31. August 2011, 10:54 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. „Eine Prinzessin tanzt. Ein Esel schreit“, johlen ein Dutzend Kinder, die gegen Ende der Sommerferien an kleinen Tischen in einem Zelt vor dem Consol Theater sitzen. Bei jedem „t“ am Ende der Verben stampfen sie mit den Füßen. Wie bitte? Wie passt das denn zusammen?
Das Sprachcamp der Stadt Gelsenkirchen verbindet vom 22. August bis zum 3. September mit viel Kreativität Sachen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Da treffen Prinzessin und Esel aus verschiedenen Märchen aufeinander. Da stampfen Kinder schon mal, weil Verben in der dritten Person Einzahl ein „t“ am Ende haben. Da lernen Grundschulkinder in den Sommerferien freiwillig und freudig die Struktur der deutschen Sprache.
„Prinzessin“ und „Esel“ gehören zum zweistündigen „Sprachfutter“, das rund 170 Kinder mit Migrationshintergrund in den letzten zwei Ferienwochen täglich verdauen. „Sprachfutter, so nennen wir hier die Sprachförderung“, erklärt Iris Schappert vom städtischen Referat Erziehung und Bildung. Sie koordiniert und leitet das Sprachcamp: „Die Kinder sollen die Struktur der deutschen Sprache begreifen.“ Sie schaut auf: „Gesprochen und gestampft prägt sie sich besser ein.“
Kinder, die zu Hause mit einer anderen Sprache als der Deutschen aufwachsen, kennen die deutsche Sprachstruktur nicht. „Das Türkische zum Beispiel kennt keine Artikel.“, verdeutlicht Sprachcamp-Leiterin Schappert. Das Camp ist nur für Kinder aus Zuwandererfamilien. „In den Ferien haben sie normalerweise wenig Kontakt zur deutschen Sprache. Zu Hause wird die Muttersprache gesprochen“, weiß Schappert. Wer in den Ferien kaum Deutsch gesprochen hat, muss beim Schulbeginn erst wieder ins Deutsche rein finden. Das dauert seine Zeit, den Anschluss an den Rest der Klasse nicht zu verlieren, wird dann schwierig. Deshalb findet das Sprachcamp am Ende der Ferien statt. „In dieser Zeit leben sie hier in der deutschen Sprache“, freut sich die Campleiterin.
Langsam wird es warm im Zelt. Andere Sprachcamp-Gruppen haben es heute besser getroffen. Nach dem Frühstück sind sie für die Sprachförderung von 10 bis 12 Uhr in das Consol Theater gegangen. Dort fragt eine Sprachpädagogin ihre Gruppe: „Wollen wir unsere Sätze von gestern wiederholen?“ Die Kinder rufen: „Nein.“ Sie wiederholen sie trotzdem. Der Lehrplan für die maximal 15 Kinder umfassenden Gruppen ist gleich - ob im oder vorm Consol Theater. Auch die Kinder auf dem Ziegenmichel-Hof und auf dem Hof Holz, den anderen zwei Standorten des Sprachcamps, lernen nach dem gleichen Konzept.
Ein Teil ihrer Eltern übrigens auch: Die Eltern, die Zeit und Lust haben, treffen sich während des Sprachcamps für zwei Stunden am Vormittag. In diesem Jahr lernen etwa 30 Mütter und Väter, wie sie ihr Kind beim Lernen begleiten und unterstützen können. Die regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) hat die Elternarbeit übernommen.
Ein Ball fliegt durch die Luft. Nach dem Mittagessen – Kartoffeln und Fischstäbchen mit Ketchup – haben die Kinder die Wahl: Fußballspielen, ab in die Leseecke, Basteln oder lieber ein Gesellschaftsspiel? Die neunjährigen Jungs, Efe und Mert, haben sich für „Halli Galli“ entschieden. Wenn zwei Karten auf dem Tisch zusammen fünf ergeben, müssen sie auf die Klingel hauen, um die Karten zu bekommen.
Die meisten Kinder haben wie Mert türkische Wurzeln. Efe ist sich nicht sicher, ob seine Eltern aus der Türkei kommen oder doch „von hier“ sind. Zugereist aus insgesamt 17 Nationen sind die Eltern aller Kinder im Sprachcamp. Manche kommen aus dem Libanon, dem Irak oder dem Kosovo. Die Eltern eines Kindes kommen aus Norwegen, eines anderen aus Sri Lanka.
Die Eltern der achtjährigen Natalia kommen aus Polen. Sie übt während der Mittagspause für das Theaterstück, das im Consol Theater aufgeführt wird. Natalia wird eine Dienerin aus dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ spielen. Am Freitag geht es dann „drunter, drüber, durch – märchenhaft durchs Sprachcamp“. Da treffen Figuren aus „Das tapfere Schneiderlein“ auf die „Bremer Stadtmusikanten“ und Co. Natalia ist ein wenig traurig: „Ich wäre aber lieber die Prinzessin. Sie spricht mehr und hat ein schöneres Kostüm.“ Sie liest noch einmal ihren Text.
Seit 2004 haben mehr als 1000 Kinder im Sprachcamp ihre deutschen Sprachkenntnisse aufgebessert. Sie sind immer in der 3. Klasse, müssen lesen und schreiben können. Begleitet werden sie in den jeweiligen Gruppen gleichzeitig von einer Sprachförderkraft, einem Freizeitpädagogen und einer weiteren Fachkraft. Nur so kann das Konzept funktionieren. Vormittags intensives Sprachtraining mit fester Struktur, nachmittags freies, vertieftes Üben im Theater, auf dem Bauernhof oder im Zirkuszelt.
Exotische Klänge strömen aus einem Lautsprecher. Es riecht nach Gras. Die Sprachschüler im Zirkus auf dem Hof Holz haben sich in Artisten verwandelt. Kleine Fakire treten in echte Glasscherben. Während eine Stimme etwas über Atlantis erzählt, bauen kleine Akrobaten eine Menschenpyramide. Ein Aufschrei, die Kinder fallen ineinander, plötzlich lachen sie. Puh, der Zusammenbruch gehört zum Stück.
Erstaunlich stabil dagegen steht auf dem Ziegenmichel-Hof ein selbstgebauter Unterschlupf aus Ästen. Auf dem Bauernhof haben die über 60 hiesigen Sprachschüler eine Reise durch die Zeit und ganz viel Natur erlebt. So haben sie Farben aus Blüten und Kräutern hergestellt, Ponys gefüttert und Brot im Wickingerhaus gebacken. Für die Teilnahme am Sprachcamp mussten sie sowie die Kinder im Consol Theater und auf dem Hof Holz nichts bezahlen.
Die Nachfrage nach einem Platz im Sprachcamp ist groß. Prinzessin und Esel, Ferien und Unterricht - es passt alles erstaunlich gut zusammen.