08. November 2013, 11:10 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. Die Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie - Gelsenkirchen ruft alle Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener auf, mit ihrer Teilnahme an der Demonstration und Kundgebung am 9. November Stellung für Respekt, Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit zu beziehen!
Die Veranstaltung beginnt um 17.30 Uhr mit einem Schweigezug vom Platz vor dem Verwaltungsgericht (Alte Post) am Bahnhofsvorplatz 3 zum Hans-Sachs-Haus. Dort beginnt um 18 Uhr die Kundgebung im Bürgerforum des neuen Hans-Sachs-Hauses. Die Eingänge vom Alfred-Fischer-Platz sind geöffnet.
Es beginnt mit einer Lesung Gelsenkirchener Schülerinnen und Schüler, die ihre Eindrücke ihrer Auschwitz-Fahrt 2012 schildern. Anschließend gibt es Musik von Viktoria Sarainski und Sohn Benjamin.
Die Gedenkrede hält Frank Baranowski, Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen und Schirmherr der Demokratischen Initiative.
Ein kurzer Film über die Auschwitz-Fahrt 2012 des Ziegenmichel e.V. mit Gelsenkirchener Schülerinnen und Schülern und das Moorsoldatenlied runden die Gedenkveranstaltung ab.
Seit 1964 erinnern Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener regelmäßig in Gedenkveranstaltungen am Abend des 9. November der Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung. Dabei erinnert sich die lokale Gesellschaft ihrer Verbrechen an einem Teil ihrer selbst:
Im Jahr 2013 haben engagierte Akteure und Institutionen der Gelsenkirchener Stadtgesellschaft den 80. Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten in den Blickpunkt einer das gesamte Jahr durchziehenden Veranstaltungsreihe gestellt und so an die Ereignisse und Entwicklungen des Jahres 1933 erinnert. Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte Ende März/Anfang April 1933 begann die Verfolgung jüdischer Mensch in Deutschland und auch in Gelsenkirchen.
Nach zahlreichen weiteren antisemitischen Maßnahmen organisierten die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ein Pogrom gegen die noch in Deutschland lebenden jüdischen Menschen, das zynisch "Reichskristallnacht" genannt wurde. Bei diesem Pogrom wurden die Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger zerstört und Menschen misshandelt und getötet. Auch in Gelsenkirchen wurden die Synagogen in Gelsenkirchen und Buer angezündet. Zahlreiche Geschäfte an den Einkaufsstraßen der Stadt wurden verwüstet, Menschen wurden gequält, ihr Hab und Gut vernichtet, viele wurden inhaftiert.
Die Verbrechen dieser Nacht waren ein neuer Höhepunkt des von breiten Bevölkerungskreisen getragenen Antisemitismus und des staatlich legitimierten Terrors gegen die jüdische Bevölkerungsgruppe - nach Boykotten, vielfältiger Diskriminierung, Nürnberger Rassegesetzen, fortschreitender Ausplünderung durch so genannte Arisierungen und tagtäglichen Erniedrigungen.
Nach der Zerstörung der Synagogen und insbesondere mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges gingen die Nationalsozialisten und ihre Helfer zur systematischen Ermordung der europäischen Juden über. Die entrechteten Juden, die nicht aus Gelsenkirchen hatten fliehen können, wurden schließlich ab Anfang 1942 vor den Augen der Bevölkerung in Ghettos und Lager deportiert. Die weitaus meisten der Deportierten wurden ermordet oder Opfer der bewusst geschaffenen Bedingungen in den Lagern.
Diskriminierung, Entrechtung und Misshandlung sowie schließlich die Deportationen aus Gelsenkirchen fanden nicht nur in aller Öffentlichkeit und für zahlreiche Gelsenkirchener sichtbar statt, sondern es waren zahlreiche Organisationen, Institutionen, Behörden, Unternehmen, Einrichtungen und Vereinigungen daran aktiv beteiligt. Etliche Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener profitierten von der Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland. An diesen Verbrechen waren viele Menschen beteiligt, noch mehr wussten oder ahnten zumindest, was geschah.
Mit der Verfolgung und Ermordung der Gelsenkirchener Juden wurden auch viele Spuren jüdischen Lebens in Gelsenkirchen zerstört. Kaum etwas erinnert an die zahlreichen jüdischen Geschäfte auf der Bahnhofstraße, über die sich in diesem Jahr der Schweigezug bewegen wird. Das Alte Rathaus am Machensplatz war in der Zeit des "Dritten Reiches“ Sitz der Polizei, wo man 1933 die Machtübergabe der Nationalsozialisten gefeiert hatte und wo später politische Gegner und Verfolgte inhaftiert waren. Die diesjährige Abschlusskundgebung wird im neuen Hans-Sachs-Haus stattfinden, das während des Nationalsozialismus in seiner alten Form ein zentraler Sitz der Stadtverwaltung war, wo zahlreiche verbrecherische Maßnahmen des NS-Regimes unterstützt oder abgewickelt wurden.
Das neue Hans-Sachs-Haus, das mit seiner baulich dokumentierten Offenheit nun ein Haus der Bürgerinnen und Bürger sowie der Ort der lokalen Demokratie ist, soll am Ende der diesjährigen Gedenkveranstaltung auch ein Gegenbild darstellen zu den Ereignissen des Jahres 1938, an die wir seit Jahrzehnten erinnern.
Die Demokratische Initiative ruft alle Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens auf, jeder Form von Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt entschieden entgegenzutreten. Wachsamkeit, Nachbarschaftshilfe, Mut, Zivilcourage und Engagement im Alltag finden unsere Unterstützung. Demokratie muss täglich gelebt werden, Erinnerung ist ein wichtiger Teil davon.
Beziehen Sie mit Ihrer Teilnahme an der Demonstration und Kundgebung Stellung!