09. November 2009, 13:09 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Buer-Mitte,
vielen Dank für Eure eindrucksvollen Texte. Ich denke, ich spreche für alle hier im Raum, wenn ich sage, dass solche Zeilen unter die Haut gehen. Im Unterricht habt Ihr Euch mit dem Thema Nationalsozialismus und Gewaltherrschaft im Dritten Reich befasst und damit ein Stück deutscher Geschichte in Erinnerung gebracht. Ganz bewusst wollen wir dies auch heute tun, am 9. November. An einem Tag also, der in der deutschen Geschichte wohl fast das markanteste Datum überhaupt ist. Denn neben vielen negativen Erinnerungen an einen 9. November feiern wir Deutschen heute auch den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Schön, dass Sie neben diesem Anlass zum sich freuen heute so zahlreich gekommen sind, um einem unerfreulichen Teil unserer Geschichte zu gedenken.
Am 9. November 1938 – in der zynisch so genannten „Reichskristallnacht“ – brannten auch in Gelsenkirchen die Synagogen. Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden geplündert und zerstört. Sie selbst wurden gedemütigt und gequält. Unser Gedenken hält die Erinnerung daran wach, was Menschen Menschen antun können. Und es ist uns gleichzeitig Mahnung, heute aufzuschreien und uns einzumischen, wann immer Menschen von anderen Menschen ausgegrenzt, eingeschüchtert und herabgesetzt werden.
Auch in Zeiten des Nationalsozialismus gab es durchaus Personen, die sich Reste von Anstand und Mitmenschlichkeit bewahren konnten. Nicht umsonst haben wir uns vorhin auf dem Rudolf-Bertram-Platz vor dem Horster Krankenhaus versammelt, um dort dem sehr eindringlichen Gesang von Frau Yael Izkovic zu lauschen. Das war ganz bewusst gewählt, denn dieser Platz ist nach einer besonderen Person benannt, der in Zeiten der Gewalt und Einschüchterung zusammen mit anderen Rückgrat bewiesen hat. Um seinen Verdienst begreifen zu können, möchte ich Ihnen und Euch ein schlimmes Kapitel aus der Gelsenkirchener Stadtgeschichte erzählen.
In den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es in Gelsenkirchen-Horst das Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG. Dort wurde unter anderem Benzin für Panzer und Flugzeuge hergestellt. Im Sommer 1944 wurde dieses Werk bombardiert und weitestgehend zerstört. Ein Problem für die nationalsozialistische Kriegsmaschinerie, denn im Hydrierwerk wurde kriegswichtiges, künstliches Benzin produziert. Der Nachschub durfte indes nicht abreißen. Deshalb wurden im Juli 1944 rund 2.000 ungarische Jüdinnen aus dem Vernichtungslager Auschwitz zum Arbeitseinsatz hierher gebracht. Sie sollten das zerstörte Hydrierwerk wieder aufbauen. Dafür wurden sie unter unmenschlichen Bedingungen hierher transportiert und kamen wiederum nach einem Gewaltmarsch im provisorisch errichteten Arbeitslager an.
Wie sich das angefühlt haben mag, schildern die Spurensucher der Gesamtschule Buer-Mitte ebenfalls in einem für mich sehr bewegenden Text, der auch in dieser Dokumentation enthalten ist: „Als die Häftlinge durch das Tor gingen, an dem „Arbeit macht frei“ stand, gingen sie den Weg ins Dunkle und Ungewisse. Sie hatten Angst und innerliche Schmerzen, denn sie wussten nicht, was sie erwartet. Die Zeit wurde zur Last und die Last wurde zum Schmerz.“
So und so ähnlich war das auch in dem Lager, das vor knapp 60 Jahren auf dem Gelände der damaligen Gelsenberg Benzin AG in Sutum [heutiges BP-Werk] von Nazis errichtet worden ist. Heute ist von diesem Lager zwar nichts mehr zu sehen, die Erinnerung an das Leid der Häftlinge bleibt aber lebendig. Es wird dokumentiert durch Projekte wie die Spurensucher und durch Publikationen, die in den vergangenen Jahrzehnten die nationalsozialistische Geschichte Gelsenkirchens aufgearbeitet haben. In einem dieser Bücher des Instituts für Stadtgeschichte [„Jüdisches Leben – Verfolgung-Mord-Überleben“] berichtet die Zeitzeugin Rachel Wollner: „Im September 1944, als unsere Arbeit fast zu Ende war, gab es einen schweren Bombenangriff. Es gab zwar einen Riesenbunker an der Arbeitsstelle mit vielen Plätzen, aber uns jüdische Frauen wollte man nicht hineinlassen. So wurden wir zerschmettert mit all dem, was wir gebaut hatten. 300 jüdische Frauen waren tot und hunderte verletzt.“
Rudolf Bertram, der Mann zu dessen Ehren der Platz benannt ist, auf dem wir uns eben trafen, war zu dieser Zeit Chefarzt des St. Josef-Hospitals. Als solcher konnte er im September 1944 zusammen mit der Krankenhausbelegschaft zeigen, dass nicht alle Deutschen zu unmenschlichen Bestien verkommen waren. Denn als die Bomben aufs Horster Gelsenberg-Hydrierwerk fielen, waren vor allem die ungarischen Jüdinnen unter den Opfern. Viele der Verletzten wurden anschließend in den umliegenden Krankenhäusern behandelt. Rudolf Bertram, den Ordensschwestern und großen Teilen der Belegschaft in Horst gelang es jedoch, insgesamt 17 Jüdinnen dauerhaft im Krankenhaus zu behalten. Auf diese Weise konnten sie bis zum Kriegsende dem Lagerbetrieb entkommen. Das rettete ihnen vermutlich das Leben.
Sicher, nicht alle Beteiligten waren Helden. Es waren Menschen, die wie wir alle auch Schwächen hatten. Vielfach auch kleinmütig, auch träge, auch gedankenlos, aber es waren Menschen, denen im entscheidenden Moment etwas Wichtiges nicht abhanden gekommen ist. Sie haben nicht vergessen, was es heißt, Mensch zu sein. Sie erinnerten sich an eine Grundsolidarität. Sie fühlten Mitleid und empfanden Empathie.
Dieses Beispiel sollte uns Mut machen und uns auch heute zeigen, dass es auf jeden einzelnen ankommt. Wir dürfen uns nicht auf andere verlassen und sagen: Die werden sich schon zu Wort melden. Wir dürfen uns nicht wegducken und die Verantwortung abschieben. Im Gegenteil wir müssen wachsam sein und bleiben! Kaum jemand hat das so eingängig in Worte gefasst, wie der Theologe Martin Niemöller:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Meine Damen und Herren,
viele von Ihnen waren ja dabei, als wir im vergangenen Juni denjenigen die Stirn bieten mussten, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, dass nicht jeder Gelsenkirchener, nicht jede Gelsenkirchenerin gleichwertig sei. Die einfach nicht verstehen wollen, dass andere Menschen anders aussehen und denken als sie selbst. Diese braune Bande hat in unserem Schloss Horst seinen Landesparteitag abgehalten. Wir als Stadt haben uns bis zuletzt dagegen gewehrt. Mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Doch mussten wir am Ende hinnehmen, dass ein Ort, der als Platz für alle Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt gedacht ist, von denen missbraucht wird, die andere ausschließen wollen.
Das wäre eine Niederlage gewesen, wenn nicht hunderte Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener an diesem Tag im Juni hierher gekommen wären, um gegen das Ungeheuerliche zu protestieren. Das geschah auf eine so lebendige, auf eine so bunte und kreative Weise, dass das am Ende sogar ein kleiner Sieg gegen die dumpfen Parolen der Ewig-Gestrigen war.
Ein sehr auffälliges Element des damaligen Protestes finden Sie heute hier im Glassaal von Schloss Horst wieder. Es ist das riesengroße, rote Transparent mit der unübersehbaren Aufschrift „No Nazis“, das sehr zum Ärger der Rechten hier aufgehängt wurde.Heute sind es Teile dieses Transparentes, die Sie am Eingang finden. Denn wir haben diesen stoffgewordenen Protest in kleine Stückchen geschnitten. Die Mädchen und Jungen der Kindertagesstätte „Schalke Nord“ [Kita „Glück auf“ an der Hubertusstraße] haben mit ihren kleinen Scheren Dutzende Erinnerungsstücke gefertigt, die Sie sich gerne nachher beim Hinausgehen mitnehmen dürfen.
Dieses Stück Stoff soll im doppelten Wortsinne eine Erinnerung sein – an den Protest im Juni ebenso wie an den heutigen Tag. Es soll Sie aber auch in der Zukunft daran erinnern, dass man nie aufhören darf, sich einzumischen. Wenn Sie einmal in eine Situation geraten, in der Ihr Mut und Ihre Stimme gefordert sind, stecken Sie die Hände in die Taschen. Dort werden Sie dann dieses kleine Stück Tuch fühlen und es wird Sie hoffentlich stark machen. Denn es erinnert Sie auch daran, dass Sie nie alleine sind!
Denn die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt haben in jüngerer Zeit mehrfach eindrucksvoll Stellung gegen die rechten Umtriebe bezogen. Der 9. November soll uns in diesem Jahr abermals Anlass sein, die braunen Geister aus unserem demokratischen Gemeinwesen auszutreiben. Dazu hält uns das Gedenken an begangenes Unrecht ebenso an wie die Erinnerung an aufrechte Menschen. Wir wollen alle zusammen deutlich machen: Gelsenkirchen ist eine Stadt für alle!
Meine Damen und Herren,
gleich im Anschluss erwartet Sie noch die Erstaufführung eines Videos der Gelsenkirchener Künstlerin Claudia Lüke. Dieser Clip soll künftig in Schulklassen gezeigt werden, damit sich die Kinder und Jugendlichen mit den Themen Drittes Reich und Fremdenfeindlichkeit intensiv auseinander setzen. Er soll neugierig machen und gleichzeitig Fragen vor allem bei jungen Betrachterinnen und Betrachtern aufwerfen. Wer war da zu sehen und wie steht er in Zusammenhang mit den Situationen, die gezeigt werden? Ich finde, es ist ein sehr gelungener Film. Die Musik, für die Chris Seidler verantwortlich zeichnet, wühlt auf, magvielleicht auch verstören. Aber das ist gut so, denn sie passt zum Film, seinem Anspruch und seiner Aufgabe.
Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie alle heute, am 9. November, den schrecklichen Geschehnissen vor nunmehr 71 Jahren gemeinsam gedenken. Ich wünsche uns, dass dieses Unrecht nicht in Vergessenheit gerät und wir in Gelsenkirchen auch künftig klar Stellung beziehen: gegen Rechts, gegen Fremdenfeindlichkeit und für eine weltoffene Stadt!
Glück auf!