09. November 2011, 12:46 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener,
vor 73 Jahren geschah in unserer Stadt ein Verbrechen, an das wir uns heute gemeinsam erinnern. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 machten Gelsenkirchener Bürger Jagd auf ihre jüdischen Nachbarn. Sie misshandelten Menschen, verwüsteten Wohnungen, plünderten Geschäfte und zündeten die Synagogen in der Gildenstraße und in der Maelostraße an. Obwohl die Feuerwehr ausrückte, brannten beide Synagogen ab - weil die Feuerwehrleute lediglich die Nachbarhäuser vor den Flammen schützten. In dieser Nacht kamen in Deutschland 91 (Hans Mommsen)Menschen gewaltsam zu Tode, mehrere tausend Männer wurden ins KZ verschleppt. Die Existenz zahlloser Menschen wurde zerstört.
All das ging in Gelsenkirchen wie im übrigen Deutschland nicht heimlich und im Morgengrauen vonstatten, sondern in aller Öffentlichkeit. Die Brandstiftung, das Plündern, die Gewalt gegen Menschen - das geschah an zentralen Stellen in unserer Stadt, in der Bahnhofstraße, auf der Hochstraße und anderen Einkaufstraßen. Es waren auch keine fremden Befehlsempfänger in Uniform am Werk, sondern Menschen aus Gelsenkirchen und der unmittelbaren Umgebung. Von denen, die sich nicht an diesem Gewaltausbruch beteiligten und die auch nicht Partei der Nazis ergriffen hatten, hat kaum jemand seine jüdischen Nachbarn verteidigt. Es herrschten Schweigen und Verstummen, wo Protest und Gegenwehr nötig gewesen wären.
Wir folgen heute einem doppelten Aufruf der Demokratischen Initiative - unserem breiten Gelsenkirchener Bündnis aus Parteien, Kirchen, Verbänden, für das ich nach wie vor gerne die Schirmherrschaft übernommen habe: Einem Aufruf zur Gedenkveranstaltung für die Opfer des Pogroms und der später folgenden, nochmals größeren Verbrechen. Mit der Gedenkveranstaltung verbunden ist auch die Kundgebung für „Respekt, Toleranz und Zivilcourage – gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit". Diese ohnehin unverzichtbaren Werte für ein gutes Zusammenleben bekommen eine ganz andere Bedeutung vor dem Hintergrund der Ereignisse vor 73 Jahren. Denn wir haben aus diesen Ereignissen schmerzhaft lernen müssen, dass Freiheit und Toleranz in unserer Gesellschaft immer wieder bedroht sind, und dass wir sehr wachsam sein müssen, selbst auf kleine Anzeichen achten müssen.
Folge der verbalen Verrohung
Die Nazis wagten 1938 diesen Pogrom, die zynisch so genannte Reichskristallnacht, weil sie wussten, welche mentalen Verschiebungen es über eine lange Zeit in der Bevölkerung gegeben hatte. Die Straßenkrawalle der SA hatten seit den 1920er-Jahren die Bürgerinnen und Bürger eingeschüchtert. Auf diese Weise hatten die späteren Mörder den öffentlichen Raum erobert, und dabei wurden sie oft durch Justiz und Polizei protegiert. Und als sie 1933 den Staat in ihre Hände bekamen,
- denn ein großer Teil der Bevölkerung hatte sie ja gewählt - konnten sie ihre Gegner, couragierte Männer und Frauen, festnehmen. Zudem hatten Nazis und Deutschnationale - aufbauend auf einem ohnehin tief verwurzelten Antisemitismus - die deutschen Jüdinnen und Juden in jahrzehntelanger, beispielsloser Hetze aus der Gesellschaft herausgedrängt. Das begann weit vor 1933 und es führte dazu, dass sich 1938 nur noch wenige Menschen in Deutschland mit den Juden verbunden fühlten und für sie einstehen wollten.
Jüdische Überlebende, die in den 1930er-Jahren noch Kinder waren, erzählten später von Nazi-Gruppen, die vor dem Haus ihrer Eltern antisemitische Hetzlieder sangen. Von heute aus gesehen erscheint uns die spätere körperliche Gewalt wie eine Folge der verbalen Verrohung. Auch Worte können töten, hat Victor Klemperer aufgrund solcher Beobachtungen geschrieben. Wenn Worte des Hasses ständig wiederholt werden, dann hat sich irgendwann so viel Gift in der Seele angesammelt, dass der Zuhörer bereit ist, das auszuführen oder zumindest hinzunehmen, wovon die Worte sprechen.
So klar es uns erscheint, dass Hass, Gewalt, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit nicht zu dulden sind: Einige Menschen sind auch heute nicht in der Lage, diese Lektionen zu lernen und sie zu akzeptieren. Beispiele dafür finden wir leider ganz in unserer Nähe. In Dortmund etwa gibt es eine aktive Nazi-Szene, die immer wieder an die Öffentlichkeit tritt und sogar versucht, die Stadt für sich zu erobern: mit Überfällen auf Antifa-Aktive und eine linke Kneipe, mit einer offenen, großen Attacke auf die Maikundgebung der Gewerkschaften vor zwei Jahren. Ähnlich verhält es sich in Hamm, wo rechte Schläger gezielt darauf setzen, andere politische Kräfte einzuschüchtern. Junge, engagierte Menschen wurden zusammenschlagen, Häuser und Büros mit Parolen beschmiert. Einer politisch aktiven Frau aus Hamm schrieben Nazis nach den Anschlägen von Norwegen „76:0" an die Hauswand - ein in seiner Geschmacklosigkeit atemberaubender Übergriff, denn die Ziffern spielen auf die Zahl der bei dem Anschlag in Norwegen in diesem Sommer getöteten Menschen an, unter denen sich viele junge Sozialdemokraten befanden.
Von den Maskeraden der Rechtsradikalen nicht täuschen lassen
Und solche Dinge geschehen nicht bloß bei den anderen, Nazi-Schmierereien kommen auch in Gelsenkirchen vor. Nicht oft, zum Glück, aber vor wenigen Wochen wurde beispielsweise das Fritz-Erler-Haus der Falken in Hassel mit Hakenkreuzen beschmutzt.
Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass sich das nicht ausweitet. Wir sind gefordert, dagegen einzuschreiten und öffentlich Position zu beziehen. Und dabei sollten wir uns von den Maskeraden der Rechtsradikalen nicht täuschen lassen. Die „Autonomen Nationalisten" geben sich nicht mehr so einfach zu erkennen wie z. B. Skinheads. Viele neue Rechte behaupten, mit Antisemitismus nichts am Hut zu haben. Doch die Art, wie sie Ängste schüren und den Islam als Bedrohung und Feind ausrufen, die kommt einem schon bekannt vor. Es ist wichtig, dass wir dem entschlossen begegnen. Und es ist wichtig, diesen Leuten klar zu machen, dass keine schweigende Mehrheit hinter ihnen steht, sondern dass die Mehrheit unseres Landes und in unserer Stadt ihr Treiben vehement ablehnt. Weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben. Weil wir genug haben von Gewalt und Hass. Weil wir wissen, wie viel lohnender und reizvoller ein gutes, buntes Zusammenleben in unserer Stadt und in unserer Region ist!
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
der Gedenkzug hat uns zum Alten Betsaal der jüdischen Gemeinde geführt, zu dem Ort, wo jüdisches Leben weitergeführt wurde, als die Nazis den Krieg und ihre Macht verloren hatten. Da die jüdische Gemeinde inzwischen wieder eine Synagoge hat, dient der Alte Betsaal nun als Ausstellungs- und Begegnungszentrum. Ich möchte Sie im Namen der jüdischen Gemeinde einladen, diese Begegnungsstätte kennenzulernen und dort noch zum Gespräch zusammenzukommen. Herzlichen Dank Ihnen allen!