28. September 2009, 15:39 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Sehr geehrter Herr Dr. Pleitgen,
früher - da ging es an dem Ort, an dem wir jetzt stehen, hauptsächlich darum, in die Tiefe zu bauen, hunderte Meter tief. Denn in der Tiefe - da lag das Schwarze Gold, das Objekt der Begierde. Wenn wir uns heute auf Nordstern versammelt haben, um gleich den Ersten Spatenstich zu tun für ein Bauwerk, das weiter in die Höhe wachsen soll, dann zeigt auch das, dass sich hier längst Grundlegendes geändert hat. Heute zieht es uns in die Höhe. Erst aus der Höhe bekommt man einen Überblick. Erst von weiter weg sieht man den Zusammenhang von Dingen. Erst der Abstand gibt Gelegenheit zu Reflexion - und ist damit auch die Voraussetzung für Kultur und Kunst überhaupt.
Wer früher das Ruhrgebiet verstehen wollte, der musste in die Tiefe. Der musste einfahren und sich anschauen, was für eine Knochenmaloche es war, auf die hier an Ruhr, Emscher und Lippe eine riesige Stadt gegründet wurde. Wer das Revier heute verstehen will, der muss nach oben. Der muss sich von oben anschauen, wie viel sich in dieser Region mit ihren 5,3 Millionen Menschen schon gewandelt hat. Wie die 53 Städte des Reviers im Grunde einen einzigen Siedlungsteppich bilden. Der wird sehen, dass dieser Teppich immer wieder unterbrochen ist durch zahlreiche grüne Oasen. Der wird sehen, wie sich die Grünzüge von Norden nach Süden erstrecken, wie die Schneise des Emscher Parks, in dessen Mitte wir uns hier gerade befinden, einmal quer durchläuft. Der wird Gasometer und Fördertürme sehen, in die längst neues Leben eingezogen ist.
Nicht umsonst lieben wir im Revier unsere Halden - sei es die Rungenberghalde in Gelsenkirchen oder gleich nebenan in Essen die Schurenbachhalde. Denn sie ermöglichen uns diese Aussichten.
Durch das Projekt NT2 - also die Aufstockung von Schacht II mit dem gläsernen Kubus und einer Besucherterrasse - wird auch die Zeche Nordstern bald einer dieser Orte mit Weitblick sein. Rechtzeitig zum Kulturhauptstadtjahr wird hier einer der sieben Hochpunkte fertig gestellt. Dass wir damit mit knapp 100 Metern sogar den höchsten haben werden, ist gar nicht wichtig. Das so zu sehen, wäre allenfalls präpotent. Oder postpubertär.
Wichtig ist vielmehr, dass hier ein Ort entsteht, der Weitblick ermöglicht, der Reflexion ermöglicht, der dadurch eben auch Kultur ermöglicht. Mit der Realisierung von Ausstellungsflächen für Videokunst aus der international bekannten Sammlung Goetz aus München wird das der Fall sein. Dieser Ort wird die Beschäftigung mit unserer Zeit, mit unserer Welt also in zweifacher Hinsicht fördern.
Dafür möchte ich der THS, die dieses ambitionierte Projekt angestoßen und geplant hat, es realisiert und zu einem großen Teil auch finanziert, großen Dank aussprechen. Es ist beileibe nicht selbstverständlich, dass sich ein Unternehmen in dem Maße für die eigene Region engagiert, wie es die THS tut. Als Stadt sind wir überzeugt von diesem Projekt und tragen gern unseren (nicht nur finanziellen) Teil dazu bei.
Der Nordsternturm wird einer der zentralen Beiträge Gelsenkirchens zum Kulturhauptstadtjahr. Aber er wirkt dabei weit über 2010 hinaus. Mit dem Museum, mit der Besucherterrasse wird hier auf nachhaltige Weise eine zusätzliche Attraktion für touristisch und kulturell interessierte Besucher geschaffen. Vor allem aber, und davon bin ich fest überzeugt, gewinnt Gelsenkirchen damit ein neues Wahrzeichen, einen Ort, der Identität bildet und abbildet, weil er die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet.
Denn auch wenn es uns heute in die Höhe zieht, so müssen wir uns immer darauf besinnen, dass das nur möglich ist, weil es einmal ganz tief begonnen hat. Auf dem, was war, das aufzubauen, was wird. Das muss hier bei uns im Ruhrgebiet, in Gelsenkirchen, der Weg in die Zukunft sein, wollen wir die Menschen nicht verlieren. Diesen Ansatz verfolgt RUHR.2010 mit dem Motto „Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel". Und diesen Ansatz verkörpert der neue Nordsternturm in nahezu idealer Weise. So bleibt unsere Geschichte auch künftig lebendiger Teil unserer Identität.
Ich persönlich freue mich schon auf diesen spannenden baulichen Dialog und wünsche dem Projekt viel Erfolg!
Glück auf!