08. November 2012, 15:00 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gäste!
Vielen Dank an den Kinderchor der Städtischen Musikschule für dieses kleine Geburtstags-Ständchen. Das passt wunderbar, denn schließlich sind wir heute Abend hier, um einen runden Geburtstag zu begehen: 100 Jahre Rathaus Buer. Genau am 21. September 1912 war es, als hier vor dem Rathaus, auf den Treppenstufen, feierlich der Schlüssel für das neue Gebäude an den Ersten Bürgermeister der damaligen Stadt Buer, Karl Russel, übergeben wurde.
Wir erinnern heute daran, weil so ein Rathaus eben kein x-beliebiges Gebäude ist, auch nicht nur ein Verwaltungssitz – sondern wichtiger Schauplatz städtischen Lebens, ein Ort der kommunalen Selbstverwaltung, nicht zuletzt repräsentatives und identitätsstiftendes Symbol einer Stadtgesellschaft.
Und wofür steht dieses doch recht wuchtige Gebäude? Vor 100 Jahren war diese Frage ganz leicht zu beantworten. Da war es, wie es damals hieß, das „äußere Zeichen der Stadtwerdung Buers“, das ein Jahr zuvor – 1911 – die Stadtrechte verliehen bekam. Und man darf hinzufügen: Es war nicht nur irgendein Zeichen. Es war ein Ausrufezeichen. Monumental und noch in wilhelminischer Tradition wurde es auf den Goldberg gesetzt und kündete vom Repräsentationswillen einer aufstrebenden Stadt. Und sicher auch ein bisschen vom Selbstbewusstsein des preußisch geprägten Beamtenapparats.
Wofür stand das Rathaus Buer seitdem in seiner nun 100-jährigen Geschichte? In der Zeit der Weimarer Republik war es das, was wir uns bis heute unter einem Rathaus vorstellen: nämlich der Ort der kommunalen Demokratie. In der eine Bürgerschaft über die gemeinsamen Belange beriet. Als Buer 1928 mit Horst und Gelsenkirchen zusammengeschlossen wurde, blieb es weiterhin Zentrum der kommunalen Selbstverwaltung, weil die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Gelsenkirchen im Rathaus Buer zusammenkam. Dann, in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, war man von demokratischen Zuständen im Rathaus Buer genauso weit entfernt wie überall in Deutschland. Das Rathaus stand in dieser historischen Epoche für ein totalitäres, verbrecherisches Regime, das deshalb so mächtig war, weil es am Ende auch auf kleinster lokaler Ebene, zum Beispiel eben auch im Rathaus Buer, mit einer fröstelnd machenden kalten Präzision durchexekutiert wurde. Nach 1945 schließlich entwickelte sich das Buersche Rathaus nicht nur zum Technischen Rathaus, sondern blieb weiterhin der Ort der kommunalen Demokratie. Bis in die 1960er Jahre hinein tagten die Stadtverordnetenversammlungen hier in Buer.
Eine Stadt, zwei Rathäuser
Und auch wenn kommunale Demokratie heute und vor 100 Jahren etwas anderes ist und bei einem Rückblick der Kontext nie vergessen werden darf, war das Rathaus doch sehr lange der Ort, an dem die Gelsenkirchener Stadtpolitik gemacht wurde und bis heute gemacht wird – schließlich tagen Ausschüsse und Bezirksvertretung hier.
Geschichte und Tradition, das ist das eine bei einem runden Geburtstag, der Blick in die Gegenwart und Zukunft ist das andere. Gegenwart und Zukunft bei diesem Gebäude, das ist zum Beispiel das, was Sie, meine Damen und Herren, sehen konnten, als Sie hineingekommen sind: der alte Bereich der Stadtkasse, der zeigt, wie das Rathaus vollständig renoviert aussehen könnte, wie sich Geschichte und Gegenwart baulich verbinden. Oder natürlich auch die Frage, was mit diesem Gebäude geschieht, wenn im kommenden Jahr das Neue Hans-Sachs-Haus fertig ist? Ich sage es immer wieder gerne: Auch nach der Fertigstellung des Neuen Hans-Sachs-Hauses, bleibt das Rathaus Buer der wichtige Verwaltungsstandort, der es auch schon war, als das alte Hans-Sachs-Haus noch in Betrieb war. Es bleibt das Technische Rathaus der Stadt Gelsenkirchen mit rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es bleibt selbstverständlich mit dem BÜRGERcenter wichtige Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger. Das einzige, was sich ändern wird, das wird vielleicht ein bisschen mehr Platz für die Kolleginnen und Kollegen der angestammten technischen Bereiche sein; schließlich sind Sie in den vergangenen Jahren zusammengerückt, um einigen Dauergästen hier Obdach zu gewähren.
Eine Stadt, zwei Rathäuser - so heißt die Devise also auch in Zukunft. Schließlich sind wir auch eine Stadt mit zwei Zentren diesseits und jenseits vom Kanal – unserer innerstädtischen „Demarkationslinie“, wie ich ihn gerne nenne. Zwei Zentren, das ist eine Bipolarität, die - ich will es nicht verhehlen - manchmal nicht ganz leicht ist. Die aber umgekehrt mindestens mal eine Besonderheit, ja, wenn man es richtig wendet, vielleicht sogar eine Stärke ist. Menschen brauchen überschaubare Orientierungsräume. Und natürlich weiß ich, dass bis heute die Innenstadt der Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener nördlich des Kanals die Buersche Innenstadt ist. Und das ist auch gut so. Das bedeutet kurze Wege, das bedeutet gute Vereinbarkeit von Wohnen und städtischer Infrastruktur. Das bedeutet Lebensqualität. Das ist auch in Berlin nicht anders, wo die Menschen letztlich auch in ihrem Kiez leben.
Ein herausragendes Beispiel für Heimat- und Identitätsgefühl
Und dieser Kiez, wenn ich das einmal so nennen darf, ist ein starker Identifikationspunkt. Etwas, mit dem die Menschen eine emotionale Bindung eingehen. Und auch für dieses Heimat- und Identitätsgefühl ist letztlich das Rathaus Buer ein herausragendes Beispiel. In der kleinen Ausstellung, die anlässlich des 100-jährigen hier im Rathaus zu sehen ist, wird eine Bürgerin zitiert mit den Worten. „Wenn ich den Rathausturm sehe, dann weiß ich, dass ich zuhause bin.“
So ist das. Daran sollten wir, die wir haupt- oder ehrenamtlich mit Verwaltung und Politik zu tun haben, immer denken, meine Damen und Herren: So ein Rathaus ist eben nicht nur ein Ort von Verwaltung und Politik. So ein Rathaus ist auch Heimat.
Und da können natürlich auch ganz viele verschiedene Heimatgefühle kombiniert werden: Es gibt Bueraner, es gibt Gelsenkirchener. Es soll auch Bueraner geben, die sich als Gelsenkirchener verstehen. Es gibt Menschen, die sich als Bürger des Ruhrgebiets verstehen. Das soll alles so sein.
Das wichtigste dabei ist immer, dass die Balance stimmt. Das man weiß, dass am Ende jedes Ganze nur die Summe seiner Teile ist. Und dass die Teile aber letztlich sich in ein Ganzes einfügen. In diesem Sinne versuchen wir auch stets beiden Zentren unserer Stadt gerecht zu werden, sie eben zum Wohl der Gesamtstadt zu pflegen. Und ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, dass das Rathaus Buer auch in Zukunft das Symbol für einen ganz starkes Stück Gelsenkirchen sein wird, das sich auch durch besondere Wohn- und Lebensqualität auszeichnet.
Ihnen allen, Gelsenkirchenern, Bueranern und Gelsenkirchenern Buerscher Herkunft einen schönen Abend und Glück auf!