16. Oktober 2013, 10:53 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
GE. Die Stadt Gelsenkirchen hat ausgewählte Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen 2006 bis 2011mit Sozialraumgesprächen gekoppelt und dabei interessante Ergebnisse zu Tage gefördert. Gleichzeitig konnten verschiedene Punkte und Ziele herausgearbeitet werden, die zur Verbesserung der Kindergesundheit in Gelsenkirchen beitragen können.
Hier zeigt sich einmal mehr, dass Prävention sich auszahlt und eine moderne Sozialplanung problematische Entwicklungen und Herausforderung frühzeitig erkennen und folgenschwere „Reparaturkosten“ vermeiden kann.
Eine Kommune, die zukunftsfähig sein will, ist auf die Gesundheit der nachwachsenden Generationen angewiesen. Auch weil davon ausgegangen werden kann, dass sich gesundheitliche Probleme, die im Kindesalter ihre Ursache haben, im Erwachsenenalter potenzieren. Mit anderen Worten: Die Investition in die Gesundheit der Kinder ist für die Gesellschaft eine Investition, die sich in der Zukunft auszahlt.
Sozialraumgespräche finden seit 2010 jährlich in den fünf Stadtbezirken Gelsenkirchens statt. Sie dienen dazu, die Akteure eines Sozialraums zusammen zu bringen. Akteure vor Ort kennen die Probleme im Stadtteil meist sehr genau und haben vielfach Ideen für Lösungsansätze. Im gemeinsamen Austausch können so Synergieeffekte wachsen und ausgebaut werden.
In dem Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen“ ist Gelsenkirchen im Mai 2012 angetreten, bereits bestehende Präventionsketten zu optimieren und die Lebenschancen von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu erhöhen. Was lag also näher als die Sozialraumgespräche zu nutzen, um anhand ausgewählter Teilaspekte die gesundheitliche Lage von Kindern im Sozialraum differenziert zu betrachten.
Die Analyse der Schuleingangsuntersuchung gibt Aufschluss über die motorische, kognitive und sprachliche Entwicklung der Schulanfänger, ermittelt verschiedene Kennzahlen zum Gesundheitszustand und es können Aussagen zur Gesundheitsprävention getroffen werden. All diese verschiedenen Punkte wurden mit der sozialen Lage, in der die Kinder aufwachsen, deren Migrationshintergrund und zur Dauer des Kindergartenbesuchs in Verbindung gebracht. Die Untersuchung konnte dabei deutlich aufzeigen, dass genau dieser soziale Hintergrund der Kinder über Entwicklungsstand, Gesundheit und Gesundheitsvorsorge entscheidet.
Es ist davon auszugehen, dass die räumliche Zuordnung vor allem ein Spiegel der sozialen Herkunft ist und nicht alleine für Teilhabe oder Exklusion an grundlegenden gesellschaftlichen Chancen verantwortlich ist.
Die Kita-Besuchszeit konnte als ein wesentliches Kriterium für die Möglichkeit eines erfolgreichen Schulstarts ermittelt werden. Besonders deutlich wird die Bedeutung bei der Entwicklung der Kinder: Je länger Kinder eine Kindertageseinrichtung besucht haben, umso eher sind sie altersgerecht motorisch, kognitiv und sprachlich entwickelt. Das gilt auch für eine Betreuung im Alter von unter drei Jahren. Kinder, die nur kurz eine Kita besucht haben, sind häufiger übergewichtig (und auch untergewichtig) – die Unterschiede sind hier allerdings nicht ganz so dramatisch wie bei der Entwicklung der Kinder. Ebenfalls Gesundheitsvorsorge wird bei längerer Verweildauer in einer Kindertageseinrichtung anteilig häufiger in Anspruch genommen.
Ein Migrationshintergrund ist häufig ein zusätzliches Kriterium für soziale Benachteiligung und geht in Gelsenkirchen meist mit einem niedrigen Bildungs- und Sozialstatus einher. So unterscheiden sich Kinder mit deutscher und nichtdeutscher Alltagssprache (so wird Migrationshintergrund hier gemessen) im Bereich Körperkoordination nicht voneinander. Kinder mit Migrationshintergrund schneiden allerdings in der kognitiven Entwicklung häufiger mit Auffälligkeiten ab als Kinder ohne Migrationshintergrund, dies gilt nicht für das Nachsprechen vom Pseudowörtern, denn bei diesem Test zeigen Kinder mit Migrationshintergrund seltener Auffälligkeiten als deutschsprachige Kinder. Migrantenkinder sind häufiger übergewichtig/adipös, hier vor allem Kinder mit türkischer Alltagssprache. Kinder mit deutscher und nichtdeutscher Alltagssprache unterscheiden sich nicht beim Impfverhalten gegen Masern.
Alleinerziehende und kinderreiche Familien haben mehr Schwierigkeiten ihren Alltag zu organisieren und sie sind häufiger als andere Familien auf Unterstützung angewiesen. Das zeigt sich auch bei der Auswertung der Schuleingangsuntersuchung. Insbesondere Kinder mit zwei und mehr Geschwistern zeigen deutlich häufiger Entwicklungsauffälligkeiten und haben Defizite bei der Gesundheitsvorsorge. Bei Kindern von Alleinerziehenden zeigen sich auch durchweg höhere Anteile von Auffälligkeiten in allen schulrelevanten Entwicklungsbereichen, die Unterschiede sind aber weniger aussagekräftig als bei den Kindern aus kinderreichen Familien. Übergewicht spielt keine signifikante Rolle.
Die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung zeigen auch sehr eindrucksvoll, dass Bildung sich sozial vererbt. Kinder aus bildungsfernen Familien beginnen Schule bereits deutlich häufiger mit Defiziten in Entwicklung und Gesundheitsstatus als Kinder aus Familien mit höherem Bildungsniveau. Etwas abseits dieses Trends liegt, dass Kinder, deren Eltern einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss haben, etwas häufiger leicht untergewichtig sind. Auch in Bezug auf die Impfvorsorge unterscheiden sich Kinder nicht nach dem Bildungsstand der Eltern.
Die Sozialraumgespräche gaben wertvolle Hinweise auf Handlungsansätze und Zielgruppen. Es konnte gezeigt werden, dass Gelsenkirchener Projekte und Angebote auf dem richtigen Weg sind. Viele von den Akteuren im Sozialraum formulierten Handlungsnotwendigkeiten sind bereits erkannt, an vielen anderen Stellen lieferten die Sozialraumgespräche den Akteure wichtige Hinweise, ihre Ansätze, Projekte und Angebote zu fokussieren und weiterzuentwickeln. Die Sozialraumgespräche 2012 verdeutlichten den Nutzen die verschiedenen Akteure fach- und institutionenübergreifend an einen Tisch zu bringen und auf Grundlage von Sozialberichterstattung praxisnah zu diskutieren.
Zusammenfassend lassen sich aus den Ergebnissen der Sozialraumgespräche zehn Punkte ableiten, die der strategischen Arbeit zur Verbesserung der Kindergesundheit in Gelsenkirchen Berücksichtigung finden sollten.
- Einbeziehung der Eltern als Erziehungs- und Bildungspartner
- Unterstützung bei der Bildungsbiografie von der Kita bis zur Berufsausbildung
- Ergebnisorientierte Vernetzung und Kooperation
- Zielgruppenorientierte Ansprache und Fokussierung auf Zielgruppen mit besonderem Unterstützungsbedarf, um Ungleiches ungleich zu behandeln
- Niedrigschwelliger Zugang und direkte Ansprache an den Stellen, wo Eltern und Kinder anzutreffen sind
- Nachhaltige und stetige Förderung statt verzetteln in Einzelprojekten
- Interventionen so früh wie möglich beginnen, ohne jedoch ältere Zielgruppen aus dem Blick zu verlieren
- Kindergesundheit ist ein kommunales Querschnittsthema und erfordert integrierte Handlungsansätze
- Beteiligungsorientierung: Einbeziehung von Akteuren im Sozialraum
- Kontinuierliche Problembeschreibung und Erfolgskontrolle durch Sozial- und Gesundheitsberichterstattung
Kindheit in Gelsenkirchen in Zahlen:
42.334 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren lebten zum 31.12.2011 in Gelsenkirchen. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 16,4 Prozent. Damit liegt Gelsenkirchen etwa im Landesdurchschnitt.
Insgesamt zählt die amtliche Statistik Gelsenkirchens 26.138 Familien innerhalb der 133.177 Haushalte, d. h. jeder fünfte Haushalt ist ein Familienhaushalt. Unter den Familienhaushalten sind 13 Prozent kinderreich, d. h. es leben drei und mehr Kinder unter 18 Jahren im Haushalt. Mehr als ein Viertel der Familien ist alleinerziehend. Von diesen lebt ein Großteil der Kinder bei den Müttern.
Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren (45 Prozent) hat einen Migrationshintergrund, d. h. die Kinder haben entweder eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit oder sind sog. Doppelstaatler. Die Gruppe der Kinder unter sechs Jahren mit Migrationshintergrund haben bereits die 50 Prozent Marke erreicht.
Es ist kein Novum, dass in Gelsenkirchen im Vergleich zu anderen Städten und Kreisen in Nordrhein-Westfalen anteilig viele Personen von Transferleistungen abhängig sind. Die Armutsquoten von Kindern sind deutlich höher als von Erwachsenen: 34 Prozent der unter 15-Jährigen und 39 Prozent der unter Sechsjährigen sind von Sozialgeld nach dem SGB-II abhängig. Im Vergleich dazu liegen die Armutsquoten der Gelsenkirchener Bevölkerung zwischen 15 und unter 65 Jahren bei 18 Prozent.
Die meisten Kinder in Gelsenkirchen wachsen in den ärmsten Stadtteilen auf und haben häufiger einen Migrationshintergrund.