17. Juni 2011, 10:52 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. Am Morgen des 22. Juni 1941 überfiel das nationalsozialistische Deutschland die Sowjetunion. Der lange geplante und öffentlich angekündigte Feldzug zur Eroberung von "Lebensraum" im Osten wurde als ideologischer Weltanschauungskrieg gegen den Bolschewismus und rassistischer Vernichtungskrieg geführt und diente auch der wirtschaftlichen Ausbeutung der eroberten Gebiete. Gezielt wurde die jüdische Bevölkerung ermordet, die sowjetische Führungsschicht umgebracht und die Bevölkerung für die Zwangsarbeit versklavt.
Der Zweite Weltkrieg forderte bis zur Befreiung vom Nationalsozialismus unendliche Opfer, vor allem unter den Bürgerinnen und Bürgern der Sowjetunion.
Der Jahrestag der Eskalation des bereits begonnenen Vernichtungskrieges gegen die Menschen im Osten hat für Gelsenkirchen auch noch eine ganz spezifische Bedeutung, die ein Schlaglicht auf den verbrecherischen Charakter des NS-Systems wirft.
An die Gelsenkirchen betreffenden Ereignisse um den Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion erinnerten jüngst österreichische Kollegen die Mitarbeiter des Gelsenkirchener Instituts für Stadtgeschichte: Nachdem es bei der Erstellung der Studie zur Geschichte des FC Schalke 04 im Nationalsozialismus 2004/5 einen Kontakt mit Vereinshistorikern vom Sportclub Rapid Wien gegeben hatte, kam nun die Nachricht aus Österreich, dass das Buch zur Geschichte des Wiener Fußballclubs erschienen ist: Jakob Rosenberg, Georg Spitaler (Hrsg.), Grün-weiß unterm Hakenkreuz, Der Sportclub Rapid Wien im Nationalsozialismus (1938-1945), Wien 2011.
In dem Buch geht es besonders auch um das Endspiel um die "Großdeutsche Kriegsmeisterschaft", das just an jenem 22. Juni 1941 zwischen Rapid Wien und Schalke 04 stattfand, als deutsche Truppen die Sowjetunion überfielen. Zynisch verkündete der Stadionlautsprecher vor den 100.000 Zuschauern im vollbesetzten Berliner Olympiastadion: "Der Sport dient dem Einsatz für Führer und Volk. Wir gedenken mit heißem Herzen unserer Soldaten an allen Fronten. Es lebe der Führer!" Die Tatsache, dass gleichzeitig mit der Ausweitung des Krieges dieses Fußballspiel durchgeführt wurde, diente als "Beweis für die guten Nerven und die absolute Zuversicht aller Deutschen". Beispielhaft werden hier die Instrumentalisierung und die politische Funktion des Sports im Nationalsozialismus deutlich.
Nach den denkwürdigen Spielen zwischen der deutschen und der österreichischen Nationalmannschaft nach der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich und der weitgehend fehlgeschlagenen Schaffung einer neuen deutschen Nationalmannschaft aus Spielern beider früheren Nationalmannschaften war die Stimmung zwischen Deutschen und Österreichern gespannt. Das Spiel der Schalker gegen Rapid Wien fand so in aufgeheizter Atmosphäre statt. Die Schalker, die offensichtlich siegessicher in das Spiel gegangen waren, führten auch zur Halbzeit 2:0 und erhöhten gar in der zweiten Halbzeit zum 3:0. Der FC Schalke 04 verlor dann aber noch 4:3, nachdem Elfmeter und Freistöße gegen die Spieler aus Schalke zu drei Gegentoren geführt hatten. Um das denkwürdige Spiel bestehen verschiedene Manipulationsgerüchte und Verschwörungstheorien, die sich aber allesamt nach der Studie des ISG wie nun auch der österreichischen Kollegen nicht beweisen lassen.
Nicht erst nach dem erneuten Austausch mit den österreichischen Kollegen arbeitet das Institut für Stadtgeschichte, auch in Kooperation mit der Kölner Sporthochschule (Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung), an einem Konzept für eine europäische Tagung zur Fußballgeschichte im nationalsozialistisch beherrschten Europa. Dabei geht es zunächst um die Vernetzung, nachdem nun zahlreiche neue Untersuchungen zur Fußballgeschichte erschienen sind. Mittelfristig plant man beim ISG für 2013 im Umfeld der Jahrestage aus der Zeit der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten eine international besetzte Tagung, die neben wissenschaftlichen Diskussionen auch öffentliche Veranstaltungen bieten soll.