12. Dezember 2012, 10:58 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
GE. Zum ersten Mal ist der Deutsche Nachhaltigkeitspreis an Städte und Gemeinden vergeben worden. Bislang war er Wirtschaftsunternehmen vorbehalten. Gelsenkirchen zählt gleich zu den Gewinnern. Die Stadt hat den von der UNESCO ausgelobten Sonderpreis Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) gewonnen. Die UNESCO zeichnet mit dem Preis Kommunen aus, die im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten nachhaltige Stadtentwicklung betreiben und herausragende Projekte realisieren. Für den Sonderpreis nominiert waren auch Hamburg und die pfälzische Gemeinde Neumarkt. Für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis hatten sich insgesamt 119 Kommunen beworben.
Was bedeutet aber Bildung für nachhaltige Entwicklung eigentlich? Das Ziel ist eine zukunftsfähige Bildung für Gelsenkirchen. Hierbei sind Inhalte der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Gestaltungskompetenzen unverzichtbar. Das Prinzip muss in den Kitas und Schulen, aber auch in der außerschulischen Bildung, verankert und die schulische Bildung stärker mit außerschulischer Bildung verbunden werden.
Vom Projekt zum Prinzip
Mit dem Agenda 21-Beschluss des Rates wurde 1997 ein neues Kapitel in der Entwicklung der Stadt Gelsenkirchen eingeleitet. BNE hat seitdem zunehmend an Einfluss auf verschiedenste Prozesse und Strukturen der Stadt gewonnen. Standen zu Beginn einzelne Projekte mit einem starken BNE-Bezug im Vordergrund, ist BNE inzwischen zum Kernstück der aGEnda 21-Arbeit geworden.
Der Auftrag der Agenda 21 war dabei nachhaltige Entwicklung zu fördern. Von Anfang an hat die Stadt Gelsenkirchen – stärker als andere Städte – auf Bildung gesetzt. Dabei wurde nicht nur in der Erwachsenenbildung viel getan (a21-Arbeitskreise), sondern auch die Arbeitskreise „Schule und Bildung“ (u.a. Sponsorenläufe) und „Kinder“ (u.a. Broschüren „Kinderrechte“ und „Kinderkalender“) haben viel auf den Weg gebracht. Mit sieben UN-Dekaden-Projekten (u.a. Schülerfirma Mehrwert; Umweltsponsorenläufe, Kreativwerkstatt) hat sich viel bewegt. Durch die von der Volksbank geförderte Kreativwerkstatt kam es zur Netzwerkbildung; aber auch die außerschulischen Lernorte (u.a. Färbergärten, Bildungsoffensive Hassel) haben einen wichtigen Stellenwert.
Unterstützt durch die zweimalige Auszeichnung als UN-Dekadenstadt, konnte BNE in Gelsenkirchen in einem Verstetigungsprozess fest verankert werden. Rückblickend sind drei Stufen des BNE-Entwicklungsprozesses in Gelsenkirchen erkennbar:
Stufe 1 (1999 – 2006): Projekte werden entwickelt und umgesetzt
Zu Beginn der aGEnda 21-Arbeit stand ein projektorientierter Ansatz im Vordergrund des BNE-Prozesses: Bürgerinnen und Bürger konzentrieren ihr ehrenamtliches Engagement für ihre Stadt auf einen begrenztem Zeitraum mit klaren Aufgaben für ein konkretes Ziel oder Produkt. So konnten inzwischen mehr als 60 Projekte erfolgreich entwickelt und durchgeführt werden. Die Projektarbeit gehört daher auch heute noch zur essentiellen Basisarbeit des aGEnda 21-Prozesses der Stadt Gelsenkirchen. Diese Projektarbeit wurde durch Politik und Verwaltung durch Beschlüsse und finanzielle Ausstattung unterstützt, die wesentlichen Entscheidungsprozesse und Arbeiten fanden aber innerhalb der aGEnda 21-Gruppen statt, welche von den Bürgerinnen und Bürgern getragen und gefördert wurden.
Stufe 2 (2007 – 2010): Netzwerke entstehen und werden weiterentwickelt
Ansatzweise fand bereits in der ersten Phase auch über die Arbeitskreise hinaus Netzwerkarbeit statt. Seit 2007 wurde konzeptionell darauf hingearbeitet, diese Netzwerkarbeit zu intensivieren und auszubauen. Folgende Projekte sind hier hervorzuheben: Das außerschulische Bildungsprogramm der „Kreativwerkstatt“, das „Netzwerk Natur“, die Bildungsoffensive für den Stadtteil Hassel sowie die Färbergärten. Die Bündelung von aGEnda 21-Projekten und die damit verbundene Netzwerkbildung ermöglichten in zunehmendem Maße systematische, auf Nachhaltigkeit orientierte Prozesse in Zusammenarbeit mit der Verwaltung und führten zu fruchtbaren Ergebnissen. Durch einen einstimmigen Ratsbeschluss im Jahr 2008, welcher BNE zum Leitbild der Stadt erklärte, konnten die weiterhin vorwiegend von der aGEnda 21 bearbeiteten BNE-Prozesse verstetigt und auf anderen Ebenen fortgeführt werden.
Stufe 3 (seit 2011): Aus Projekten und Netzwerken entstehen Strukturen
Durch die Teilnahme am Projekt QuaSi BNE (Qualitätssicherung in der Bildung für nachhaltige Entwicklung) konnte in den letzten zwei Jahren ein weiterer notwendiger Baustein im Sinne einer ganzheitlichen und dauerhaft implementierten BNE in Gelsenkirchen realisiert werden. Neue Akteure aus verschiedenen Bildungsbereichen wurden gewonnen, so beispielsweise die Volkshochschule, verschiedene Schulen, das Ehrenamtsbüro und die Caritas.
Innerhalb der Verwaltung wurden vermehrt und intensivere Gespräche mit dem Ziel der systematischen Verankerung von BNE geführt. Das neue städtische Referat „Außerschulische Bildung“ mit den Abteilungen "Stadtbücherei" und "Volkshochschule" hat BNE als Leitbild formuliert und wird hier bereits planerisch aktiv.
Perspektiven:
Aktuell wird an einer Ratsvorlage gearbeitet, in der die institutionelle Zusammenführung von VHS, Stadtbibliothek und aGEnda 21 Büro unter dem gemeinsamen Dach des Referates Außerschulische Bildung als sinnvoll und zielführend vorgeschlagen wird. Es wurde bereits damit begonnen, alle Bildungsbereiche in Gelsenkirchen systematisch mit BNE zu verknüpfen. Dieses Vorhaben erfährt dabei Unterstützung durch die zuständigen Referate in der Stadtverwaltung und soll im Elementarbereich, im schulischen Bereich, an den Hochschulen, in der Erwachsenenbildung und im außerschulischen Kinder- und Jugendbildungssegment umgesetzt werden.
Neben den zahlreichen und erfolgreichen Schritten werden bereits neue Maßnahmen, Netzwerke und Strukturen geschaffen: Dazu zählen u.a. Waldwärts auf Rhein-Elbe, die Mobilitätskampagne Gut GEmischt Mobil, Sponsorenläufe 2013, die Netzwerke Zukunftswerkstatt Feldmark, Runder Tisch Horst, Raumorientierter Bildungsserver oder die Strukturen durch QuaSi BNE.
Zusammenfassung:
Vor dem Hintergrund der Probleme des strukturellen Wandels in Gelsenkirchen und eines städtischen Nothaushaltes – und trotz oder gerade wegen der damit verbundenen Einschränkungen – wächst das Bewusstsein, dass BNE kein Luxus ist, sondern eine zielführende Notwendigkeit, um die Stadt zu einer zukunftsfähigen Kommune zu entwickeln.
Mit der beginnenden Strukturbildung und der Ergänzung bisheriger Selbstorganisation der Prozesse „von unten nach oben“ durch strukturgebende Elemente „von oben nach unten“, bei gleichzeitiger Fortführung und Ausweitung von Projekten und Netzwerken und dem Einsatz erster Elemente einer konsistenten BNE-Qualitätssicherung befindet sich Gelsenkirchen inzwischen im Ausbau der dritten Phase. Der bisherige – mehr oder weniger spontan abgelaufene Prozess – gewinnt nun eine deutliche strategische Orientierung. Damit ist Gelsenkirchen auf einem erfolgversprechenden Weg, um im Bereich BNE vom Projekt zum Prinzip zu gelangen.
An dem BNE-Pressegespräch nehmen teil:
- Dr. Manfred Beck, Stadtrat, Vorstand für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration
- Michael Salisch, Stadt Gelsenkirchen, Referatsleiter Außerschulische Bildung
- Niels Funke, aGEnda 21-Förderverein
- Friedhelm Walden, KGV Am Trinenkamp e.V. („Färbergärten“)
- Werner Rybarski, Leiter des aGEnda 21-Büros
- Oliver Balke, Wald und Holz NRW, Ranger im Industriewald Rhein-Elbe