02. Oktober 2017, 11:13 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. Frisch gekürt als Migradonna 2017 und überglücklich steht die diesjährige Preisträgerin Nilufer Hainbach auf der flora-Bühne. Am Abend des 29. September 2017 hat Bürgermeisterin Martina Rudowitz die Preisträgerin bekannt gegeben. Die sechsköpfige Jury hatte aus den vielfältigen Vorschlägen die seit mehr als 30 Jahren in Gelsenkirchen lebende EDV-Fachfrau für den Ehrenamtspreis Migradonna 2017 ausgewählt. Ausschlaggebend war ihr besonderes ehrenamtliches Engagement für in Gelsenkirchen lebende Flüchtlinge. Zur Preisverleihung hatte die Veranstaltergemeinschaft (Internationales Frauencafé im Lalok Libre in Kooperation mit der Stadt Gelsenkirchen und der Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen e. V.) in den Kulturraum „die flora“ eingeladen.
Den Preis gestaltete in diesem Jahr Farzaneh Zaim, eine vor 20 Jahren aus dem Iran nach Gelsenkirchen gekommene Künstlerin.
Die Festrede hielt Terry Reintke, die aus Gelsenkirchen stammende Abgeordnete des Europäischen Parlaments. Für musikalische Begleitung sorgte die in Gelsenkirchen aufgewachsene Musikerin Ayça Miraç mit Begleitband. Schirmherr ist Frank Baranowski, Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen. Die Veranstaltung wurde erneut unterstützt durch die Sparkasse Gelsenkirchen. Informationen zum Preis und seiner Geschichte sind nachzulesen unter www.migradonna.de.
Informationen zur Preisträgerin Nilufer Hainbach, vorgeschlagen von Claudia de Groot:
Nilufer Hainbach wurde am 23. Januar 1960 in Teheran, der Hauptstadt des Iran, geboren. Sie kam 1978 nach Deutschland. Ursprünglich wollte sie in die USA emigrieren, ist jedoch durch das Ereignis der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran 1979 in der BRD geblieben.
Nilufer Hainbach hat zunächst beim Goetheinstitut einen Sprachkurs absolviert. Ziel war die Aufnahme eines Mathematikstudiums. Wegen fehlender formaler Voraussetzungen (ihr Abitur wurde für diese Studienform hier nicht anerkannt) hat sie ab 1980 in Bochum Sozialwissenschaften und ab 1982 Biologie studiert und mit dem Vordiplom abgeschlossen. Auf Grund ihrer Liebe zur Mathematik und Informatik schulte sie dann um zur EDV-Kauffrau, hat von 1990 bis 2006 in einem mittelständischen Unternehmen in Gelsenkirchen Karriere als Abteilungsleiterin gemacht, später dann in einem Bottroper Betrieb gearbeitet.
1987 heiratete Nilufer Hainbach einen Deutschen. 1995 wurde ihre Tochter geboren, doch die Ehe scheiterte und wurde 1999 geschieden. Ihre heute 22-jährige Tochter, die oft Klassen- und Studienbeste war, macht z. Zt. in Berlin ihren Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften, worauf Nilufer Hainbach sehr stolz ist.
Im Dezember 2015 bot Nilufar Hainbach der Ehrenamtsagentur an, ihre Sprachkompetenz für Farsi in Wort und Schrift verbunden mit ihren bürotechnischen Fähigkeiten für die Flüchtlingsbetreuung einzusetzen. Sie wurde zum Paritätischen Wohlfahrtsverband vermittelt. Seit eineinhalb Jahren unterstützt sie nun afghanische und iranische Flüchtlinge. Im Vorschlag zur Auszeichnung heißt es: „Couragiert, mit dem notwendigen Durchsetzungsvermögen setzt sie sich für die Anliegen von Familien, aber auch von vielen Geflüchteten im jungen Erwachsenenalter ein und baut ihnen Brücken, sich in die städtische Gesellschaft einzuleben. Sie ist für viele junge Geflüchtete, besonders auch für Frauen, zu einer wichtigen Bezugsperson, Leitfigur, geworden.“
Seit April 2016 arbeitet sie zusätzlich zu einem kleinen Honorarvertrag mindestens 30 Stunden in der Woche ehrenamtlich. Sie hilft den Flüchtlingen vielfältig weiter. Einzelbegleitungen zu den Ämtern (Ausländerbehörde, Jobcenter), Postbearbeitung für die zu erledigenden Angelegenheiten, Hilfe bei der Wohnungsfindung („Türöffnerin“ für Vermieter), Hilfe beim Umzug, Mails und Anrufe am Wochenende, einfach „Mädchen für alles“. Besondere Ereignisse waren die Dolmetscherinnentätigkeit bei der Entbindung einer Afghanin und die Begleitung eines Iraners mit Nabelbruch bis zur OP-Tür und die sich nach der Operation anschließende Nachsorge.
Im Vorschlag zur Auszeichnung beschreibt Claudia de Groot ihre Leistung eindrucksvoll: „Nilufer Hainbach ist für mich ein Bespiel für gelungene Integration. Sie hat durch ihren Lebenslauf gezeigt, dass man als Frau mit Migrationshintergrund in der deutschen Gesellschaft erfolgreich sein kann.
Den Preis gestaltete in diesem Jahr die Künstlerin Farzaneh Zaim, die sich in einem Selbstportrait beschreibt:
Ich bin Farzaneh Zaim, 48 Jahre alt, gebürtige Iranerin und tätig als freiberufliche Künstlerin. Vor 20 Jahren haben mein Exmann und ich beschlossen, die gefährliche Reise nach Europa anzugehen, angetrieben von dem Gedanken an eine bessere Zukunft für meine damals kleine Familie. In meinem Heimatland selbst wurde mein Mann politisch verfolgt. Schwanger und mit einem sechsjährigen Kind an der Seite haben wir es mühsam nach Deutschland geschafft. Dort angekommen betrug die Wartezeit für einen endgültigen Aufenthaltstitel 10 Jahre. 10 Jahre war unser Alltag geprägt von großer Unsicherheit und Angst. Das Arbeiten wurde uns in dieser Wartezeit verweigert genauso wie das Reisen und das Besuchen von Sprachkursen. Man erreicht schnell den Punkt, wo man mit seinen Kräften am Ende ist, besonders wenn man drei Kinder zu versorgen hat. Nach diesen 10 Jahren war es mir dann endlich möglich, mich stückweise aufzuraffen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, indem ich jede Möglichkeit ergriff mich auch wieder auf meine Karriere zu fokussieren. Und jetzt bin ich stolz, dass ich dort angekommen bin, wo ich gerade stehe und die Ehre habe, mit unglaublich tollen Menschen zu arbeiten und meiner Leidenschaft, der Kunst, nachzugehen. Nach verschiedenen Fort- und Ausbildungen bin ich froh, Teil von Projekten zu sein, die mir sehr am Herzen liegen. Und auch meine zwei Töchter studieren und mein Sohn macht gerade sein Abitur. Nun bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich erfreut und gespannt in Richtung Zukunft blicken kann.
Hinweis an die Redaktionen: Ein Foto von der Preisverleihung finden sie im Anhang.