23. November 2011, 11:35 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde der Stadtbibliothek Gelsenkirchen,
Goethe muss es schon sein. Darunter machen wir’s nicht – werden sich die honorigen Herrschaften gedacht haben, die am 23. November 1911 in zwei Räumen der damaligen Wilhelmschule in der Gelsenkirchener Innenstadt feierlich die erste Städtische Bücherei eröffneten. Nach allem, was überliefert ist, muss das eine Veranstaltung gewesen sein, die von heiligem Ernst getragen wurde – und von Goethe. Klar, dass für so einen würdevollen Anlass nur der allergrößte Dichterfürst angemessen erschien. Da ließ man sich damals nicht lumpen: Der Geheime Regierungsrat Rahm ließ in seiner Ansprache wissen – ich zitiere: „Die Stadt Gelsenkirchen hat bewiesen, um Goethes Wort zu gebrauchen, dass sie ein Geschlecht besitzt, dass vom Dunkeln zum Hellen strebt.“
Das klingt für uns Heutige natürlich wahnsinnig pathetisch. Ein bisschen kam es mir beim Durchblättern der Chronik so vor, als hätte das kleine Arbeiterkind Gelsenkirchen sich damals den viel zu großen Sonntagsanzug übergeworfen und versuchte ihn mit übergroßem Eifer auszufüllen. Vieles wirkte dabei etwas ungelenk. Man merkt, da begab sich eine Stadt noch einigermaßen ehrfürchtig auf unbekanntes Terrain.
Eine beachtliche und bemerkenswerte Kulturleistung
Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, das ist in meinen Augen genau das Großartige: Da begab sich eine Stadt beherzt, mit Eifer und Ernst auf unbekanntes Terrain. Man muss sich das einmal klarmachen, was da geschah: Inmitten der beispiellosen Boomphase der Industrialisierung, als in Gelsenkirchen im Jahrestakt Schächte abgeteuft, Stahlwerke gegründet, Fabriken eröffnet wurden, als Landschaft und städtische Infrastruktur der Gründungswelle der Montanindustrie ungerührt angepasst wurden, als die Stadtentwicklung mehr oder weniger von Bergbauingenieuren gemacht wurde, als kurzerhand Flüsse zu offenen Abwasserkanälen umfunktioniert wurden; in einer Stadt, die erst 35 Jahren zuvor überhaupt gegründet wurde und in die bis 1910 dann schon rund 160.000 Menschen strömten, die irgendwo untergebracht, die irgendwie versorgt werden mussten – in dieser Stadt also, die weiß Gott andere Sorgen hatte, in dieser Stadt wurde eine Bibliothek gegründet.
Ein Wahnwitz? Prestigedenken? Bildungsbürgerdünkel? Vielleicht von allem etwas. Vor allem aber doch: Eine beachtliche und bemerkenswerte Kulturleistung. Ein Zeichen, dass auch den Pionieren damals klar war, dass eine Stadt mehr ist als ein Gewerbegebiet, ein Industriestandort. Ein Zeichen dafür, dass auch in der jungen Industriestadt ein sehr klares Bewusstsein dafür vorhanden war, dass der Daseinszweck des Menschen sich nicht mit Essen und Arbeiten erfüllt hat. Dass – im Gegenteil – menschliche Kultur darüber hinausgehende Bedürfnisse und Erfordernisse hat.
Und ich finde, meine Damen und Herren, dass damit vor 100 Jahren eine bemerkenswerte Weitsicht bewiesen worden ist. Kultur und Bildung breiten Bevölkerungskreisen zugänglich zu machen, ist der Antrieb dieser Gründung gewesen. Und der ist heute nicht weniger aktuell als vor 100 Jahren. Lesen ist eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen, die ich kenne. Aber Lesen ist vor allem auch eine elementare Kulturtechnik, eine der wichtigsten, um sich Wissen und Informationen anzueignen, Welt und Umwelt zu erschließen. Auch um sich Gedankenwelten anzueignen, Fantasie und Imagination anzuregen. Die Stadtbibliothek stellt die Mittel bereit, sich zu orientieren, sich kreativ mit sich und der Welt auseinanderzusetzen. Sie ermöglicht es, den eigenen Horizont zu erweitern, erlaubt Reflexion und trägt auf diese Weise erheblich dazu bei, offene, autonome und vielseitig interessierte Persönlichkeiten zu fördern.
Die am häufigsten frequentierte Kultureinrichtung der Stadt
Ganz nebenbei kann sie auch einfach nur Spaß machen. Und das darf sie und das muss sie auch! Ich erinnere mich noch ganz gut daran, dass ich damals als Halbwüchsiger die Karl-May-Bände in der Stadtbücherei regelrecht verschlungen habe. Sicher nicht die ganz hohe Literatur, aber das war mir doch vollkommen egal. Auf diese Weise aber habe ich das Haus kennen gelernt und hatte irgendwann auch keine Berührungsängste, mich in ganz anderen Regalgängen herumzutreiben und mit ganz anderen Themen in Kontakt zu treten. Und dass ich schließlich Literaturwissenschaften studiert habe, hatte sicher auch etwas mit diesen ganz frühen und ganz beglückenden Leseerfahrungen zu tun.
Dieses niedrigschwellige Bildungsangebot zeichnet in meinen Augen die Stadtbibliothek Gelsenkirchen auch heute – im 100. Jahr ihres Bestehens – aus. Wenn ich mir anschaue, dass die Bibliothek mit gut einer halben Million Nutzer jährlich die am häufigsten frequentierte Kultureinrichtung der Stadt ist und dass 40 % der Nutzer unter 18 Jahren alt sind, dann ist das für mich das sichere Zeichen dafür, dass unsere Altersjubilarin nicht nur ganz schön rüstig, sondern regelrecht jung und am Puls der Zeit geblieben ist. Keine Frage, dass sie heute längst nicht mehr nur Bücher, sondern auch audiovisuelle Medien, CDs, DVDs oder Blu-rays anbietet.
Bücher, so heißt es, können Dein Leben verändern. Und eine ganze Bibliothek kann gleich eine komplette Stadt verändern. Und ich glaube, angesichts der eben genannten Zahlen kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die Stadtbibliothek Gelsenkirchen das tut. Sie wirkt in die Stadt hinein und öffnet Horizonte. Ich wünsche der Stadtbibliothek Gelsenkirchen, dass sie das auch in Zukunft mit dem gleichen großen Engagement tun wird. Und uns allen sowie der gesamten Stadt Gelsenkirchen gratuliere ich zu 100 Jahren Stadtbibliothek – ganz ohne Goethe…
Glück auf!