09. November 2012, 15:05 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir alle wissen, was heute vor 74 Jahren in Gelsenkirchen und fast überall in Deutschland geschah. Wir wissen es, obwohl wir es uns eigentlich gar nicht vorstellen können, dass so etwas geschehen kann. Aber auch bis zu jenem Tag im November 1938 konnten es sich viele Menschen nicht vorstellen, dass so etwas hier, in diesem Land, in dieser Stadt möglich sein könnte.
Dass vom Staat geschützte Schlägertrupps auf unschuldige Bürgerinnen und Bürgerinnen losgehen. Ihr Hab und Gut zerschlagen, ihre Gesundheit und Leben bedrohen, ihre Wohn- und Gebetshäuser niederbrennen. Und das in aller Öffentlichkeit, ohne dass sich ihnen jemand in den Weg gestellt hätte. Und ohne dass an den nächsten Tagen oder irgendwann später jemand die Schuldigen zur Verantwortung gezogen hätte.
Der Pogrom vom 9. November 1938 war nur möglich, weil zu viele Menschen zu lange geschwiegen haben. Weil sie es zugelassen haben, dass eine Gruppe mit einer menschenverachtenden Ideologie die Macht ergreift. Weil sie zugesehen haben, dass die deutschen Juden aus der Gesellschaft herausgedrängt und entrechtet wurden. Weil es für viele weitaus einfacher war, die Verbrechen der Nazis geschehen zu lassen oder sich an ihnen zu beteiligen, als Widerstand zu leisten.
In jedem Jahr erinnern sich die Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger an die Ereignisse des 9. November 1938. Wir erinnern uns gemeinsam, weil wir wissen, dass all das nicht an einem anderen Ende der Welt geschehen ist, sondern bei uns, in unserer Stadt, in diesen Straßen.
Wir erinnern uns Jahr für Jahr, aber wir wollen trotzdem nicht, dass diese Kundgebung zu einem vorhersehbaren Ritual wird. Darum versuchen wir, unser Gedenken möglichst facettenreich, mit immer neuen Elementen zu gestalten. Auch heute wird es wieder ein wenig anders sein als in den Jahren zuvor: Wir versammeln uns im Innenhof des Polizeipräsidiums, wo wir in einem kurzen Podiumsgespräch verschiedene Aspekte der Erinnerungskultur in Gelsenkirchen beleuchten wollen.
Zuvor aber wollen wir mit dem Umzug durch die Innenstadt ein Zeichen für unabdingbare Werte unseres Gemeinwesens abgeben: für Respekt, Toleranz und Zivilcourage. Gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Dieses öffentliche Statement ist heute so unverzichtbar wie in jedem Jahr. Denn noch immer geschehen in unserem Land Dinge, die wir uns nur schwerlich vorstellen können und wollen – denken wir an die Thüringer Mörderbande, die über Jahre Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft erschossen hat. Oder an die auch in unserer Region aktive Neo-Nazi-Szene. Es ist wichtig, dass diese Leute wissen und immer wieder erfahren: Ihre kruden Ideen haben keine Chance, in der Mehrheit unserer Gesellschaft Gehör zu finden!
Ich danke Ihnen, dass Sie mit dabei sind!