertretern sowie Nachbarschaftsstifterinnen und -stiftern viele Anregungen zur senioren- und familienfreundlichen Gestaltung der Stadt.
Meine Damen und Herren,
Sie sehen, wir haben große Erwartungen an Sie gestellt. Wir lassen Sie aber natürlich nicht damit allein. Sie sollen Schulung, Unterstützung und Begleitung erhalten. Ich freue mich, dass unsere Partner im Seniorennetz Gelsenkirchen aus der Seniorenwirtschaft und den Wohlfahrtsverbänden sich bereit erklärt haben, für die neuen Seniorenvertreter und Nachbarschaftsstifter eine Patenschaft zu übernehmen. Ich danke dem APD, der AWO, der Caritas, dem Consol Theater, der Diakonie, der Evangelischen Kirche, dem SHD, die sich bislang schon dazu erklärt haben.
Gelsenkirchen lebt von den 1.000 Ideen ihrer Bürgerinnen und Bürger. In diesem Konzert werden – davon bin ich überzeugt – die Seniorenvertreterinnen und -vertreter sowie die Nachbarschaftsstifterinnen und -stifter eine wichtige Rolle spielen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Tatkraft und Erfolg für die vor Ihnen liegenden Initiativen und bedanke mich schon heute bei Ihnen mit einem herzlichen Glück auf!