03. November 2014, 10:19 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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Die Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen ruft alle Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener auf: Beziehen Sie mit Ihrer Teilnahme an Demonstration und Kundgebung Stellung für Respekt, Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.
Die Veranstaltung beginnt am 9. November 2014 um 15 Uhr mit einem Schweigezug auf dem Nordsternplatz vor dem Eingang Vivawest. Der Schweigezug verläuft über die Straßen Am Bugapark, Kranefeldstraße über An der Rennbahn in die Gelsenbergstraße, Am Schleusengraben bis zur Trauerhalle des Friedhofs Horst-Süd.
Die Teilnehmer werden um 15.30 Uhr durch den Schirmherr der Demokratischen Initiative, Oberbürgermeister Frank Baranowski begrüßt. Es folgt ein Musikbeitrag von David Sarajinski. Anschließend führt der Schweigezug zum „Kapp-Putsch-Denkmal“, wo die Erinnerungsorte-Tafel zum „Kapp-Putsch-Denkmal“ durch Schülerinnen und Schüler des Weiterbildungskollegs Emscher-Lippe vorgestellt wird. Von dort geht es weiter zur Grabstätte für sowjetische Zwangsarbeiter. Hier wird Erinnerungsorte-Tafel zur Grabstätte für sowjetische Zwangsarbeiter durch das Institut für Stadtgeschichte vorgestellt. Traditionell endet die Veranstaltung mit dem Moorsoldatenlied.
Seit 1964 gedenken Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener regelmäßig am 9. November der Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Jahr 1938. Dabei erinnert sich die lokale Gesellschaft ihrer Verbrechen an einem Teil ihrer selbst.
Nach zahlreichen weiteren antisemitischen Maßnahmen organisierten die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ein Pogrom gegen die noch in Deutschland lebenden jüdischen Menschen, das zynisch "Reichskristallnacht" genannt wurde. Bei diesen geplanten und vorbereiteten Gewalttätigkeiten wurden die Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger zerstört und Menschen misshandelt und getötet. Auch in Gelsenkirchen wurden die Synagogen in Gelsenkirchen und Buer angezündet. Zahlreiche Geschäfte an den Einkaufsstraßen der Stadt wurden verwüstet, Menschen wurden gequält, ihr Hab und Gut vernichtet, viele wurden inhaftiert.
Die Verbrechen dieser Nacht waren ein neuer Höhepunkt des von breiten Bevölkerungskreisen getragenen Antisemitismus und des staatlich legitimierten Terrors gegen die jüdische Bevölkerungsgruppe - nach Boykotten, vielfältiger Diskriminierung, Nürnberger Rassegesetzen, fortschreitender Ausplünderung durch so genannte Arisierungen und tagtäglichen Erniedrigungen.
Nach der Zerstörung der Synagogen und insbesondere mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges gingen die Nationalsozialisten und ihre Helfer zur systematischen Ermordung der europäischen Juden über. Die entrechteten Juden, die nicht aus Gelsenkirchen hatten fliehen können, wurden schließlich ab Anfang 1942 vor den Augen der Bevölkerung in Ghettos und Lager deportiert. Die weitaus meisten der Deportierten wurden ermordet oder Opfer der bewusst geschaffenen Bedingungen in den Lagern.
Diskriminierung, Entrechtung und Misshandlung sowie schließlich die Deportationen aus Gelsenkirchen fanden nicht nur in aller Öffentlichkeit und für zahlreiche Gelsenkirchener sichtbar statt, sondern es waren zahlreiche Organisationen, Institutionen, Behörden, Unternehmen, Einrichtungen und Vereinigungen daran aktiv beteiligt. Etliche Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener profitierten von der Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland. An diesen Verbrechen waren viele Menschen beteiligt, noch mehr wussten oder ahnten zumindest, was geschah.
In der Gegenwart erleben wir einen neuen Antisemitismus, Rassismus taucht wieder auf und Fremdenfeindlichkeit zeigt sich in vielfältigen Formen. Gewalt und Krieg, teils religiös motiviert, werden wieder mehr als Mittel der Politik akzeptiert. In Gelsenkirchen, als einer Stadt, in der schon immer Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und politischer und religiöser Orientierungen ihr nicht immer konfliktfreies Zusammenleben organisierten, müssen wir jeder Form von Ausgrenzung, Hass und Gewalt entgegentreten. Hier wollen wir friedlich in Vielfalt leben. Dafür haben sich ganz unterschiedliche Organisationen in der Demokratischen Initiative zusammengefunden.
Im Jahr 2014 wollen wir nach dem Schweigezug auf dem Friedhof Horst-Süd auf die langen Entwicklungslinien hinweisen, die in den Nationalsozialismus führten: Zwei neue Informationstafeln aus dem von der Demokratischen Initiative angeregten Projekt "Erinnerungsorte" werden der Öffentlichkeit präsentiert. Sie weisen am Beispiel des „Kapp-Putsch-Denkmals“ auf die frühen Versuche von Nationalisten, Völkischen und Antidemokraten hin, die Weimarer Republik und damit die Demokratie zu zerstören. Die an die Macht geholten Nationalsozialisten zerstörten bezeichnenderweise das Denkmal, das an die Opfer des Kampfes der Horster Arbeiterschaft gegen die Antidemokraten erinnert. Doch die Überlebenden des Widerstandes und der rassistischen und politischen Verfolgung errichteten das Mahnmal nach der Befreiung vom Nationalsozialismus neu. Und ein weiterer Ort, der mit einer Erinnerungsorte-Tafel "erklärt" wird, belegt die Verbrechen der Nationalsozialisten: Am Ort eines kleinen jüdischen Friedhofs der Horster Juden, der im Bombenkrieg zerstört wurde, entstand im "Dritten Reich" ein Massengrab für umgekommene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der damaligen Sowjetunion.
Die Demokratische Initiative ruft alle Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens auf, jeder Form von Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt entschieden entgegenzutreten. Wachsamkeit, Nachbarschaftshilfe, Mut, Zivilcourage und Engagement im Alltag finden unsere Unterstützung. Demokratie muss täglich gelebt werden, Erinnerung ist ein wichtiger Teil davon.
Beziehen Sie mit Ihrer Teilnahme an der Demonstration und Kundgebung Stellung!